Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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Behörde aüf Grund der Vorschlagsliste ernannt. Ter Referent forderte eine zeitgemäße moderne Verfassung, vor allem Stärkung der Rechte des Ausschusses im Sinne der modernen Städteverfassung,.Vermehrung der Zahl der Ausschußmitglieder und Verlängerung ihrer Amtsdäuer, Wahl des Vorstandes durch den Ausschuß oder durch die Gemeinde Beschränkung der Mitwirkung der staatlichen Organe bei der Wahl der Gemeindebehörde auf die auch sonst allgemein übliche Bestätigung. Diese Forderungen sollen dem Landtag unterbreitet werden. In der Diskussion sprach man sich zustimmend zu diesen Ausführungen aus, und diese Zustimmung fand in einer einstimmig angenommenen Resolution ihren Ausdruck. — Machen, 2. April. Der Rechenschaftsbericht des „Israelitischen Unterstützungsvereins" verzeichnet 261 Mitglieder, 6323 Mark Einnahmen und 8185 Mark Ausgaben. Die größten Ausgabeposten (2758 Mark) verursachten die Rückwanderer; weiter wurden an Auswanderer 976 Mark verausgabt, 1074 Mark, füp Speise- und Herbergskosten, so daß also der weitaus kleinere Teil.der verausgabten Summen für einheimische Arme aufgewendet worden ist. Bei der Kasse fanden sich im abgclaufenen Geschäftsjahre mehr als 3000 Bittsteller ein. . Gefterrejch-Amiarn. LZ Wien, 6. April. Unser guter Dr. Lueger ist nun zum siebenten Male zum Bürgermeister der Stadt Wien gewählt worden. Warum auch nicht? Die Opposition ist mundtot —und Herr Lueger hat bei diesem Anlässe eine so von Patriotismus triefende Rede gehalten, daß seine Wiederwahl etwas Selbstverständliches ist. Aber wie lange ist es her, daß der wackere Bürgermeister in wenig verhüllter Weise die häßlichsten Angriffe gegen den greisen Monarchen richtete, den er jetzt so feiert? Io, den braven Antisemiten ist eben alles gestattet. Und die Korruption ist nur bei den Juden — so versichert wenigstens die antisemitische Presse jeden Tag, und der . dumme Kerl von Wien lallt dieses Stichwort getreulich und gedankenlos nach. — Die Kriegsgefahr, welche über der österreichischungarischen Monarchie bis in die letzten Tage geschwebt hatte, hatte auch die Einberufung zahlreicher Reservisten zur Waffenübung zur Folge. Die Einberufenen wurden zumeist nach Bosnien und der Herzegowina kommandiert. Unter den Einberufenen befanden sich nach halbamtlicher Schätzung zumindest 12 000 jüdische Soldaten, -zum guten Teile verheiratete Reservisten, Familienväter, die Wejb und Kind zurücklassen mußten. Von Mh und jfrrn. — Ter Geheime Sanitätsrat Dr. Oskar Rothmann, einer der angesehensten und beschäftigtsten Aerzte Berlins feierte am 31. v. 9jp. sein 50jähriges Doktorjubiläum. Derselbe erhielt aus diesem Anlaß dßn Kronenordeu III. Klasse. Rothmann ist am 3. August 1835 zu Wongrowitz in der Provinz Posen geboren. — Der Buchdruckereibesitzer R. Voll starb am 30. v. M. in Meran im Alter von 78 Jahren. Er hat als. langjähriger Vorsitzender der Sektion VIII der Deutschen 'Buchdrucker-Berufsgenossenschaft hervorragend mitgewirkt an der Erfüllung der Aufgaben der reichsgesetzlichen Unfallversicherung und war nahezu 40 Jahre als Vorsitzender des Gehilfenprüfungsausschusses für das Buchdruckgewerbe und in anderen ehrenamtlichen Stellungen im Interesse dieses Gewerbes tätig. — Der jetzt so gefeierte Maler Hans v. Maries ist jüdischer Abkunft. Seine Mutter Friedrike, geborene Sußmann, die Tochter eines Halberstädter jüdischen Bankiers, war eine in ihrem Kreise geschätzte Dichterin. 4- Jm Gnadenwege ist die gegen den Redakteur Otto Weber durch Urteil der vierten Strafkammer wegen Beleidigung des Justizrats Dr. Friedländer zu Potsdam erkannte zweimonatige Gefängnisstrafe in eine Geldstrafe von. 500 Mark umgewandelt worden. Es ist dies in kurzer Zeit die zweite Begnadigung desselben Redakteurs. I.m vorigen Jahre wurde die gegen ihn wegen Beleidigung des Rechts-; kandidaten Bernhard v. Bülow. eines Neffen des Reichskanzlers, erkannte zweimonatige Gefängnisstrafe durch kaiserlichen Erlaß in eine Geldstrafe von 300 Mark im Gnadenwege umgewandelt. — In Tuche! ist am 31. v. M. plötzlich der älteste Bürger der Stadt, Herr Judas Weiß, gestorben. Er hat ein Älter von über hundert Jahren erreicht. — In Hohensalza ist am 27. v. M. Herr Louis Sandler plötzlich verschieden. ' Er war einer der besten Männer der Gemeinde, Vorsitzender des Literaturvereins, Mitglied der Repräsentanz der jüdischen Gemeinde und vieler Vereine. Ehre seinem Andenken! — In Sch wetz feierten die Salomon Löwenthalschen Eheleute die goldene Hochzeit. Die Einsegnung vollzog der Rabbiner Dr. Nordheimer, der die Iubiläums-Medaille. überreichte. — In Marien bürg wurde der Kaufmann M. Sali u ger zum unbesoldeten Magistratsmitglied wiedergewählt. — In Laurahütte (O.-S.) feierte der Hauptlehrer Semmel sein 25jähriges Lehrerjubiläum unter Teilnahme der gesamten jüdischen Gemeinde und zahlreicher, auch auswärtiger ehemaliger Schüler. Das Fest, das diese ihrem Lehrer veranstaltet hatten, wie auch die reichen Geschenke brachten die Hochachtung zum Ausdruck, die sich der Jubilar durch sein vielseitiges Wirken in 24jähriger Wirksamkeit am Orte erworben hat. — Der außerordentliche Professor und Direktor der medizinischen Poliklinik an der Universität Breslau, Dr. Richard Stern, hat einen Ruf als ordentlicher Professor und Direktor der medizinischen Klinik als Nachfolger Minkowskis nach Greifswald erhalten. — Kommerzienrat Gustav Plaut in Kassel hat das Waldecksche Verdienstkreuz III. Klasse erhalten. — Nach den letzten bayerischen Militärdienstnachrichten wurden zu'Stabsärzten befördert: Oberarzt Dr. Becker-München, Dr. D. Grünbaum- Nürnberg, Dr. Sondheimer-Hof, Dr. Schloß-Hof, Dr. Blumenthal-Augsburg, Dr. Auerbach und Dr. Salomonski-Hof.— In Prag ist am 4. d.M.Hofschauspieler Adolf Ritter v. Sonnenthal infolge eines Schlaganfalls im Alter von 75 Jahren verstorben. Bekannt und gefeiert als hervorragender Künstler, war er auch ein liebenswürdiger Mensch und glaubeustreuer Jude. Ehre seinem Andenken! — Die russische Negierung hat an alle Gouverneure eine Zirkularnote erlassen, in der den verantwortlichen Behörden streng anbefohlen wird, die energischsten Maßnahmen gegen diejenigen Zeitungen und anderen Preßprodukte zu ergreifen, die besonders jetzt vor den jüdischen Osterseiertagen die Bevölkerung zu Pogromen gegen die Juden aufreizen. — In der 57. Sitzung der Reichsduma, bei Beurteilung des Budgets des Ministeriums des Innern, sagte der liberale Abgeordnete Adjemow folgendes: „Auf dem Gebiete der nationalen Frage ist dieselbe Reaktion: Die Juden sind in eine solche Lage versetzt, in welcher sie selbst in den schlechtesten- Zeiten der Willkür nicht lebten". — Der russische „Heilige Synod" beabsichtigt, Schritte zu tun, um die jüdischen Täuflinge in allen Rechten den Nationalrussen gleichzustellen und erhofft von diesem Vorgehen analog den deutschen Verhältnissen ein starkes Anwachsen der Taufbewegung. Ferner soll das beliebte auch bei der Londoner Judenmission bewährte Mittel der „Missionsspitäler" angewandt werden. — Nach Berichten aus dem nahegelegenen Janowka, aus Koschan (Bessarabien) und Lira spot gehen dort Hunderte von Inden dem sicheren Hungertode entgegen. Die örtlichen Behörden sind nicht imstande, dem allerdringlichsten Verlangen der Hungernden nachzukommen, welche halbnackt durch die Straßen ziehen und um Brot betteln. — In Poltawa hat eine bemerkenswerte Gerichtsverhandlung stattgefunden. Ein Schüler der III. Gymnasialklasse stand unter der Anklage der Beleidigung des Verbandes der echt-russischen Leute vor dem Richter. Er hatte nämlich im Vorbeigehen bei der Lesehalle der Verbändler ausgerufen: „Hooligans!" Der Verwalter der Lesehalle, der den Ausruf gehört hat. verprügelte den Knaben und erhob obendrein noch Klage beim Gericht. Merkwürdigerweise ist der Junge freigesprochen worden. — Aus Mangel an Mitteln wurde die Odessaer Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Täuflinge, die in die rechtgläubige Kirche übertreten, aufgelöst. — Türken entführten in Newrekov im Bezirk Serres ein jüdisches Mädchen. Obgleich der Großrabbiner und alle israelitischen Vereine protestieren, wurde das Mädchen nach Saloniki gebracht und wird zum Islam bekehrt werden. Alle Schritte bei den Behörden blieben erfolglos. Die israelitische Bevölkerung ist empört. — Aus Teheran wird gemeldet, daß sich blutige antisemitische Unruhen in Kermanschah ereignet haben. Sie wurden durch die Beschuldigung hervorgerusen, ein Jude hätte einen Mohammedaner zu Tode geprügelt. Eine große Volksmenge griff darauf das Ghetto an und veranstaltete unter den Juden ein Blutbad. Drei Juden kamen dabei ums Leben und über 300 erlitten Verletzungen, vielfach schwerer Natur. Die Volksmenge plünderte und verbrannte 170 Häuser, die den Juden der Stadt gehörten; außerdem wurden 500 Juden mißhandelt und ausgeraubt.