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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-09 · Heft 15 (9.4.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 9. April 1909. 73. Jahrgang. Nr. 15; Dtefe: Zeitung erscheint wöchentlich. Aboynen, en ts-greis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstrllcn) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson: VerlSLL-LrxöMM: Berlin, Jerusalemer Str. 46 49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Ailgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. MtgrdanKen. Berlin, 9. April. ie Historizität der Ereignisse, die sich an den Auszug der' Kinder Israel aus Aegypten knüpfen, wird von den modernen Forschern kaum noch ernstlich in Frage gestellt. Höchstens wird die verschiedenartige und wunderliche Erklärung, die die Alten von diesen Ereignissen gegeben, kritisiert und das Siegeslied Mosis für ein künstlerisches literarisches Werk ausgegeben, das aus einer viel späteren Zeit stamme. Die Gründe für eine solche Annahme sind jedenfalls nicht sehr überzeugend. Dagegen wirkt dieses Siegeslied, das die' Synagoge dem siebenten Tag des Passahfestes aufbewahrt hat, auch heute noch mit elementarer Kraft und überwältigender Macht. - Es stellt uns nämlich zwei große Gedanken vor die Seele: den Gedanken der göttlichen Vergeltung und den der göttlichen Rettung. Vergeltung und Rettung sind Eines: in der Rettung des schuldlos Leidenden liegt die Vergeltung des Frevlers; die erstere wäre unmöglich ohne die letztere; weil der Bösewicht den Gerechten verderben will, findet er sein Verderben. Hätte Pharao am Ufer des Meeres abgelassen von der'Verfolgung Israels, konnte er ruhig zurückkehren. Da er aber auch hier nicht abstehen wollte von Mord und Unterdrückung, bereitete er sich selbst den Untergang. Das sind, die Wege des Herrn. Aber wenn wir auch das große Siegeslied am Meere der Kritik preisgeben wollten, die Schilderung des Auszugs selbst ist von einer solchen Gewalt der Darstellung und von einer solchen inneren Wahrhaftigkeit, daß keine Kritik den tiefen und nachhaltigen Eindruck derselben zu erschüttern vermag. Wir lesen sie in jedem Jahre am siebenten Passahtage — und in jedem Jahre erscheint sie uns neu und merkwürdig, entdecken wir Bezüge und Hinweisungen auf die Zeit, in der wir leben, Gedanken, die zu den Fragen und Sorgen der Gegenwart hinüberführen. Daher haben unsere Alten das treffende Wort geprägt: „Jeder ist verpflichtet, sich so zu betrachten, als sei er selbst aus Aegypten miterlöst worden." Derart soll das religiöse Gefühl auf uns einwirken, daß alle die Wunder und Taten uns so Vorkommen, als seien sie an uns selbst geübt worden. Und in der Tat sind sie auch an uns selbst und für uns selbst geschehen! Darum versetzen wir uns auch in diesen Tagen immer so gern in jene große Vergangenheit. Indem wir das Andenken des Auszugs aus Aegypten feiern, würdigen wir die Bedeutung jener historischen Ereignisse und erkennen das Heil, das durch sie „unseren Vätern und uns" zuteil geworden ist. Daran kann keine Kritik jener Ereignisse auch nur das geringste ändern. . ' - Denn die beiden großen Momente dieses Befreiungsaktes liegen außerhalb des Rah Alls jeder gelehrten Kritik. Auch die radikalste kann nicht bestreiten, daß Israel durch jenen geschichtlichen Akt frei geworden ist vom Dienste der Menschen. Man bedenke, was es heißt, geknechtet zu sein wie die Israelitenin. Aegypten, nicht sowohl von einem auswärtigen Volke — denn dieses erträgt sich eher, weil der Druck sich gemeinsam und gleichmäßig über alle verteilt — sondern in einem und demselben Lande mit den Unterdrückern sein und des Mitbewohners Fuß täglich auf dem Nacken fühlen; die Männer — Sklaven, die Frauen — Sklavenmütter, die' Jünglinge — die nervige Faust ballend gegen den fürchterlichen Druck und dennoch die Arbeit für den Peiniger leistend: dies alles müssen wir uns vorstellen und hineinfühlen in das Empfinden unserer Vorfahren, als der Morgen der Befreiung anbrachan dem sie „mit hochgehobener Hand" auszogen aus dem Lande der Knechtschaft. Wer aber fände hier nicht den geschichtlichen Zusammenhang? Denn an jener großen Begebenheit hat Israel sich erhoben in den Jahrhunderten feiner schicksalsreichen Geschichte; ' daran labt es sich noch heute in den Ländern Pharaonischen Geistes. Dort vor allem gedenkt man mit tiefer Rührung des Auszugs aus Aegypten. Aber auch für uns ist das Ereignis noch von großer Bedeutung. Sehen wir doch selbst in den Ländern, wo die bürgerlichen Zustände sich gebessert, vor allem im eigenen Vaterland, wie immer noch das Vorurteil und die Geringschätzung um des Glaubens willen das Urteil trüben und verkümmern. Aber im Passahgedanken liegt für Israel wie für die Menschheit die untrügliche Bürgschaft der - Befreiung aus Mensch endruck. Doch noch höher anzuschlagen ist der zweite Moment dieser Befreiungsgeschichte. Denn dadurch ist Israel eingetreten in den Dienst Gottes. Sehr fe n haben das die Alten angedeutet, indem sie in das „Daj&u.“ der Hagada den Satz einfügten: „Hätte uns Gott aus Mizrajim geführt und uns die Thora nichtgegeben, so wäre uns ' auch genug geschehen!" Um wievielhWer steht aber jenes denkwürdige Ereignis, da der Herr uns vom Sklaven- .dienst Mizrajims befreit und sodann in seinem Dienst gestellt hat. Nach dem Auszug aus Menschendruck der Einzug in den Dienst Gottes — wahrlich, Israel hat allen Grund, sein Passahfest in aufrichtiger Erhebung zu feiern. Wenn aber die Väter im schaurigen Mittelalter allabendlich ■ den Gott priesen, der sein Volk aus Aegypten zu ewiger Freir > Heit (lecherut olam) geführt, hätte da nicht bei dem Gedanken an den furchtbaren Druck, der auf ihnen lag, der tiefste Schmerz i sie erfüllen, hätten da nicht jene Worte wie ein Hohn auf ihr Schicksal klingen müssen, wenn nicht der Geist sie gehoben, der

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