Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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73. Jahrgang. Nr. 14. Berlin, 2. April 1909. eilung des Auüentums Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bann einen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstrllen) bezogen vierteljährlich 3 UI. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Alle Zusendungen fär Redaktion und Expedition sind an die Adresse:. Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße WlW, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Lum Osssshfrlte. Berlin, 1. April. nzähligemale sind die hohen Gedanken, die den Grundzug unseres großen Festes bilden, gepredigt und gelehrt worden, und ebensooft werden sie noch wiederholt werden müssen, um Eingang zu finden in die Herzen und Gemüter. Und auch die Frage ist unzähligemale gestellt worden: Worin besteht denn eigentlich der Zauber dieses Festes? Die Antwort darauf war eine verschiedenartige. Die großen Gedanken des Frühlings und der Freiheit, die diesem Feste zugrunde liegen, sind es zunächst, die ihm seinen eigentümlichen Charakter gegeben haben. Innig haben sich Natur und Geschichte verbunden, um seine unvergleichliche Feier zu verherrlichen. Es erfüllt mit freudigem Selbstgefühl das Herz jedes Gläubigen: Wir allein sind es, die der Freiheit ein heiliges Fest gestiftet haben, und wie die Schwalben im Frühling wiederkehren zu des Hauses Gesimsen, so kehrt auch uns alle Jahre die Hoffnung wieder, daß ein Tag der Erlösung kommen werde für alle Gebeugten am Leibe, für alle Geknechteten am Geiste, eine Zeit der Verjüngung des Menschengeschlechts, wo alle Völker sein werden ein Volk Gottes und alle Länder bilden werden ein Land Gottes, und wie einst die Götzen Aegyptens gestürzt sein werden alle Wahngebilde auf' der ganzen Erde. Und Gott allein wird erhaben sein an jenem Tage. Frühling und Freiheit, Hoffnung und Erinnerung, Menschenheilsgestaltung und Menschengeistesentfaltung, Anfang und Ende eines glorreichen Erziehungsganges und heiligen Erlösungswerkes: alles, alles vereinigt sich, um die erhabene Feier als eine Gott geweihte in ihrer ganzen Bedeutung entfalten zu lassen. Aber all dieses erschöpft noch nicht den merkwürdigen Zauber dieses Festes. Vielleicht hat der deutsche Dichter tiefer geblickt als alle Prediger und Lehrer, wenn er diesen Zauber hauptsächlich den Sederabenden zuschreibt und diese in seiner scharf charakteristischen Art folgendermaßen beschreibt: „Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll ist der Charakter dieser Abendfeier und der herkömmlich singende Ton, womit die Hagada von dem Hausvater vorgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig und mütterlich einlullend und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten herkömmlichen Passahklänge zerstörend ins Ohr dringen." Ja, das ist es, was dem Feste seinen eigentümlichen Zauber verleiht. Es ist ein Fest der jüdischen Familie und der jüdischen Tradition. Das ganze Zeremonial und Ritual des Festes, dieses märchenhaft Geheimnisvolle, Familiäre und Legendäre umgibt es mit jenem Zauber, der nie verblaßt und der noch in der Erinnerung lebendig fortwirkt. Damit verbindet sich eine Tradition, die von Geschlecht zu Geschlecht ging und ihre Fäden bis in die Gegenwart hineinspinnt: die Erinnerung an alle Leiden und Verfolgungen, die Israel in den vergangenen Jahrhunderten erlitten, tritt uns niemals so schauervoll lebendig, so ernst mahnend vor das Auge, als im Licht der Sederäbende. Aus allen diesen Erwägungen erwächst aber für die, die auch in dieser neuen Zeit ein inniges und starkes Familienleben sich und ihren Kindern bewahren wollen, die heilige Pflicht, den Zauber dieses Festes nicht gering zu achten, sondern sich diesen ja zu erhalten, denn in ihm liegen die Wurzeln unserer Kraft. Der Familiensinn, die Barmherzigkeit und die Hoffnungssreudigkeit des jüdischen Stammes treten an keinem anderen Feste so in die Erscheinung, wie an diesem. Am Sederabend sitzen die Familienglieder um den festlich bereiteten Tisch und erzählen aus der^Hagada die Geschichte von dem Auszug der Kinder Israels aus Aegypten. Schon die ersten Blätter dieser Erzählung zeigen uns das jüdische Leben in seiner besten Eigenart. Sie beginnt mit den Worten: „Das ist die ärmliche Kost, die unsere Vorfahren in Aegypten genossen haben." Der ganze Jammer des Druckes und der Knechtschaft tritt uns lebendig vor die Seele, die Saiten unseres Herzens werden gerührt. Und dann heißt es: „Wer hungrig ist, der komme und esse mit!" Der Jude will nicht, daß irgendein Mensch darbe und der Festesfreude entbehre, die über sein Haus gekommen ist. Er schließt mit dem hoffnungsfreudigen Ausruf: „Jetzt sind wir Knechte, künftiges Jahr werden wir freie Männer fein!" * Welche Empfindungen und Gefühle sprechen aus diesen wenigen Sätzen, und welche Kontraste vereinigen sich in denselben! Das vom Druck niedergebeugte Herz öffnet sich voll Milde dem Bedürftigen und erhebt sich mit wunderbarer Elastizität zur Sonnenhöhe der Freiheit. Und dann nehmen wir den geweihten Kelch zu vierfachem Segens- und Trinkspruch in die Hand. Es gilt das erstemal dem Geiste, daß er nie aushöre zu leuchten in Israel, das zweitemal dem Gemüte, daß es nie aufhöre zu glühen für unsere heilige Lehre; es gilt das drittemal der Erinnerung, daß sie uns alle und die nach uns kommen dem Judentum erhalte, das viertemal der Hoffnung, daß sie uns mit der Menschheit verbinde. Das erhabene llesodono haboh („im