Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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, Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bo nn er»enis-pr e is: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verrriebsstrllen) bezogen vierteijährNch 3m. ReLakleur: Gustav, Rarxeles. Begründet von- ' Rabbiner Dr Ludwig Philippsoiu Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Merlin S"W., Ierüsalerner Straße ^S/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Gleiches Recht kür Kllr. .Berlin, 17. März, n der Vorwoche hat der „Verein zur Währung des überlieferten /Judentums" hier' eiye öffentliche Versammlung abgehalten, in welcher außerhalb des Rahmens des eigentlichen Vortrages auch Fragen zur Erörterung gelangten, die das liberale Judentum berühren. Den Hauptvortrag des Abends hielt Rabbiner Dr. Höxter, der, wie anerkannt werden soll, in durchaus sachlicher, wohl durchdachter Ausführung über das Verhältnis der modernen naturalistischen Weltanschauung zu der des Judentums sprach. ' Dagegen erfordern die Ausführungen der anderen Herren, : die diese nach dem Vortrage' machten, eine kritische Beleuchtung. Einer beschwerte sich zunächst darüber, daß die in ausführlicher Petition den' Gemeindebehörden vörgetragenen Forderungen des Vereins,' wozu in erster Linie die Einsetzung eines auf ,dem Boden der Ueberlieferüng stehenden Rabbinats -gehört, noch immer der Erfüllung harrten.. Von anderer Seite aus, der Versammlung würde es beklagt, daß. die ’ meisten deutschen Rabbinerseminare ihre Zöglinge im Geiste der ..„liberalen Richtung" erziehen. „Angesichts der daraus drohenden Spaltung der deutschen Judenheit sollten, so meinte ein Redner, die hohen Lehranstalten des Judentums aus ihrer „Zurückhaltung" heraustreten und durch "unzweideutige Erklärungen darüber Klarheit schaffen, was im Rahmen des Judentums Berechtigung hat und was nicht? Also etwa die Forderung des Zusammentrittes eines Synedrions zur Neuredigierung der Grundlehren des Judentums. Für Männer, die auf orthodoxem Boden stehen, immerhin doch schon etwas Fortschrittliches. Geht man einmal von dem Standpunkt aus, daß man das Recht der Orthodoxie, für ihre Richtung Propaganda zu machen, anerkennt, ja die Bestrebungen der Orthodoxie für berechtigt erklärt, so ergibt sich zunächst nach dem Grundsätze der ganz allgemeinen Gerechtigkeit, daß. man die gleiche Berechtigung glatt auch den nicht orthodoxen 'Kreisen, ja auch dem Reformjudentüm zuerkennen muß. Davon aber wollen die Herren der Orthodoxie nichts wissen. Es kann'keinen Augenblick zweifelhaft sein, daß,die Orthodoxie, wo sie unter sich ist und die Macht in Händen hat,/in. der schärfsten W^eise gegen diejenigen eifert, die von ihrem stürren Standpunkt auch nur um weniges abweichen. Eiü klassisches Beispiel dafür hat ja die kürzlich stattgefundene russischem Nabbinerkonferenz geliefert. Dort verlangte man nicht weniger als ein direktes,-Strafrecht für die Rabbiner gegenüber den Gemeindemitgliedern, die., von dem. orthodoxen- Ritus abwichen. Ga sogar eine -Zensur der .Lektüre, die den Gemeindemitgliedern und dem jüdischen, Nachwuchs gestattet fein solle, verlangten die Herren Rabbiner, und da sie offenbar auf die Macht ihrer Gründe und ihre eigene Macht nicht recht vertrautem begehrten sie sogar die' Machtmittel des weltlichen Staates. Wer böte wohl in deutschen Landen die Garantie dafür, daß wenn die hierarchisch-orthodoxe Richtung hier das Heft in Händen hätte, nicht gleiche Ziele erstrebt werden würden! Die deutschen Juden haben freilich zu lange im Lichte freier wissenschaftlicher Forschung gelebt, um je zu jenen Zuständen zurückgeführt werden zu können, wie sie sich etwa die süddeutsche Orthodoxie vorstellt und wünscht. Denn wenn die Herren von den höheren jüdischen Lehranstalten eine authentische Interpretation der Grundlehren des Judentums ver- ^WNgen> so verstehen sie daxunter ganz selbstverständlich nur eine Interpretation im orthodoxen Sinne. Oder würden sie auch eine solche öffentliche Deklaration der jüdischen "Lehranstalten dann, anerkennen, wenn sie im Sinne des liberalen Judentums gehalten wäre? Und schließlich, wenn die Herren sich gar nicht genug darin tun können, die Präzision des Programms der liberalen Judenheit zu bemängeln, so fragen wiv, bis zu welchem Punkte reicht denn eigentlich der Begriff des orthodoxen Judentums? Man wird doch ohne weiteres zugeben, daß das, was sich in Berlin als strenggläubiges Judentum ausgibt, wesentlich differenziert ist von dem Judentums, das in Fulda und Frankfurt, oder gar in Preßbürg Und Kowno als allein echt abgestempelt ist. Würden also nicht die „unzweideutigen Erklärungen" über das, was im Rahmen des.Judentums Berechtigung hat und was nicht, von unseren Ultra-Orthodoxen doch als für sie unverbindlich bezeichnet werden, wenn die höheren Lehranstalten des Judentums zur Abgabe solcher unzweideutiger Erklärungen bereit wären und sie nicht in ihrem Sinne ausfallen würden? Wenn wir schon vorhin die Klage, daß die meisten deutschen Rabbinerseminare „ihre. Zöglinge im Geiste der liberalen Richtung erziehen", als saksch bezeichnet haben, so..ergibt sich diese Charakterisierung der. Forderung einmal daraus, daß' es zunächst durchaus nicht richtig ist, daß. die meisten deutschen Rabbinerseminare dies tun. Ist den Herren denn nicht bekannt, daß,das Berliner Rabbinerseminar nicht der „liberalen", sondern ihrer eigenen Richtung zuzuzählen ist? Wissen die Herren/nicht, daß selbst das Breslauer Seminar nicht als der spezifisch liberalen Richtung des^ Judentums huldigendes bezeichnet werden kann? Wo sind denn die meisten Rabbinerseminäre, ’ die ihre Zöglinge in ausgesprochen „l i b e r a l e r Richtung" ausbilden:^ Letzten Müdes jedoch erhebt sich die Frägewer hindert denndie Orthodoxie^ Rabbinerseminare ihrer Richtung zu errichten?.. Esgeht doch nichtgut an, wenn nun' einmal die überwältigende Majorität der deutschen Juden mehr