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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-26 · Heft 9 (26.2.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 9 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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73. Jahrgang. Nr. 9. Berlin, 26. Februar 1909. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner De. Ludwig Hhilippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Sir. 46'49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße <*6/4:9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Verliu» Die Wologik drs Judentums. . . Berlin, 23. Februar, evor Lavater seinen taktlosen Bekehrungsversuch an Moses Mendelssohn unternommen hätte, dachte der jüdische Philosoph, dessen -Denkmal nun in unserer Gemeinde sich erhebt, niemals daran, das Judentum gegen die verschiedenen Angriffe zu verteidigen. Ebensowenig wie es ihm je eingefallen wäre, am jüdischen Zeremonial irgendwo zu reformieren. Er hat beides direkt abgelehnt, indem er alles Heil lediglich von der Bildung erwartete, die er unter den Juden seiner Zeit zu verbreiten gern helfen wollte.. Das Vorurteil gegen die Juden wollte er nicht durch polemische Schriften bekämpfen, sondern nur durch das gute Beispiel in ^seinem Leben. Daß er doch schließlich zur Verteidigung des Judentums griff, dazu sah er sich durch die Herausforderung Lavaters genötigt, da er sonst in den Augen seiner Zeitgenossen in einem bedenklichen Licht erschienen wäre. * Moses Mendelssohn war ein Kind seiner Zeit. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war das Judentum der christlichen Welt fast völlig unbekannt, während die Juden ihr als verwildert und verroht vorkamen, nicht nur als ungebildet, sondern sogar als bildungsunfähig. Vom jüdischen Schrifttum kannten die Christen eigentlich nur noch die Bibel, und von den Juden wußten sie bloß soviel, als ihnen judenfeindliche Schriften und ihre eigenen Vorurteile von diesem Volke einflüsterten. Daß das jüdische Volk im Mittelalter in der Mitte der kulturell aufstrebenden Araber auf der Höhe der Bildung und der menschlichen Kultur gestanden hat, davon wußten damals die Juden selbst sehr wenig. Kein Wunder also, daß sich die Christen die Juden nur als Menschen, ohne Bildung denken konnten, unfähig, die Landessprache richtig zu sprechen, geschweige, denn sie schriftstellerisch zu meistern und in ihr dichterische Gebilde zu schaffen. Daher wirkten um jene Zeit gebildete und wohlerzogene Juden apologetisch sür Juden und Judentum; sie konnten ihrer christlichen Umgebung eine bessere Meinung von beiden beibringen. Die Zeiten haben sich seitdem geändert. Die Vorurteile gegen die Juden und das Judentum sind geblieben, sie haben nur eine andere Form angenommen und einen anderen Inhalt erhalten. So dumm sind die Leute, auch unsere schlimmsten Feinde, gewiß nicht mehr, daß sie nicht zugeben sollten, es gebe kein Gebiet des menschlichen Fortschritts, der Kunst und Wissenschaft, des gesellschaftlichen Lebens und der gemeinnützigen Tätigkeit, auf dem nicht Juden als gleichwertige Mitarbeiter tätig. wären. Diese Einsicht, der sich doch niemand perschließen kannhat aber doch -nicht verhindert, daß man die Juden von der Teilnahme am öffentlichen Leben -zurückdrängen will. Und was das Judentum betrifft, so wird seit etwa 90 Jahren von jüdischen und christlichen Gelehrten in dessen dunkelste und verborgenste Stellen hineingeleuchtet. Das Judentum, ist in allen Phasen seiner dreitausendjährigen Geschichte bekannt, in seiner Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit. Auch das weiß jetzt die gebildete Welt, daß -das Judentum ein Hauptfaktor in der menschlichen Zivilisation bildet, und wollte man es daraus streichen, so--wäre . die ganze Grundlage des modernen Kulturlebens erschüttert. Auch diese Erkenntnis hält jedoch protestantische Theologen . und. Historiker nicht davon ab, in Wort und. Schrift den Wert des Judentums herabzusetzen und es als minderwertig darzustellen. Mit einer bemitleidenswerten Selbstgefälligkeit stellen sie "das Judentum aus Grund „wissenschaftlicher" Forschungen als eine Vorstufe der Halbkultur dar, aus der später das Christentum 'als die Dollkultur, als die höchste Stufe menschlichen Fortschritts, hervorgegangen sei. Es ist geradezu erstaUUlich, zu welcher ungeschichtlichen Auffassung der Dinge sogenannte Historiker kommen können. Abgesehen von dem vor unseren Augen gegebenen Beispiel, daß ein sozusagen heidnisches Volk, die Japaner, in einem halben Jahrhundert den Europäern - in allem gleichgekömmen ist, wissen wir auch aus den sonstigen Vorgängen der Geschichte, daß die Religion an sich kein Volk an der kulturellen Entwicklung hindert, wenn es überhaupt dazu befähigt ist. Welchen Aufschwung hat die islamitische Welt im Mittelalter genommen, als die christlichen abendländischen Völker in der tiefsten Unwissenheit versunken waren! Und die Juden, die unter den Arabern lebten, haben damals an allen Errungenschaften der Kunst und der Wissenschaft ihren reichlichen Anteil gehabt. Immer kehrt die inhaltslose Phrase wieder, das Judentum sei ethisch gegen das Christentum im Rückstand. Worin zeigt sich diese Rückständigkeit? Dogmatisch hat das Judentum den großen Vorzug, daß esden Wunderglauben völlig entbehren kann. Die biblischen Schriften berichten wohl zum Teil von Wunderdingen, aber jeder Jude mag sich zu ihnen stellen, wie er für gut findet _ — er kann sie sich entweder rationell erklären oder als Dichtung hinstellen. Selbst von^der Offenbarung am Sinai machen die jüdischen Propheten kein Aufhebens, da die Wahrheit der jüdischen Ethik nicht durch die an die Offenbarungsgeschichte . geknüpften Wundererzählungen bestätigt wird. Ein Teil der heutigen protestantischen Theologen gibt sich wohl auch die Mühe, das Christentum dogmatisch vom Wunderglauben loszulösen, das heißt eigentlich, das Christentum in seinem Grundbegriff aufzuheben. Warum bezeichnen

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