Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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.'a-Se .-.galt, die völlige bürgerliche Gleichstellung der Juden in Württemberg zu erkämpfen und die religiöse Entwicklung in. fortschrittlichem Sinne zu fördern. Er gehörte zeitweise den städtischen Kollegien wie auch der Vertretung der.isrselitischen Kirchengemeinde! an;, sein Name wird stets in Ehren genannt werden. — Einern' weiteren Kreise in Stadt und Land gehörte das Leben und Wirken ‘ des Landtagsabgeordneten und Gemeinderats Rechts-; anwalt Dr. Albert Mayer, der am 29. v. M. im Alter von nur! 53 Jahren verstorben ist. Seine Haupttätigkeit und Bedeutung liegt' auf dem Gebiete der fortschrittlich gesinnten Politik, wie die ihm gewidmeten ehrenden Nachrufe der Tagesblätter bekunden. Er war der zweite Jude, der in den württembergischen Landtag gewählt wurde. Auch der erste Jude (Pfeiffer) war Vertreter der; Stadt Ulm. Die „Frankfurter Zeitung" schreibt über ihn: „Einer der tapfersten und besten Demokraten nicht bloß des. schwäbischen,! sondern des deutschen Landes ist mit Albert Mayer dahingegangen." i Er hat nur ein Alter von 53 Jahren erreicht. Jy dem kleinen , ober« schwäbischen Städtchen Laupheim war er geboren, aber 'frühzeitig! siedelte er mit der väterlichen Familie nach Ulm über, das ihm so zur eigentlichen Vaterstadt geworden ist. Nach Vollendung des : juristischen Studiums in Leipzig und Tübingen ließ er. sich hier als Rechtsanwalt nieder. Bald wurde er einer der gesuchtesten juristischen Sachwalter in Württemberg und darüber hinaus. Sein starkes Temperament, seine freiheitliche Gesinnung und seine Rednergabe führten, ihn bald auch in die politischen Kämpfe. Trotz dem Widerstreben der. erbgesessenen Vertreter gelang es ihm mit Hilfe der entschiedener gesinnten Teile der Ulmer Bürgerschaft, nicht nur in der Stadtverwaltung nach jahrelangen Kämpfen der Demokratie den ihr gebührenden Einfluß zu erringen, seiner Arbeit war es auch zu einem großen Teil zu verdanken, daß das Mandat für den Reichstag und den württembergischen Landtag der Volkspartei erhalten blieb. So wurde er der Fahnenträger der Demokratie auf diesem äußersten gegen das klerikale Oberschwaben vorgeschobenen Posten. Als Führer der Volkspartei wurde er selbst zuerst in deü Bürgerausschuß, dann im Jahre 1899 in den Gemeinderat gewählt, und auch seine früheren Gegner mußten anerkennen, daß das Gemeinwesen durch seine Tätigkeit gefördert worden sei. Bei den letzten Wahlen zum württembergischen Landtag wurde er mit großer Mehrheit als Vertreter der Stadt Ulm in die Abgeordnetenkammer gewählt. Dort wurde er rasch durch sein verständiges Urteil, seine Arbeitskraft und seine rednerische Schlagfertigkeit eines der am meisten respektierten Mitglieder des Hauses. Sein Tod reißt in die Reihen der württembergischen Volkspartei eine schmerzliche Lücke. Aber auch die deutsche Volkspärtei, deren weiterem Ausschuß er seit einer langen Reihe von Jahren angehörte, verliert in ihm einen seiner besten Köpfe. Unserer Glaübensgenossettschaft hat er sein Interesse nicht entzogen; noch in den letzten Wochen hat er den hier gepflogenen Beratungen über den Entwurf einer neuen Kirchenverfassung für die Juden Württembergs beigewohnt und an der Debatte lebhaften Anteil genommen. Schon als Kandidat für den Landtag hat er in seiner offenen Art erklärt: „Ich bin Jude ...... wer mich deshalb Nicht wählen will, soll'es bleiben lassen." In jüdischen wie in nichtjüdischen Kreisen wird er aber auch besonders vom denen sehr vermißt werden, denen er in seiner persönlichen Gefälligkeit und Menschenfreundlichkeit durch materielle Unterstützung und besonders durch seinen anwaltlichen Beistand und Rat in uneigennützigster Weise hilfreich sich gezeigt hat. Die Kremation fand auf Wunsch des Verstorbenen in aller Stille ohne jede Leichenfeier statt. Albert Mayer wird man in unserer Gemeinde und. in unserer Stadt und im Lande stets ein'freundliches und ehrendes Gedenken bewahren. Grsterretch-Nnssrn. H Wien, 1. Februar. Sehr interessant war kürzlich im ni eberösterreichischen Landtag die Erklärung des gewesenen Ministers? Dr. Geßmann, daß das Judentum keine Konfession, sondern eine Rasse sei! Auf die Frage nämlich, wie ein Minister, der' doch die , Gleichberechtigung aller Konfessionen als Verfassungsartikel anerkennen müsse, die Juden verfolgen dürfe, ist diese ebenso geistreiche wie tiefsinnige Antwort erfolgt/ — Hier ist am Freitag der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Leopold Kahn im Alter von 50 Jahren einem Herzschläge erlegen. Der Entschlafene, einer der ersten Wortführer des Zionismus und Mitarbeiter Theodor Herzls, gehörte Mehrere Jahre dem engeren Aktionskomitee und bis zu seinem Tode dem großen Aktionskomitee an. Die Lauterkeit seiner Gesinnung haben dem kenntnisreichen, hilfsbereiten Manne die Wertschätzung und Verehrung auch-aller andersdenkenden Kreise erworben. — Die polnischen Hausbesitzer Lembergs am Maryacki- und Mälicki-Platz und den umliegenden Gassen haben beschlossen, jüdischen Kaufleuten, in diesem Viertel keine Geschästslokalitäten zu vermieten. Es verlautet, daß der Minister a. D. und Führer der christlich-sozialen Partei Dr. Geßmann eine Reise nach der Hauptstadt Galiziens zu unternehmen gedenkt. Wenn nicht alle Anzeichen trügen — die Entstehung der Polnischen christlich-sozialen Partei in Krakau, das unverblümte Antisemiteln der Stapinskischen Volkspartei und des neugebildeten Polnischen Volksbundes, schließlich die „schärfere Tonart" der Nationaldemokraten — so wird dem antisemitischen Chef der Wiener Rathaus- und Reichspartei in Lemberg ein warmer Empfang sicher sein. — Die Frage ob die Enterbung wegen Religionswechsels in Ungarn gestattet ist, hat dieser Tage das Buvapester oberste Gericht beschäftigt. Im Jahre 1893 trat daselbst die Tochter eines Juden zur christlichen Religion über und wurde die Gattin eines Christen. Elf Jahre später errichtete der Vater ein Testament, in welchem er seine getaufte Tochter vollständig enterbte. Die Tochter focht diese letztwillige Verfügung an, doch wurde sie von den beiden ersten Instanzen mit ihrem Begehren abgewiesen. Die königliche Kurie änderte dieser Tage das Urteil der beiden unteren Instanzen ab und erklärte die Verfügung des Testaments für rechtsungültig. In'der Begründung dieses Urteils wird hervorgehoben, daß der Uebertritt der Klägerin von der jüdischen zur christlichen und ihre Eheschließung mit. einem Christen nach den geltenden gesetzlichen Bestimmungen und nach der gerichtlichen Praxis nicht als rechtmäßiger Grund zur Enterbung angenommen werden könne, da im Jahre 1893 der Religionsunterschied zwischen Juden und Christen ein gesetzliches Hindernis bildete, so daß der Uebertritt eine Grundbedingung für das Zustandekommen einer gesetzlichen Ehe war. Es ist begreiflich, daß sich die Testamentvollstrecker mit diesem'sonderbaren Urteil und noch, sonderbareren Begründung nicht zufrieden gaben und Berufung einlegten. — Trotz der Zusage des gemeinsamen Finanzministers an die anläßlich des : Regierungsjubilaums des Kaisers in Wien erschienene -Deputation der bosnischen Juden, auch den Juden eine offizielle Vertretung im bosnischen Landtage.zu sichern, scheinen doch diese bei Feststellung der konfessionellen Kurien vollständig leer ausgehen zu sollen. Baron Burian hat sich nämlich dem Korrespondenten des „Pester Lloyd" gegenüber über diese Angelegenheit wie folgt geäußert: „Es ist in Aussicht genommen, daß, den eigentümlichen Verhältnissen des Landes entsprechend, ein konfessioneller Kataster — ähnlich wie, in Mähren -ein nationaler Kataster — angelegt und auf dieser Grundlage.konfessionelle Kurien in den Vertretungskörpern geschaffen werden: eine katholische, eine orthodoxe und eine mohammedanische Kurie." Man vergißt konsequent, daß in Bosnien auch Juden leben, und daß auch die Berücksichtigung der -Wünsche dieser Konfession wiederholt — versprochen wurde. . LelglkN. -^Brüssel, 1. Februar. Hier ist im 73. Lebensjahre Ignatz Bernstein ans Warschau, eine der eifrigsten' jüdischen Literatur- Mäcene unserer Zeit gestorben. In Winnitza in Podolien am 30. Januar 1836 geboren, kam er früh nach Warschau und begründete dort ein Bankgeschäft. Mit Glücksgütern reich gesegnet und zugleich intellektuell veranlagt, war der Verblichene sein Lebenlang ein treuer Freund jüdischer Wissenschaft und widmete sich selbst einem interessanten Gebiet, dem Gebiet' der Sprüchwörter. Er besaß die größte Sprüchwörterliteratur-Bibliothek und verfaßte zwei Werke, die als Denkmäler ernster. ' großer, mit wahrer Liebe betriebenen Forschungen betrachtet werden können: den Katalog seiner Bibliothek (Warschau. 1856, III.) — eine.'der, ..schönsten und großartigsten Leistungen der typographischen Kunst unserer Zeit — und das Buch.