Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228857--65267-3277382- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. * - V" *' -- {Berlin, 22.Janoar 1909: 7ä,J»hfgflng.JKf.4. Dieje Zeitung' erscheint - V«chentlich^ Abonnements 7 Preis: durch Buchhandel «der Post (in Berlin u. Vororten durch unsere - Vertriebssteüen) bezogen vievleljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarzreles. - Begründet von Rabbiner D«> Ludwig Philippson. VbilSU-LxxöMoll: Leilui, Jerusalemer Str. 46/49. Alle ZusendurtSvu für Redaktion und Expedition Zytz an die Adresse: Verlag der „Allgem. -Zeitung des Judentums*, Berlin 8^V., Ierufaiemer Straße $6/49, zu richten; Verlag von Rudolf Msffe, Berlin. Die orthodoxe tzeerlchau in ssrsnkkurt. -■ Berlin, 20. Januar. ' ln den letzten Tagen des verflossenen Jahres' haben die in der „Freien Bereinigung" organisierten Orthodoxen ihren Vereinstag in Frankfurt a. M. abgehalten. Es soll ohne weiteres anerkannt werden, daß der Ton der Versammlung im großen und ganzen weniger polemisch gestimmt war. als man es unter Berücksichtigung des Umstandes, daß die süddeutsche intransigente Richtung an der Spitze dieser Vereinigung steht, hätte erwarten können. ' Ganzohne jede Spitze gegen das liberale Judentum ist es natürlich trotzdem nicht übgegangen, jedoch find die Ausfälle einer besonderen Erwähnung kaum wert. Interessanter erscheint uns vor allem die Tatsache, daß die Rührigkeit der Vereinigung, die nach dem erstatteten Jahresbericht im ganzen nur'4000 Mitglieder zählte mehr als 1500 Personen zu der Heerschau hatte heranziehen können. Wenn man bedenkt, wie unendlich größer die Anzahl der dem liberalen Judentum Zugehörigen in Deutschland ist, und wie einstweilen die Organisation dieser liberalen Judenheit dagegen noch zurücksteht, so ergibt sich aus dieser Betrachtung die zwingende Notwendigkeit, sich an den Orthodoxen in dieser Richtung ein Beispiel zu nehmen. So unendlich -bedauerlich es im Interesse der Gesamtjudenheit erscheinen Mag, die rege Agitation der Sonderbestrebungen der Orthodoxie erfordert als Gegengewicht eine straffere Zentralisation aller jener Kräfte - die dem liberalen Judentum zuneigen. Das kann geschehen, ohne daß es deswegen zu gehässiger Gegnerschaft oder gar unsachlichem Meinüngskampfe kommt. Es ist leider ein vielfach verbreiteter Irrtum, daß die vorkurzem geschaffene „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" eine Kawpsorganisation gegenüber dem orthodoxen Judentum fei. So paradox es erscheinen mag, ist unter den heutigen Verhältnisien das liberale Judentum, obwohl, es die große Majorität der deutschen Juden umfaßt, genötigtfür'die Pa rität beider Richtungen eine eigene^ Organisation zu schaffen. Wer auch nur halbwegs die innere Geschichte der deutschen Judenheit in de n letzten 30 bis 40 Jahren kennt, wird b ei objektiver B eurteilung geschichtlicher Tatsachen ohne weiteres zugeben, daß das liberale Judentum dort, wo es in der Majorität ist, stets die weiteste gehende- Rücksichtnahme auf . die orthodoxen Elemente., der Judenheit'genommen hat, und es ist ganz fraglos, daß-die orthodoxen Majoritäten die gleiche Rücksicht gegenüber der liberalen Minorität nicht überall betätigt haben. Insbesondere hat -' das liberale Judentum gegenüber der Auffaffung ultraorthodoxer Kreise, daß sie allein das wahre Judentum repräsentierten, entschieden'- Frortt -z» machen- und indieser Hinsicht ist es nicht unintereffant, festzustellen, daß diese Auffassung, wenn auch nicht aus dem Vereinstag der „Freien Vereinigung", so doch ans dem mit der Heerschau der Orthodoxen verbundenen Delegiertentagung des „Verbandes der Sabbatfreunde" wiederum zum Ausdruck gelängte. Einer der Führer war es, der auch hier den Satz aussprach: „Außer dem orthodoxen Judentum gibt es kein Judentum." Daß eine solche Auffassung selbst in der unter dem Szepter Breuer-Kahn stehenden Orthodoxie nicht den Beifall der strenggläubigen Masse findet, das bewies die recht bemerkenswerte Tatsache, daß nicht nur der betreffende Redner selbst auf Vorhalt erklären mußte, daß dies nur seiNh. private Meinung sei, sondern mehr noch der Amstand, daß ein direkter Beschluß gefaßt wurde, diesen Satz aus dem Berfammlungsprotokoll zu streichen. Es ist hiermit bekundet,, daß es in der deutschen Judenheit bis tief in die süddeutschen orthodoxen Kreise hinein anerkannt wird, daß es neben dem orthodoxen Judentum doch noch ein anderes Judentum gibt, das nicht minder Judentum ist als das orthodoxe. Des' weiteren erscheint bemerkenswert, dast die „Freie Vereinigung" im Grunde genommen ihren separatistischen Charakter auch auf jenen Gebieten betätigt hat, welche die religiösen Grundlehren des Judentums und die Differenzen in der Auffaffung derselben gar nicht berühren. Nach dem Geschäftsbericht könnte man fast den Eindruck gewinnen, als stehe .die' „Freie Vereinigung" nicht in einem Gegensatz zu dem liberalen Judentum und' dessen Lehren, sondern mehr in Konkurrenz zu unseren großen allgemeinen jüdischen Or gani sati on en, in Konkurrenz zu dem „Verband der Deutschen Juden", in Konkurrenz zu dem „Verband der Lehrervereine", in Konkurrenz schließlich zu dem ^Deutsch- Israelitischen Gemeindebund." Denn dasjenige, was der Bericht des Geschäftsführers als die hauptsächlichsten Tätigkeitsgebiete ' erwähnte, nämlich die Bemühungen der „Freien Vereinigung" in Sachen des neuen Volksfchulgefetzes, in Sachen des ministeriellen Erlasses betreffend die Vorbildung' der -jüdischen Religionslehrer, in Sachen des Lehrerbesotdungsgesetzes, der Sabbatruhe und der Schächtfrage/bezieht sich aus Gegenstände) die fast in der gleichen'Richtung vom „Verband der-DeutschenKrden", vom „Lehrerverband" usw. auch angestrebk werden. Betrachtet man diese Dinge?echt, so ergibt sich, daß eine gewisse Partei, der die Geschlossenheit der deutschen Juden aus öffentlich-rechtlichem Gebiete ein Dorn im Äuge ist, durchaus ihr eigenes Hühnchen gebraten haben möchte. An sich iväre das weniger bedeutungsvoll, wenn leider nicht bei dem jetzigen Winde, der im' preußischen' Kultusministerium weht und' der ein so ganz ' anderer ist, als noch zu jener Zeit/ da .ME' 'dür" 'Juden '-benMntrttt. inbas' öffentliche Leben verschloß,