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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-08 · Heft 2 (8.1.1909) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Oefterreich-Mniarn/ > Li Wien, 4. Januar. Nichts charakterisiert unsere Verhältnisse . drastischer, als ein Prozeß, der in der vorigen Woche hier verhandelt wurde. Bei der am 25. Oktober abgehaltenen öffentlichen Sitzung , des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde referierte der Präsident Dr. Alfred Stern über die gerade im Zuge befindliche Kultuswahlbewegung, wobei er äußerte, die zionistische Opposition habe sich in die Dienste der antisemitischen Presse (des., „Deutschen Volksblatt") gestellt, das Organ der Zionisten gehe Hand in Hand mit den Antisemitenblättern. Das. zionistische" Exekutivwahlkomitee, aus etwa 30 Mitgliedern bestehend, brachte hierauf gegen den greisen und allgemein verehrten Dr. 'Stern die Ehrenbeleidignngsklage ein, über die gestern vor dem Richter des VIII. Bezirkes Sekretär Dr. Stolz ver- ' handelt wurde. — Dr. Stern erklärte, er sei als Präses des Kultus- Vorstandes verpflichtet gewesen, zur zionistischen Opposition Stellung zu nehmen, er habe dies auch vor dem kompetenten Forum, dem Vorstand, vorgebracht. Der Richter ging mit dem Freispruch vor, weil einerseits dem Komitee das Klagerecht mangle, denn Dr. Stern habe die Opposition, die Partei angegriffen und nicht bestimmte Personen; anderseits aber habe er als Amtsperson in Wahruhg berechtigter Interessen gesprochen,' ohne Absicht zu schmähen. Die 'Kläger meldeten gegen den Freispruch die Berufung an. — Das neue Jahr fängt gut an — in unserer Kultusgemeinde; nämlich nüt einem Defizit von 81173 Kronen. Trotzdem ist die finanzielle Lage erheblich besser als im vorigen Jahre, wo der Etat mit einem Fehlbetrag von 196779 Kronen abgeschlossen hat. Wie - Herr M ax Frank in seinem ausgezeichneten Referat in der letzten Sitzung des Kultusvorstandes auseinandersetzte, stellen sich für das Jahr 1909 die Ausgaben auf 3035236^12 Kronen, die Einnahmen auf 2954062^79 Kronen. Traurig, recht traurig waren allerdings die Betrachtungen, die der Budget-Referent an diese Zahlen knüpfte. So sagte er unter anderem, daß die ideale Auffassung von den Pflichten des Besitzes, leider in Oesterreich noch sehr vereinzelt sei. „Es genügt wohl der einfache Hinweis darauf, daß wir im Jahre 1908 fast gar keine Stiftungen, Widmungen oder Schenkungen von der Wiener Judenschaft bekamen, und daß mein vorjähriger Appell, unseres zu gründenden Kinderspitales zu gedenken, vollständig üngehört verhallt ist." Man vergleiche damit, was früher in Wien auf dem Gebiete der jüdischen Wohltätigkeit geleistet wurde! — Zum erstenmal erscheint die „jüdisch-nationale Partei" in der offiziellen Statistik der letzten Reichsratswahlen. Es entfielen auf sie im ganzen 31941 Stimmen, davon natürlich der Hauptteil, nämlich 24757M Galizien, 6655 in derBükowina und — 529 in Niederösterreich, h. hier in Wien. — Angesehene jüdische Männer sind zur Gründung eines eigenen jüdischen Student enheims hier zusammengetreten, da die Mensa, academica in geradezu unerhörter Weise arme jüdische Studenten ausschließt. — In Floridsdorf hat die Bezirksvertretung beschlossen, Juden und Tschechen nicht in städtische Dienste zu nehmen. Dafür hat in Holin der Abgeordnete Dr. Bäxäein radikaltschechischer Führer,-die tschechischen Frauen apostrophiert, es sei Me Schmach, wenn sie ihre Waren bei Juden kauften. Die Lage'der Juden in den tschechischen Provinzen ist tatsächlich eine verzweifelte. Sie bilden nicht, wie man meinen sollte, das Zünglein an 5er Wäge; sie werden vielmehr von beiden Parteien mit gleichem Fanatismus angegriffen und in ihrem Erwerb geschädigt. — Ich habe Ihnen schon wiederholt über die entsetzliche Tauswut in Budapest geschrieben. Das folgende Inserat aus dem „Budäpesti Hirlap“ mag diese trostlose Erscheinung illustrieren: „Es möchte sich taufen lassen ein aus intelligenter, feinerer israelitischer Familie stammender junger Mann, welcher seine Studien wegen seiner Armut nicht weiter» sühren kann. Briefe unter Titel: ,8iüe pane studiä adölescentiam nori alunt 91 237“ vermittelt das Expeditionsbureau des Blattes." Ob sich wohl ein kindliches. Gemüt bereit findet, diesem wissenschastshüngrigen Jüngling über die Taufe zu pumpen? - - Hon ifiah und jferü. 7J \ Am 26. v. M.. ist hier Frau Johanna Wolfs'geborene. Mann, gestorben, die seit zwölf Jahren mit seltenem Eifer im Ehrend dienst der Gemeinde gewirkt hat. Ehre ihrem Andenken!—Kommerzienrat Ferdinand Hecht, früherer.Eh es. und Mitbegründer der Firma Hechts Pfeiffer L Eo. ist am 4. d.M. im 56. Lebensjahre hier gestorben.--- In. Lissa i. P. ist am 19. v. M. die am 14. Februar 1809 geborene Händlerswitwe Cäcilie Lamberger geborene Breslauer, eine fromme Frau, im Alter von' nahezu 100 Jahren gestorben. — Dem Oberlehrer Dr. Posnanskh in- Myslowitz ist der Titel Professor verliehen worden. — Dem. Privatdozenten für deutsches Recht und Zivilprozeßrecht an der Universität Kiel, Amtsgerichtsrat Dr. Otto Opet ist der Titel Professor verliehen worden. -7- Im oldenb u rgischen Landtag wurde der Antrags des Abgeordneten Dr. Driver auf Wiederherstellung der Regierungsvorlage bezüglich der Erhöhung der Zuschüsse für die verschiedenen Konfessionen, wonach^ die/Subvention für den jüdischen Kultus von'1800 auf 2700 Mark, erhöht werden sollte in namentlicher Abstimmung mit 24 gegen 18 Stimmen abgelehnt. — In Braunschweig feierte Landrabbiner Dr. G. Rülf unter freudiger Teilnahme der ganzen.Gemeinde das Jubiläum seiner 25 jährigen gedeihlichen Amtswirksamkeit. — Der Privatdozent an der .Heidelberger Universität Dr. Hermann Levy ist als hauptamtlicher Dozent für Volkswirtschaft an die städtische Handelshochschule in Mannheim berufen worden. — Der orthodoxen israelitischen Religionsgesellschaft „Adass Jeschuran“ in Köln wurden vom König alle Pechte einer selbständigen Synagogengemeinde verliehen. — In Marburg fand am 30. und 31. v. M. die Sitzung der „Traditionell-gesetzestreuen Rabbinar-Vereinigung", in Frankfurt a. M. am 27. und 28. der Vereinstag der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", der dritte Delegiertentag des „Verbandes der Sabbatfreunde" die Generalversammlung des „Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer", des „Bundes jüdischer Akademiker" und des „Bundes gesetzestreuer,jüdischer.Jugendvereine" statt. — In Frankfurt a. M. wurde an Stelle des turnusgemäß.ausscheidenden Justizrats Dr. Blau in den Vorstand der Gemeinde-ProfessorDr. Äpolant gewählt. — Distrikts-Rabbiner Dr. S. Meyer in Regensburg feierte das Jubiläum seiner 25 jährigen Amtswirksamkeit. Die ganze Gemeinde und die städtischen Behörden nahmen Teil an der Feier. — Der Großherzog von Baden verlieh dem Bezirksältesten Emanuel Strauß in Osterburken das Verdienstkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen. — In Mannheim ist im 73. Lebensjahte Herr Max Stockheim gestorben, der erst vor kurzem sein Amt als Vorsitzender des Synagogenrats niedergelegt hatte. Er war Mitglied des Stadtrats und des Oberrats von Baden. Ehre seinem Andenken! — Von den 600 000 Einwohnern der Bukowina zählen die Deutschen 60000, die Ruthenen 250 000, die Rumänen 200 000, die Juden 120 000, die Polen 60000, die Slowenen 20 000, die Madjaren 10 000. — Professor Auerbach ist zum Dekan der philosophischen Fakultät in Nancy gewählt worden. — Die Witwe des großen Orientalisten Salomon Munk seligen Andenkens ist in Paris hochbetagt gestorben. — Der Priester Johann von Kronstadt ist am 2. d.M. gestorben.'Johann von Kronstadt war ein berühmter Wunderheiliger, zu dem die Gläubigen zu Tausenden und Abertausenden pilgerten. Er war aber auch einer der gefährlichsten Judenfeinde und Hetzer. — In Finland sängt man sich an zu schämen. Die Finanzabteilung des Senats verbreitet die Nachricht, daß man nicht nur nicht gegen die Juden, sondern im Gegenteil für diese ein Projekt der Emanzipation ausarbeite. Nous vorrons! --- In New Aork ist ein neues Haus für das jüdische Kinderasyl mit einem Kostenaufwand von 500 000 Dollars errichtet worden. Ganz wie bei uns! . Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagier-Dampfern der Hamburg-Amerika Linie finden statt: Nach New Aorkr9/1. Postdampfer „Pennsylvania". 16/1. „Kaiserin Auguste Victoria", 23/1.' „Graf Waldersee", 26/1. Schnellpostdämpfer -„Deutschland", 03/1. „Batavia", 6/2. „Amerika", > 13/2. „Bulgaria", 20/2. „Pennsylvania^. Nach Boston; 14/1. Postdampfer „Artemisia". Nach Baltimore; 14/1. Postdampfer „Artemisia". Nach Philadelphia; 8/1. Postdampfer „Pallanza". Nach Neworltans: 15/1> ein Dampfer.' Nach Westindien; 5/1. Postdampfer „Sachsenwald". Nach Mexiko r 3/1. Postdämpfer „Schwarzburg". Nach Ostafien; 10/1. Postdampfer „Ambria", 25/1. „Brisgavia". . Nach Wladiwostok; 23/1. Postdampfer „Jeanara", 25/1. „Uniform".

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