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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-08 · Heft 2 (8.1.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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7Z. Wuchl^-Mvi .' ':';.v-,r> mLL^J^tll^tll^ Berlin, 8. Januar 1909. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. '.■ ... ' v ■•/’.•■. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Pbilipxson. VeilSV-LxpeWiw: Berlin, Jernsalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen - fLi^ - Redaktion und KxxeLmyn sind an die-Ädresie r Verlag der ^Allgem.- Zeitung des Judentums^, Berlin Ü^V., Jerusalemer Straße 46/^9, zu richten. Verlag Von Rudolf wsffe, Berlin. Diese Zeitung erscheint ' wöchentlich. Abonnentents-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin ».Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3.M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Lin heikles Thems. Berlin, 5. Januar. I^in angesehenes jüdisches Blatt, das „Jewish Chroniele", in London, hat' vor kurzem in einem Artikel dem Schmerz un d der Entrüstung Ausdruck gegeben darüber, daß dort jetzt viele prostituierte Jüdinnen auf den Straßen zu sehen seien. Auch aus New Hork vernehmen wir gleiche Klagen. Es ist nicht zu zweifeln,, daß vielleicht bald genug auch aus dem europäischen Kontingent ein größerer Prozentsatz jüdischer Prostituierter sich bemerkbar. .machen wird. Denn das Geschäft der Mädchen- Händler bringt .es so. mit sich, daß die Menschenware.von Land zu Land, von Stadt zu Stadt verhandelt wird. Wir nehmen von dieser traurigen Tatsache ungern, aber notgedrungen Notiz, ehe die antisemitische Presse mit der ihr eigenen Niederträchtigkeitim besten Falle Kurzsichtigkeit von den „lasterhaften Jüdinnen" zu zetern ansängtdie die arische Welt, die sittsame, unschuldige, körperlich Und seelisch ‘ vergifte. Wir wissen, daß vor nicht Län'ger Zeit Jüdinnen nur äußerst selten zu der Klasse der unglücklichen Frauen ein selbst minimales Kontingent stellten, jener Frauen, die die mitschuldige Gesellschaft ausstößt und erbarmunglos von der Straße verschlingen läßt. Das jüdische Familienleben galt mit Recht auch bei den Nichtjuden stets als musterhaft; die jüdische Familie wußte es zu verhüten und zu verhindern, daß ihre Frauen und Töchter so äusarteten. Wenn die Juden selbst bei nicht berufsmäßigen Antisemiten auf nur einigermaßen billige Beurteilung rechnen körten, würden wir uns der Hoffnung hingeben, daß die nah genug liegende Ursache dieses verhältnismäßig plötzlichen WiMUs selbst von den blödesten Beurteilern ohne weiteres gefunHn werden würde.' Dieser Hoffnung können wir uns aber, leider nicht hingeben. So wollen wir denn auf die Ursache Hinweisen. Der Wandel fällt zeitlich zusammen mit der jüdischen Maffenauswanderüng aus Rußland und Rumänien. Ist es gar zu sehr zu verwundern, daß die mittellos in andere Länder mit anderen Sprachen, Sitten und Arbeitsgelegenheiten geratenen Mädchen in ihrer Hilflosigkeit und Not Versuchern und Verführern, schändlichen Mädchenhändlern, in das überall und in den verschiedensten Verhüllungen ausgestellte Garn gehen? Wir wißen wohl, was die Tugendbolde, die bekanntlich unter den Ariern nur so wild herumlaufen, zu dieser unserer Frage sagen werden. Wir haben aber die Frage nicht gestelltum die- Flucht aus der Not in die Schande zu verteidigen, sondern um , daran zu erinnern, daß das „Not kennt - kein Gebot" zwar ein deutsches'Sprichwort ist, aber nicht bloß für Deutsche, gilt, sondern auch , auf alle anderen Menschen seinen zwingenden Druck ausübtdem die weitaus meisten Menschen leider auch/erliegen, Juden und JüdiUNen bisher noch vielleicht am wenigsten, dank der während vielhundertjähriger Verfolgung erworbenen Widerstandsfähigkeit. Aber selbst diese,erprobte Widerstandsfähigkeit ist nicht für alle und nicht für ewig. Somit halten wir die russische Gesetzgebung - in etftet Reihe für schuldig an diesem für uns überaus schmerzlichen Wandel. Die russische Bureaukratie, die schon daheim eine Jüdin mit dem „gelben Schein" in gewissen Städten eher duldet als jüdische Studentinnen, die jene schützt, diese austreibt, austreibt, wenn sie selbst sich einen Prostitutionsschein verschafft haben, sobald sie nicht das ehrlose Gewerbe auch wirklich treiben. Diese russische Bureaukratie läßt nicht nur Juden berauben und morden, und Jüdinnen schänden; sie besorgt auch gelegentlich daheim und im Ausland Kuppler» und Zuhälterdienste. Sie unterscheidet sich dabei nur dadurch von den gewöhnlichen Kupplern und Zuhältern, daß sie aus diesem schändlichsten aller Gewerbe keinen pekuniären Vorteil zieht, sondern es gewissermaßen nur aus Liebe zur Sache betreibt. . - Weit unter den Prostituierten stehen die Zuhälter, und noch weiter unter diesen die Mädchenhändler. Liest man deutsche Antisemitenblätter, dann gewinnt man den Eindruck, daß dieses allerinfamste Geschäft nur von Juden betrieben wird. Ja, es wird nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß die Jüdenheit diese Leute sogar in Schutz, nimmt, wenn auch nur, um sich die Blamage, dergleichen Gesindel in ihrer Mitte zu haben, zu ersparen. Es hilft nichts, daß man darauf Hinweist, daß überall jüdische Vereine. mit großen Opfern in vorderster Reihe die Mädchenhändler bekämpfen; der infame Mädchenhandel bleibt nach antisemitischer Darstellung doch ein speziell „jüdisches Geschäft". 1 Allerdings scheint es fast so, als ob besonders viele Juden an diesem allerschmutzigsten, Handel beteiligt seien. Wenn tatsächlich ein verhältnismäßig großer Prozentsatz Jüden unter den Mädchenhändlern vorhanden sein sollte, dann wäre das ebenso erklärlich aus den russischen, rumänischen und galizischen Verhältnissen, wo die Juden von Amts wegen in die Not und in alle schimpflichen Gewerbe hineingehetzt'werden. Aber es ist keineswegs der Fall, daß es Uür öder überwiegend jüdische Mädchenhändler gibt.. Der Sekretär der Sabona! Vigilance Society in London, Corte, . der als Sekretär dieser sich speziell mit der Bekämpfung des Mädchenhandels befassenden Gesellschaft besonders in der. Lage sein dürste,. ein richtiges Urteil abzugehen, und der sich aus seine imEuropa, in Amerika, und in anderen Weltteilen gesammelten Erfahrungen beruft- W erklärt, daß zwar viele Juden^stch mit dem Mädchenhandel befassen, daß aber der Eindruckals seien alle Mädchenhändle*

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