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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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:4> rnm-: Polenklubs unterschrieben wurde. Die Interpellation lenkt die Aufmerksamkeit der Regierung auf die antisemitische Presse, die trotz Staatsanwaltschaft und Gerichtsbehörden ungehindert gegen die jüdische Bevölkerung täglich zu Mord und Raub ausreizt und der es gelungen ist, in der friedlichen Bukowina durch systematische Vergiftung der öffentlichen Meinung die Gefahr eines Pogroms heraufzubeschwören. Speziell das „Bukowinaer Völksblatt" zeichnet sich durch blutrünstige Hetzartikel aus, von denen einige Proben der Interpellation als Belege beigegeben sind. Die christlich-soziale Partei will nämlich auch diese Provinz erobern. — Ferner interpellierten Abgeordneter Dr. Straucher und Genössen über die Verletzung des Handelsvertrages seitens Rußlands durch die Art, wie : die österreichischen Reisenden jüdischer Religion von den russischen Behörden in der Paß-Angelegenheit behandelt werden. Eine Interpellation Dr. Gabels betrifft folgenden Fall: Am 19. November 1908 kam mit dem Zuge aus Tarnopol ein russischer Jude, namens Marek Antonowicz-Zernicki, Ingenieur vom russischen GouvernementZyn,samt Frau und Kindern in Dembica an. Der Mann, äußerlich gesund, intelligent und wohlhabend aussehend, war im Eisenbahnwaggon plötzlich wahnsinnig geworden. Die herbeigeholte städtische Polizei überführte pen Wahnsinnigen, und zwar gekettet, in den Eemeindearrest, wo er nächsten Tages von einem Gendarmen ermordet wurde. -Der Gendarm ist aber nach dem von ihm begangenen Verbrechen nicht nur nicht verhaftet oder wenigstens sofort zur strafgerichtlichen Ver? antwortung gezogen worden, sondern er wurde vielmehr vom Gendarmeriepostenkommando in Dembica noch für würdig befunden, fein unschuldiges Opfer auf einer Tragbahre nach Tarnow zu überführen. — Der ungarische Kultusminister Graf Albert Apponyi hat vergangene Woche dem ungarischen Abgeordnetenhause einen Gesetzartikel über die Kongrua der Seelsorger unterbreitet. Da sich die Bestimmungen der Vorlage auch' auf die Seelsorger aller rezipierten Religionen erstreckt, so ergibt sich für die Rabbiner folgende Begünstigung: Das Gehalt der Seelsorger mit höherer Qualifiation (acht Klassen des Gymnasiums oder der Realschule) wird auf jährlich 1600 Kronen, das Einkommen der Seelsorger mit geringerer Qualifikation (vier Bürgerschulen) auf jährlich 800 Kronen ergänzt. Die Ergänzung der Hilfsgeistlichen erfolgt bis auf 1000, beziehungsweise ' 800 Kronen. Da die Rabbinatsassessoren und Dajanim bisher nicht als Hilfsgeistliche im Sinne der Kongrua anerkannt wurden, beabsichtigt die orthodoxe Landeskanzlei, diese Anerkennung durchzusetzen, um auf diese Weise die materielle Lage dieser Mitglieder des Rabbinats zu verbessern. — Aus Anlaß des Kaiserjubiläumsfestes wurde der kaiserliche Rat Emanuel von Kallberg, Großgrundbesitzer in Karolinental. durch Verleihung des Adels ausgezeichnet. „Äff WM tz Von Sah und jfrrn. — Der Landgerichtsrat a. D. Moritz Berwin ist zum besoldeten Stadtrat in Schöneberg gewählt worden. — Der Fabrikbesitzer Dr. Georg Hahn hat den türkischen Medschidin-Orden III. Klasse, der Geheime Kommerzienrat Isidor L oew e den chinesischen Drachenorden II. Klasse, der Kaufmann Josef Heymann das Kommandeurkreuz des serbischen Savaordens erhalten. — Der Titel Sanitätsrat ist verliehen worden den Aerzten Dr. David Caspari, Dr. Paul Fuchs, Dr. Hugo Goldmann, Dr. Anton Heimann, Dr. Georg Müller, Dr. S.Munter. — Den Titel Justizrat haben erhalten die Rechtsanwälte L.Kayser, Ad. Hehmann, Dr. Fr. Koppel. Jul. Bauer, M. Drucker, H. Sluzewski. — Der von jüdischen Blättern gefeierte Professor Dr. Paul Lazarus ist kein Jude. — In Ratibor ist am 19. v. M. der Kaufmann H. Wachsner, der eine Reihe von Jahren dem Vorständskollegium der jüdischen Gemeinde augehörte, gestorben. — Frau L. Hille in Breslau hat eine Million Mark für'eine Altersversorgungsanstalt gestiftet, deren Insassen mindestens zur Hälfte Juden fein müssen. — In Hannover feierte am 26. d. M. Landrabbiner Dr. Gronemann sein 25jähriges Amtsjubiläum. Nach dem Tode des Landrabbiners Dr. Meyer wurde er zu dessen Nachfolger erwählt und im Dezember 1883 von Stadtdirektor Haltenhoff in sein Amt eingeführt. Zu Ehren des Jubilars wurde ma 26. d. M. vormittags in der Synagoge ein Feftgottesdieust veranstaltet. Am 27. d. M. fand im Hause des Jubilars die Beglückwünschung durch Vertreter der israelitischen Gemeinden. Korporationen Husw^ statt, woran, sich um 2^ Uhr im Konzerthaus eine von seinen Freunden veranstaltete Festlichkeit anschloß. — Frau Dr. Lilli Meyer, geb. Wedell, ist nach vorgelegter Approbation in die Matrikel der Hamburger Aerste ausgenommen worden.. Dr. Lilli Meyer ist eine geborene Düsseldorferin und eine Tochter des bekannten Rabbiners Dr. Wedell, seligen Angedenkens. — Am 21. v. M. verschied in Forchheim (Bayern) eine in weiten Kreisen bekannte und hochgeehrte Persönlichkeit, Lehrer Michael Kleemann, im 82. Lebensjahre. Derselbe gehörte 60 Jahre dem Lehrfache an und wirkte fast 50. Jahre in der Gemeinde Forchheim, woselbst er als Pensionierter noch das Glück hatte, die goldene Hochzeit mit seiner Gattin zu feiern. — In Michel st adt hat der Gemeinderat beschlossen. zu Ehren des 1847 verstorbenen berühmten Rabbi Seckel Löb Wormser, der als Gelehrter und Menschenfreund seiner Vaterstadt viele Wohltaten und Ehren erwiesen hätte, eine Gedenktafel an dem Hause, in dem er zuletzt wohnte, gegenüber dem Amtsgericht, anbringen zu lassen. — Der Vorsitzende des Synagogenrats in Mannheim, Max Stockheim, hat wegen Alters und Krankheit sein Amt niedergelegt. — Der zum Dekan der medizinischen Fakultät in Basel gewählte Professor Dr. Wolf ist nicht Jude. — Ein Diner, das vor einigen Tagen zugunsten des jüdischen Hospitals in London stattfand. ergab für dieses Hospital die Summe von 12 000 Pfund Sterling oder rund, eine Viertelmillion Mark. — Am 19. v. M. erschien in einem Caf6 in Sosnowice ein Polizeiaufgebot, in Begleitung einer Militärpatrouille und verhaftete sämtliche 23 Gäste, sowie die Kellner und führte einen Teil der Verhafteten nach Bendzin, während der andere Teil ins Arbeitergefängnis gebracht wurde. Die Verhafteten sind meist jüdische Handelsangestellte, die einer geheimen Verbindung angehört haben sollen. — Gelegentlich einer Beratung über die Einführung der Sonntagsruhe in der Stadt Homel haben die Stadtverordneten, infolge verschiedener Beschwerden der Juden, einen jedenfalls originellen Ausweg gefunden. Es wurde nämlich beantragt, den Geschäftsinhabern zu erlauben, die Läden am Sonntag während zwei Stünden offen zu halten unter der Bedingung, daß die Juden am Sonnabend ihre Läden auch für zwei Stunden öffnen. — Die vor einigen Monaten eingegangene älteste und angesehenste jüdische Tageszeitung „Der Fraind" in Petersburg erscheint seit dem 14. Dezember (1. a. St.) wieder. -Hllachdem zunächst 20 jüdische Familien von der finnischen Regierung des Landes verwiesen worden waren, haben am letzten Dienstag weitere zehn Familien die Aufforderung erhalten, binnen sieben Tagen das Land zu verlassen, was jetzt im Winter eine ganz besondere Härte ist. Die finnländische Regierung verbreitet, daß sie zu Milderungen^ geneigt sei. Bisher entspricht diese Behauptung in keiner Weise den Tatsachen. „In einem Schreiben, das aus den Kreisen der betroffenen Familien stammt, wird mitgeteilt, daß selbst die Bitten um einen Aufschub der Ausweisung von den Behörden abgeschlagen worden sind. Der Gouverneur gab die Antwort, t ß nur die Familien, deren Kinder an epidemischen Krankheiten m Krankenhause sich befinden, eine kleine Fristverlängerung bekor n werden. Eine in schwedischer Sprache erscheinende Zeitm in Helsingfors brachte eine Mitteilung über die skandalösen Vorgänge, an die sich die Bemerkung knüpfte: „Dies ist die schärfste Anklage gegen unsere Gemeinschaft, welche sich nicht die Zeit genommen hat, die Judenfrage nach den einfachsten Zivilisations- und Humanitätsforderungen zu ordnen. Die Zeit dürfte doch bereits nahe sein, wo der Schandfleck, der auf uns in dieser Beziehung ruht, verschwindet." — „Don Jsak Abarbanel", betitelt sich ein neues Drama, das einen Jungtürken, namens San tu» Sino in Konstantinopel zum Verfasser hat. Der Autor, ein intimer Freund des Prinzen Sasa-hi°din, hat in diesem Drama mit deutlich erkennbarer Tendenz das Leben der Juden nach der Vertreibung aus Spanien und ihrer ersten Ansiedlung in der Türkei zur Darstellung gebracht. Das Stück dürfte noch in dieser Saison zur Aufführung gelangen. — Im türkischen Senat sitzt ein Jude, Behor Effendi Aszkanasi,^ der mehr als 10 Jahre Unterpräfekt von Konstantinopel war.

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