Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1908)
- Date
- 1908-12-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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72. Jahrgang. Nr. 52. jSülClCtTt1^ Berlin, 25. Dezember 1908 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Allgemeine Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verlriebssttllen) bezogen vierteljährlich 5 IU. Ue t> a t i c it v: Gustav Rarx eles. Begründet von Rabbiner D*. Ludwig Philippson Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße hb/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Rückblick. - Berlin, 23. Dezember, uch' das abgelaufene Jahr hat keine wesentliche Veränderung in den allgemeinen Verhältnissen der Juden herborgebracht. Unwiederbringlich rollen die' Jahre dahin, aber ihre Resultate wirken und dauern, doch fort. So dürfen wir das abgelaufene bürgerliche Jahr, obwohl die Schlange der Reaktion so manches Tröpflein Gift wieder in unsere Verhältnisse gespritzt hat, doch im allgemeinen und großen als ein Jahr des Fortschritts und des Sieges der liberalen Ideen bezeichnen. Wenn wir in den einzelnen Momenten des Jahres in sozusagen wöchentlichen' Berechnungen', wie ein guter Haushalter, auch die kleinen Schäden schmerzlich verzeichnen, die wir da und dort erfahren, so überblicken wir doch ° am Jahresschluß wie ein vorsichtiger Geschäftsmann die größeren Konturen und Konjunkturen, und wo sich uns ein Gewinn im großen für die Menschheit resultiert, da verschmerzen wir gern die kleineren Einbußen. Auf politischem Gebiete ist es klar, daß die Stürme des Antisemitismus sich einigermaßen ausgetobt haben. Selbst die Rassen- und Nationalitätenkämpfe haben nicht mehr dieselbe Bedeutung. Dagegen gewinnt der Humanitätsgedanke, die Verbrüderung der Menschheit wieder mehr Einfluß aus die Völker/ In Preußen ist eine Besserung der Verhältnisse zu konstatieren. Der Grundsatz der Ignorierung der jüdischen Religion von seiten des Staates hat endlich einmal aufgehört. In dem neuen Volksschulgesetz ist das Judentum als Konfession >genau so berücksichtigt wie alle anderen. Für den jüdischen Religionsunterricht wird ein besonderer Zuschuß gewährt in allen Gemeinden, in denen mindestens 12 jüdische Kinder die Volksschule besuchen. Auch im Justizdienst werden die Juden nicht mehr so zurückgesetzt. Nur in der Armee haben sie noch immer nicht die Berücksichtigung gefunden, die ihnen zukommt; aber auch hier zeigt sich wenigstens der gute Wille, und es ist nicht zu bezweifeln, daß es den energischen und standhaften Forderungen der Juden, endlich einmal gelingen wird, in dieses Vorurteil Bresche , zu schlagen. Aus den übrigen deutschen Staaten ist nur wenig zu berichten. In Bayern herrscht die Reaktion, und. demgemäß hat sich die Lage der Juden dort nicht gerade verbessert, in Württemberg soll die staatliche Organisation durchein neues Gesetz geregelt werden, und auch das eben angenommene Volksschulgesetz berücksichtigt die jüdischen Verhältnisse in dankenswerter Weise. Dasselbe gilt auch von den neuen Volksschulgesetzen in Sachsen-Meiningen, Oldenburg und Lippe-Detmold.. , Daß die Verhältnisse der Juden in Oesterreich trotz der Vorherrschaft der christlich-sozialen Partei und obwohl diese selbst in das Ministerium eingezogen ist, sich nicht wesentlich verschlechtert haben, ist in der Tat ein Wunder. Der greise Monarch ist der Beschützer der Juden. In der Antwort, die er der Huldigungsdeputation am Tage seines Negierungsjubiläums gegeben, lag soviel Güte, Anerkennung und Wohlwollen, wie sie nur selten ein Fürst den Juden gegenüber an den Tag gelegt hat. In den heißen Kämpfen der verschiedenen Nationalitäten bilden die Juden oft das Zünglein an der Wage. Das Traurige ist, daß sie, die Vertreter des deutschen Prinzips in Böhmen, von einem großen Teil der dortigen Deutschen selbst angefeindet und verfolgt werden. Ungefähr dasselbe Verhältnis ist auch in Ungarn, und es steht sehr zu befürchten, daß durch die Koalition der Klerikalen und der Unabhängigkeitspartei der Antisemitismus auch in dieses schöne Land wieder einziehen wird, wo er seit dem Prozeß von Tisza- Eßlar keinen Boden mehr gefunden hatte. In Frankreich hat die staatliche Organisation des israelitischen Kultus ihr Ende gefunden. Aber es ist ein Zeugnis für die innere Triebkraft des Judentums, daß die freie Organisation der französischen Judenheit so rasch und so erfolgreich in die Wege geleitet werden konnte. In Italien, England und Amerika ist die Lage der Juden nach wie vor eine durchweg zufriedenstellende. Die Gleichberechtigung ist in diesen drei Ländern faktisch durch-, geführt. Die Stellen und Aemter werden nach der Befähigung und nicht nach der Konfession oder politischen Richtung besetzt, und in allen drei Staaten gelangen Juden fortwährend zu hohen und angesehenen Posten, die sie zur allgemeinen Zufriedenheit auch aussüllen. Wie scharf hebt sich von diesem Lichtbilde die traurige Lage der Juden in Rußland ab! Die Dreistigkeit der „wahrhaft russischen Leute" übersteigt jede Grenze. Es zeigt sich dabei ein merkwürdiger Widerspruch: noch nie sind die reaktionären Organisationen innerlich so schwach und äußerlich so einflußreich gewesen wie jetzt. Statt des früheren einen Verbandes des russischen Volkes, gibt es jetzt deren zwei, die einander mit Schmutz bewerfen und die nur das gemeinsam haben, daß sie beide stehlen und Unterschleife begehen. Die Regierung aber steht trotzdem in ihren: Bann. So ziemlich alle Instanzen rechnen mit dem Willen des kaum zurechnungsfähigen Purischkewitsch. Was die Juden unter diesen Verhältnissen zu leiden haben, läßt sich denken. Die alten Verordnungen und Beschränkungen werden wieder hervorgesucht und die neuen Gesetze kaum mehr in Anwendung gebracht. Die Zahl der jüdischen Schüler wird beschränkt, das