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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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69. Jahrgang, '■Hö' 52. ' '. Berlin, 29. Dezeitfber 1905 Wetlsge zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums" Lorrrlpondm?m und Machrichten. Deutschland. 8. Berlin, 25. Dezember. Wie alljährlich, veranstaltet auch in diesem Winter das Kuratorium der Lehranstalt sür die Wissenschaft des Judentums eine Reihe von Vorlesungen zum Besten des Stipendienfonds dieser Anstalt. Diese Vorlesungen, welche im Saale der Gesellschaft der Freunde, Potsdamerstraße 9, abends 8 Uhrgehalten werden, sind folgende: Am 15. Januar: Herr M. Henle (Hamburg): „Rück- und Ausblick aus die Entwicklung der Synagogenmusik." (Mit Klavierbegleitung.) Am'29. Januar: Herr Rabbiner Dr. S. Samuel (Essen): „Das Shylockproblem im Lichte der neueren Forschung". Am 12 Februar: Herr Dr. Moritz Sobernheim; „Reise nach Syrien." (Mit Lichtbildern.) Am 26. Februar: Herr Dozent Dr. A. S. Zahn da: „Ueber semitischen Geist und semitische Begabung." Am 5. März: Herr Rabbiner Dr. M. Joseph (Stolp): „Die drei Hauptstufen des religiösen Bewußtseins der Menschheit." Am 19. März: Herr Professor Dr. Ludwig Stein (Bern): „Der religiöse Optimismus." 8. Berlin, 20. Dezember. Im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sprach in der vorigen Woche im überfüllten Saale der Gesellschaft der Freunde Herr Rabbiner Dr. Jakob- Göttingen über das Thema: „Der christliche Staat." Der Redner versteht darunter die tatsächliche größere oder geringere Beeinflussung eines Staates, seiner Einrichtungen und Gesetzgebung durch das Christentum. In diesem Sinne darf man mit Fug den fundamentalen Satz aussprechen, daß die letzte Wurzel, aus der alle Rechtsverweigerung an die Juden hervorgeht, der christliche Staat ist. Wie immer man jedoch den christlichen Staat definiert, keinesfalls ist er, wie der Redner in längeren sehr interessanten geschichtlichen Ausführungen darlegt, ein Gedanke des ursprünglichen Christentums, aus dem einfachen Grunde, weil der Staat selbst keine ursprüngliche christliche Idee ist. Die Reformation bedeutete den Anfang vom Ende des christlichen Staates. Es gab kein einheitliches Christentum mehr, es gab nur noch verschiedene Konfessionen. Die Reformation brachte auch wieder die Nation zu Ehren. So unbeugsam die Juden zu allen Zeiten sich geweigert haben, Christen zu werden, so bereitwillig waren sie stets, in das Leben der Nation einzugehen, wenn ihnen der Zutritt dazu geöffnet wurde. Vor allem brachte die Reformation das unveräußerliche Recht der Glaubensfreiheit zum Bewußtsein. Langsam kam das Zeitalter der Humanität, der Christ trat zurück und der Mensch wurde entdeckt. Es erwuchs der Rechts- und Kulturstaat. Die französische Revolution war der Todesstoß für den christlichen Staat. Die Geschichte der Juden im 19. Jahrhundert ist größtenteils die Geschichte ihrer schrittweisen Emanzipation bis zum Gesetze vom 3. Juli 1869, das die Bekleidung von Staatsämtern auch unabhängig vom Bekenntnis machte: das neue Deutsche Reich entsteht nicht mehr als „christlicher" Staat, sondern als moderner, nationaler Rechts- und Kulturstaat. So kann der Begriff christlicher Staat weder vor der Geschichte noch vor der Kritik bestehen. Der moderne Staat hat sich teils unabhängig, teils sogar im Gegensatz zum Christentum entwickelt. Die geistige Kultur hat sich größtenteils unabhängig von ihm entfaltet; endlich ist auch die sittliche Kultur unserer Zeit keineswegs ein direktes Erzeugnis des Christentums, sondern sie wurzelt, in dem Humanitätsideal des 18. Jahrhunderts, in dem Humanismus der Renaissance und noch weiter zurück in dem griechisch-römischen Altertum. Der preußische Staat hat seine höchste Blüte zu verdanken der Negierung eines Mannes, der gewiß ein dezidierter Nichtchrist, einer dev größten Freidenker des Jahrhunderts war, Friedrich dem Großen. Im Kampfe für Gott und für die Güter des Himmels, so schloß der Redner, sollten Judentum und Christentum brüderlich verbündet bleiben; nicht in einem einzigen Gebot ist die jüdische Sittlichkeit ein Hindernis, an allen Rechten und Pflichten des Staates teilzunehmen. Als eine Gefahr für den Staat könnte nur der äußerlich getaufte Jude bezeichnet werden, welchem nur für diese Taufe alle Rechte in den Schoß fallen, denn mit ihm führt der Staat ein Element der Unwahrhaftigkeit, der Heuchelei und Lüge in sich ein. Deshalb darf man die feste Zuversicht hegen, daß auch die völlige staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden sich durchsetzen wird. Mit lebhaftem Beifall dankte dem Redner das zahlreiche Auditorium, das mit größter Aufmerksamkeit den die übliche Zeit weit überschreitenden interessanten Ausführungen gefolgt war. Der Leiter der Versammlung, Herr Justiz- - rat Lövinson, gab alsdann, wie üblich, einen Ueberblick über die neuesten Ereignisse im Lager der Antisemiten. Auch der Volksschulgesetzentwurf bildete selbstverständlich ein Thema der Diskussion, und der Vorsitzende nahm hierbei Gelegenheit, die Richtpunkte anzugeben, nach denen der Zentralverein und der Verband der deutschen Juden bei der Bekämpfung dieses Gesetzes marschieren. 5. Berlin, 24. Dezember. Am 10. d. M. hielt der Vorstand des Vereins „Jüdische Arbeiterkolonie" im Bureau des D.-J. G.-B. gemeinsam mit - den Damen und Herren des Wohlfahrtsausschusses eine sehr zahlreich besuchte Sitzung ab. An Stelle der im Laufe des Jahres durch Tod ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder Justizrat Herm. Stern I und Martin Simon sind die Herren Emil Cohn in Charlottenburg und Dr. Ginsberg getreten. Ueber die Weiterentwicklung der Anstalt lagen günstige Berichte vor. Zurzeit sind 86 Jusassen vorhanden, von denen 26 mit Stockfabrikation, 25 -mit Rohrflechterei, 33 mit Herstellung von Bürsten, einer als Kolonieschueider, einer mit Hausreinigung beschäftigt sind. In den 11 verflossenen Monaten hat die Kolonie 411 Mann, seit ihrem Bestehen 1344 Mann aus allen Ländern Europas ausgenommen. — Bei dem großen Zugang neuer Kolouisten ist das. Bedürfnis nach gebrauchten Kleidungsstücken jederzeit sehr groß, besonders aber jetzt im Winter. Alle Menschenfreunde werden daher gebeten, solche zur Verfügung zu stellen. Die Abholung erfolgt auf telephonische oder schriftliche Benachrichtigung des Inspektors, Herrn Behrendt, Weißensee, Wörthstr. 20. Telephon: Amt Weißensee Nr. 192. e. Stettin, 20. Dezember. Als die Ehefrau eines Stadtrats hier vor einiger Zeit ihren Geburtstag feierte, hatten sich zur Feier des Tages auch andere Ma gi strats Mitglieder mit ihren Damen eingefunden. Bei dieser Gelegenheit unterhielt man sich auch über eine Sitzung des Magistrats, in der über die Anstellung eines Oberarztes am städtischen Krankenhause zu Stettin gesprochen wurde. In dieser Sitzung soll' sich eilt Magistratsmitglied gegen die Anstellung eines Juden als Oberarzt ausgesprochen haben, weil durch die Anstellung eines jüdischen Oberarztes die christlichen Assistenzärzte unangenehm berührt werden könnten. Als dem Oberbürgermeister davon Mitteilung gemacht worden war, erteilte er dem betreffenden Herrn einen Verweis, weil er die erforderliche Amtsverschwiegenheit nicht bewahrt habe. Nach fruchtloser Beschwerde erhob das mit einem Verweise bestrafte Magistratsmitglied ' Klage beim Oberverwaltungsgericht, indem der Kläger betonte, es handle sich um einen harmlosen Vorgang; er entsinne sich seiner Worte nicht mehr genau. Nachdem das Oberverwaltungsgericht noch Ermittlungen angestellt hatte, welche zugunsten des Klägers ausfielen, hob das Oberverwaltungsgericht den Bescheid des Regierungspräsidenten nebst der Strafverfügung des Oberbürgermeisters aus. W—f. Posen, 21. Dezember. Die diesjährige Hauptversammlung des Vereins „Frauenhilfe" fand im groben Saale des israelitischen Gemeindehauses statt, zu welcher viele Mitglieder erschienen waren. Die stellvertretende Vorsitzende, Frau Leo Calvary, leitete die Versammlung und hielt eine diesbezügliche Ansprache. Das 15. Vereinsjahr warein an Arbeit und Erfolgen reiches. Der Rechenschaftsbericht bringt den Beweis, daß durch redliches Bemühen aus Kleinem sich Großes entwickeln kann. Ausgerüstet mit ganz kleinen Mitteln wurde der Verein vor mehr als vierzehn Jahren gegründet und jetzt steht er da als einer der größten segensreichsten Vereine der hiesigen israelitischen Gemeinde. Seine Humanitären-

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