Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · p. Seite 614

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 614 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228689--62266-3277266
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

WWMDWWM^^G« 614 Auch H olland hat gegenwärtig einen jüdischen Justiz-' minister; wie denn überhaupt in den westlichen Ländern "trotz aller Borstöße des Antisemitismus die Juden in ihrer Karriere keineswegs gehindert werden.? Weder in Frankreich, noch .MEngland und in Italien oder in Amerika. Ja, in Span i e n will man sogar die Juden wieder haben, zuin mindesten die vertriebenen Söhne des Vaterlandes, die Sephardim, die auch in der Fremde die Treue zum Vaterlande und seiner Sprache ein /halbes Jahrtausend lang erhalten haben. Die Stellung, welche die Juden in Amerika einnehmen, ist, obwohl auch dort wiederholt Versuche zu einer Beschränkung der Einwanderung gemacht wurden, eine sichere und gefestigte. Dies hat sich im letzten Jahre bei verschiedenen Anlässen und namentlich' bei der großen und allgemeinen Feier ihres geschichtlichen Gedenktags in erfreulicher. Weise gezeigt. Aus den Ländern des Orients ist diesmal wenig zu berichten. Nur in Persien und Marokko haben die Juden noch immer unter Verfolgungen zu leiden; aber mit der Einkehr geordneter Verhältnisse in dem letzgenannten Lande wird auch ihre Lage dort ohne Zweifel.eine bessere werden. Der Rückblick in die Vergangenheit war kein erfreulicher, und auch der Ausblick in die nächste Zukunft ist nicht gerade verheißungsvoll zu nennen. Dürfen wir darum verzagen? Gewiß nicht. Erinnern wir uns vielmehr des schönen Wortes von Goethe: „Die Gnade der Großen, die- Gunst der Gewaltigen, die Förderung der Tätigen, die Neigung der Menge, die Liebe der Einzelnen: alles wandelt auf und nieder, ohne daß wir es festhalten. können." Der bleibende Pol in der Erscheinungen Flucht muß aber unser unerschütterliches Vertrauen bleiben auf den, „der die Zeiten ändert", aus den Sieg der Humanität, der Gerechtigkeit und Wahrheit, , der nicht ausbleiben kann, wohin auch das Getümmel der Dinge wogt und treibt. Mit dieser festen Zuversicht wollen wir an die Arbeit des neuen bürgerlichen Jahres schreiten. Dir Woche. Berlin, 28. Dezember, ieder obliegt uns die traurige publizistische Pflicht, ehe das bürgerliche Jahr scheidet, der Männer zu gedenken, die wir verloren und deren Verlust wir in diesen traurigen Tagen ganz besonders schmerzlich empfinden. Von den religiösen Führern gedenken wir in erster Reihe der Namen: M. Kahserling, Zadoe Kahn. Dann folgen Dr. Prager, Dr. H. B. Nathan, A. Biberfeld, E. Astrnc, S. Wahl, A. Wunder, L. Pollak, Dr. H. Werner, I. Bloch. Die Wissenschaft des Judentums hat den Tod ihres Nestors I. H. Weiß zu beklagen. Von den Männern, die in Treue sich mit den Angelegenheiten der Gemeinde ihr Leben lang befaßt, seien vor allem genannt: Konsul A. M. Simon, Baron Alphonse v. Rothschild, Justizrat Dr. H. Meyer Cohn, Martin Simon, Justizrat Stern, Geheimrat Wiesenthal, Geheimrat Croner, Jacob de Jonge, Gabriel Meyer, E. Rothschild. Die gelehrte Welt hat Julius Oppert, Leo Errera, L. Jacobson, G. B. Asher, Albert Cohn, Dr. Brühl, Tullo Masserani, B. Szilasi, Josef Ezekiel verloren. Edle Wohltäter waren Nathaniel v. Rothschild, Moses Dropsie, R. Sassun, M. Guggenheim, S. Hausdorf. Im öffentlichen Leben ragten hervor der ehemalige badische Finanzminister .Dr, M. Elftätter, der Abgeordnete. Dr. Max Hirsch. Dem Gebiet der Kunst und Literatur gehörten an : Harry Loewy, Albert Goldberg, Max Fleischer, David Ney, Ch. Ephrussi, Paul Tencer, K. G. Sarasan, N. Schaikowitz. Und zum Schlüsse gedenken wir in dieser Scheidestunde des Jahres mit besonderer Bewegung noch all der anonymen Märtyrer, jener zahlreichen Männer und Frauen, die. für die Heiligung des göttlichen ' Namens in den Tod gegangen sind und auf die das alte Gebet seinen vollen Lichtschimmer ergießt: „Leichter waren sie als Adler und stärker als Löwen, den Willen ihres Eigners und das Verlangen ihres Hortes zu vollbringen. So'gedenke auch Du ihrer, o Herr, zum Guten mit den andern Gerechten aller Zeiten, wie es in der Lehre Mosis, des Gottesmannes, heißt: Machet, ihr Nationen, heiter das Los seines Volkes .... und er wird die Menschenerde mit seinem Volke versöhnen?" Obgleich der Reichstag vollauf zu tun gehabt hatte mit der Generaldebatte über den Etat, die Marinevorlage und die einen mächtigen Steuerblumenstrauß umfassende Reichsfinanzreformvorlage, die Kolonialangelegenheiten usw., haben ' doch die Abg. Liebermann v. Sonnenberg und Stöcker es für angebracht gehalten, antisemitische Reden zu halten. Der wackere Hofprediger a. D. zog wieder einmal gegen die Judenpresse und Judenmacht zu Felde. Seltsamerweise zitierte er als Autorität Lassalle, den berühmten sozialdemokratischen Agitator. Dieser soll nach Stöcker gesagt haben — uns sind die Lassalleschen Aeußerungen nicht so geläufig, und unbedingtes Zutrauen zu Stöckers Zitaten haben wir, offen gestanden, nicht — : Ich hasse zwei Dinge: Siteraten und Juden; leider bin ich beides. Die Presse ist ganz demoralisiert. Es geht doch wohl nicht an, den Aeußerungen eines geistigen Antipoden nur das zu entnehmen, was dieser vielleicht nur in einer Aeußerung übler Laune gelegentlich einmal gesagt hat. Wie gefiele es Herrn' Stöcker, wenn man ihn nur als Autorität zitierte nach seiner Leistung im Scheiterhaufenbrief, und ihn nur nach seinen Kollisionen mit den Tatsachen beurteilte, dagegen ganz außer Acht lassen wollte, was er in seinen Traktätchen und Predigten sagt! Herr Stöcker nun behauptet, daß „die fünfzigjährige Verdununung, Demoralisierung, Entchristlichung des deutschen Volkes durch die Judenpresse allmählich in den Köpfen und Herzen Verwüstung angerichtet hat, die die Vorfrucht ist der heutigen sozialdemokratischen Verwüstung des Geistes." Gegen diese unheilvolle Macht habe man nichts getan und „die bürgerlichen Parteien haben sich diese Judenmacht an der Börse, in der Presse, Literatur und am Theater über den Kopf wachsen lassen". Die Geistesprodukte Deutschlands seien verjudet, das erkläre unsere jammervollen Zustände. „Was war deutsche Gottesfurcht, deutsche Treue, deutsche Ehrlichkeit, deutsches Familienleben für etwas schönes auch für unsere auswärtige Politik?" Auf diese Frage des Herrn Stöcker erlauben wir uns eine Gegenfrage. In Rußland hat es keine Judenpreffe gegeben, hat die Presse nicht das geringste Verfängliche enthalten dürfen. Da war die Presse so geknebelt, daß sie so gut wie nicht existierte'. Dennoch rebelliert man in Rußland, daß es so eine Art hat. Wir glauben, daß so kannibalisch, so unter-tierisch ist noch nie, zumal in solchem Umfange, rebelliert, alles Gesetzliche, alles Menschliche mit Füßen getreten worden, wie eben jetzt von dem nicht durch eine Judenpreffe, überhaupt durch eine Presse vergifteten und verwüsteten russischen Volke. Es sind nicht wir, die es sagen, sondern ein Russe, der Fürst Meschtscherski, der im „Grashdanin" schreibt, „daß Rußland nicht nur aus der Familie der zivilisierten Völker iillll

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.