Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228847--65119-3277214- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
der Verordnung getroffen werden. Die Ministerialverfügung von: 8. Mai 185t „betreffend die Anordnung und Beaufsichtigung des israelitischen Religionsunterrichts in der Schule" soll entsprechend den für die anderen Konfessionen getroffenen Vorschriften revidiert werden. Gesterreich-Nngam. □ Wien, 23. November. Wir haben nun ein provisorisches Beamtenkabinett bekommen, in welchem auch drei Parlamentarier sitzen.. Der Chef des Kabinetts und der Minister des Innern sind christlich-soziale Parteigänger. Da aber nach diesem Ministerium erst ein definitives parlamentarisches Ministerium kommen soll, so kann man schon jetzt leicht die Rechnung machen: Wenn in einem provisorischen Beamtenkabinett zwei christlich-soziale Minister sitzen, wie viele christlich-soziale kommen in ein definitives parlamentarisches Ministerium? An dem Resultat ändert auch der etwas ungnädige Ton der Verabschiedung nichts, die den Ministern Geßmann und Ebenhoch zuteil wurde, weil sie sich zu sehr beeilt hatten, irgendeinen Wechsel zu eskomptieren. An ihrer Stelle werden andere kommen, die übrigen Nationen und Parteien werden es mit dem Wiener Rathaus nicht verderben wollen. — Der Führer der span'iolischen Deputation, der greise Präsident der Kultusgemeinde von Sarajewo, Gemeinderat Salomon Efendi Salom, erschien an derjSpitze einer kleinen. Deputation beim Geheimen Rat Sektionschef Baron Kutschera im gemeinsamen Finanzministerium, um ihm die Vitte der bosnischen Juden um eine besondere Vertretung im kommenden Landtag Bosniens und der Herzegowina vorzutragen. Baron Kutschera besprach mit Salom Efendi sehr eingehend diese schwierige Frage. Bei dem Umstand, als in Bosnien und der Herzegowina nur zirka 8000 voraussichtlich wahlberechtigte Juden leben, ist eine solche Vertretung nicht ohne weiteres durchzuführen; der bosnisch-herzegowinische Landtag müßte eine Unzahl von Deputierten, erhalten. soll schon auf 10 000 Wähler ein Deputierter entfallen. Uebrigens werden Juden voraussichtlich in den Landtag kommen, und zwar im Wege der Handels- und der Advokatenkammer. Immerhin wird im gemeinsamen Finanzministerium noch gesucht werden, wie man den von Salom Efendi vertretenen Wünschen der Juden entgegenkommen könnte. Das klingt schon ganz anders als die Antwort des Reichsfinanzministers! — Der ausgezeichnete akademische Maler Isidor Kaufmann feierte am 29. v. M. mit seiner Gattin Juliette geb. Bauer das Fest der silbernen Hochzeit- — Kürzlich wurde behauptet, es gebe keinen aktiven jüdischen Oberst mehr in der österreichischen Armee. Das ist ein Irrtum. Oberst Vogel hier ist Jude geblieben und gilt als einer der angesehensten Offiziere. Rußland. i. Warschau, 22. November. Am 19. d. ist hier im 82. Lebens, jahr der allgemein bekannte Archäologe und Bibliograph Mathias Versöhn gestorben. Seine Bibliothek und Sammlung ist berühmt. Die jüdische Abteilung der letzteren hat er der hiesigen jüdischen Gemeinde-Bibliothek geschenkt. Von seinen auf das Judentum bezüglichen Schriften sind zu nennen: Tobias Kohn, der Arzt (Krakau 1872), Metrhka Koronna (Krakau 1880), Marcin Teofil Polak (Warschau 1889), Ueber die Holzshnagogen in Russisch-Polen (ebendaselbst 1902)' Biographien der berühmten jüdischen Gelehrten in Polen(Warschau 1907)' Bis in seine letzten Lebenstage hat der Verstorbene, der auch ein eifriger Mäcen für alles Gute und Schöne war, emsig gearbeitet. Sein Tod trat plötzlich ein. Ehre seinem Andenken! Von Sah und jfern. — Dem stellvertretenden Stadtverordneten-Vorsteher, Geheimen Justizrat Cassel, wurde aus Anlaß der hundertjährigen Städteordnungs-Feier der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen. — Am 15. d. M. ist hier der Stadtbaumeister Emanuel Müller gestorben, der lange Jahre Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Küstrin war. und bei seinem Abgänge zum Ehrenmitglieds ernannt wurde. — Die Großloge für Deutschland U. O. B. B. hat als eine der ersten am 16. d. M. für die Hinterbliebenen der beim Grubenunglücksa d bodums Leben gekommenen Bergleute den.Betrag von M. 500. bewilligt und diesen Betrag au den Oberbürgermeister m Hamm abgeführt, — Dem Kreisarzt und Geheimen Medizinalrat Dr. Fr eher in Nau-_ gnrd wurde der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen. — Justizrat Feige in Breslau, der Vorsitzende des dortigen. Anwaltsvereins, wurde zum Geheimen Justizrat ernannt. — Als Anwärter auf den Nobel-Preis für Medizin wird der Direktor des königlichen Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M. Geheimrat Professor Paul Ehrlich genannt. — Die Verwaltung der Alexander und Fanny Simon-Stiftung in Hannover hat die Absicht, nunmehr die Vorbedingung für die Erfüllung der vornehmsten Aufgabe, die ihr der edle Stifter gesetzt hat, zu schaffen, nämlich zwecks Ausbildung jüdischer Landwirte ein Gut zu erwerben. Ein bestimmtes Objekt ist hierfür bereits in Aussicht genommen. — Mehrere jüdische Blätter melden die Ernennung des Herrn Dr. Max Rosenfeld zum Professor in Straßburg. Professor Rosenfeld ist nicht Jude. — Zu der Notiz aus Bamberg, betreffs Besetzung einer Lehrerstelle in Oberfranken, wird uns mitgeteilt: Es handelt sich nicht um eine Lehrer-, sondern um eine Schochetstelle und trat hierfür allerdings nur ein Bewerber (ein Schuhmacher) auf. Die Stelle ist heute noch nicht besetzt.— Der Lehrer Heidingsfelder, nicht Steidingsfelder, wie es in Nr. 47 hieß, hat sein 25jähriges Jubiläum in Freiburg i. B. gefeiert. — Das Concil der Sorbonne hat dem Rabbiner der Reformgemeinde in Paris Dr. L. G. Levy gestattet, seine Kurse über. Bibelexegese und Religionsgeschichte an dieser Hochschule abzuhalten.— Professor Dr. H. Gollancz ist zum Dekan der philosophischen Fakultät an der Universität von London gewählt worden. — Dr. Arthur Friedl aus Wien wurde wegen hervorragender Leistungen aus dem Gebiete der Chemie, insbesondere des künstlichen Kampfers, welcher auf der letzten englisch-französischen Ausstellung in London mit dem 6ranä Prix gekrönt wurde, durch Verleihung der goldenen Medaille fürKunst und Wissenschaft ausgezeichnet. —, Aus O dessa schreibt man dem „Rjetsch", daß die unter dem Vorsitz des General-Gouverneurs zusammenberufene Beratung der Schiffsbesitzer, der Versender und Empfänger von Waren sich damit einverstanden erklärte, eine Arbeitergenossenschaft zu organisieren, der ein Monopol gewährt werden solle. Das Statut ist vom bekannten Grasen Konownizin ausgearbeitet. Der an dieser Beratung teilnehmende Direktor der „Russischen Gesellschaft für Dampfschiffahrt und Handel", Timrod, protestierte gegen die vom Grafen Konownizin geforderte Einschaltung im Statut, daß die Mitglieder dieser Genossenschaft ausschließlich Verbandsmänner des russischen Volkes sein müßten. — Dem Gerüchte zufolge wird der projektierte Kongreß der russischen Handelskommissionäre nicht gestattet werden, da die Initiatoren desselben im Programm der Versammlung die Frage über Erweiterung der I Rechte der jüdischen Kommissionäre in dem Sinne, denselben freie Bewegung im ganzen Reiche einzuräumen, aufstellen—In Odessa tagt jetzt der Kongreß des „Verbandes des russischen Volkes"; 29 Vereine darunter auch der von Nisni-Nowgorod, sind durch Delegierte vertreten. Vorsitzender desselben ist der bekannte Antisemit Graf Konownizin. Fünf Kommissionäre sind gewählt worden, darunter einer über die „jüdische Frage," welche den 8. d. M., also in der ersten Sitzung verhandelt werden soll. Wir können uns wohl eine Idee machen, welche fanrosen Beschlüsse diese „feine" Gesellschaft hervorbringen wird. Im städtischen Auditorium traten 16 Redner hervor. Sie charakterisierten die Beziehungen vieler Kreise der Gesellschaft und der Behörden zu den Verbänden. — Die Jelezer Stadtduma beschloß mit 19 gegen 9 Stimmen, sich dem Ansuchen der Bürgerklasse anzuschließen, die Juden aus dieser Stadt ausznweisen. Und wir leben im 20. Jahrhundert. — Die amerikanische Regierung hat das Kommando über die atlantische Flotte dem Admiral Adolph Marix übertragen.. Admiral Marix, welcher ein Jude ist, hat sehr rasch Karriere gemacht und wurde durch ein eigenes'Gesetz des Kongresses zweimal außertourlich befördert. Seine Beförderung erfolgte „in Anerkennung seines hervorragenden heldenmütigen Verhaltens in zwei Feldzügen". — In Detroit ist Salomon M. Goldsmith, 'Herausgeber der Zeitschriften „Jung Israel" und „Jewish American“, int Alter von 48 Jahren gestorben. — Herr Harry Graumann wurde zum Bürgermeister von Johannesburg gewählt. /. '