Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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WWMW^ MW ßerliii,2Q.:No^ember, IM. gsmelye Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint rvö che ntlich. Ab^nnemenis^preis: durch Buchhandel oddr^post (in Berlin u. Vororten durch unsere verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redaktour; Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Ir- Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Alle Zusendungen > für Redaktion und Expedition sind' an die Adresse: Verlag der /.Allgem. Zeitung des Iudentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. ,IrlchstsgsmltglikL kl. D." : Berlin, 18. November. I^xhofprediger Stöcker a. D. hat sein Reichstagsmandat niedergelegt. Das ist kein welterschütterndes Ereignis. Ohne Schmerz, aber auch ohne sonderliche Freude werden wir deutschen Juden die Mitteilung von der völligen politischen Resignation des ehemaligen Hofpredigers entgegennehmen. Der Mann, der einst von hohen Zielen und der Erfüllung, seines hochgespannten politischen Ehrgeizes träumte, war ein nahezu zur Bedeutungslosigkeit verurteilter Politiker seit' jenen Tagen, da sich der Charakter des Mannes in den berühmten Scheiterhaufenbriefen enthüllteja, schon seit jenem Tage, da Kaiser Friedrich ihn der Würde eines aktiven Hofpredigers , entkleidete. Dennoch hat der Name Stöcker eine gewisse historische/ Bedeutung, freilich nicht rühmlicher Art. Mit seinem Namen ist . die Geschichte des neueren Antisemitismus unauslöschlich" verknüpft. Als auf den blutigen Schlachtfeldern Frankreichs die deutsche Einheit und deutsche Einigkeit erkämpft worden war, in einem gewaltigen Ringen, in dem Jude und Christ Schulter an Schulter kämpften und, alle Unterschiede der Konfession im Dienste des gemeinsamen Vaterlandes verschwunden waren und dauernd verschwunden zu sein schienen, da war es Stöcker, der den kurzen Blütentraum gegenseitiger' konfessioneller Duldung und Achtung nach kaum einem Jahrzehnt durch seine Agitation zerstörte und mit beispielloser Demagogie die tatsächliche staatsrechtliche Gleichberechtigung unserer, Glaubensgemeinschaft in ihrem Fortschreiten nicht nur hemmte, sondern sie zurückzuwerfen! suchte hinter die Zeiten des seligen Deutschen Bundes. ' Man weiß, daß der Vater des Antisemitismus, umgeben von der Gloriole eines Hofpredigers, bereits Ende der siebziger Jahre und Anfang der 1880 er Jahre mit Forderungen gegen die Juden an die Oesfentlichkeit herantrat, die auf nichts weniger hinausliefen, als auf eine völlige Entrechtung der Staatsbürger jüdischen Glaubens. Ausschluß von allen, öffentlichen Aemtern, Vorenthaltung jeder ehrenamtlichen Tätigkeit, Verbot der Zuwanderung ausländischer Juden und was dergleichen Dinge aus dem politischen Weisheitsarsenal des finsteren Mittelalters mehr sind, waren die Forderungen der Stöckerei, die damals zu dem energischen Protest der Notabeln unter Führung eines Gneist, Rickert,. VirHow, Mommsen und anderer erleuchteter Geisterdeutscher Nation führten, ' Wer aber wollte behaupten, daß die traurige Saat, die. in jener wüsten AgitationHepoche des Stöckerschen Antisemitismus in Me Kreist der putschen Bspölkerung aüsgestreut; wurdenicht aufgegangMfei^/ Wer wollte behaupten,' daß der Geist des Stöckertums nicht noch' immer in bedauerlichstem Maße in den Kreisen selbst der Gebildeten und maßgebender Regierungsstellen spukt und zfi zahllosen Zurücksetzungen und Rechtsvorenthaltungen der deutschen: Juden bis zum heutigen Tage führt? Die Bewegung, die/wie ein Reichs gerichtsurteil aus dem Jahre 1882 Herrn Stöcker bestätigte, daß sie sein eigenstes Werk sei, daß er die Vaterschaft des Antisemitismus unauslöschlich zu. tragen habe, mußte naturgemäß in ihrer Entwicklung zu einem'Pickenbach, Ahlwardt und Pückler führen. Die radikalen Ausläufer des Stöckerianismus haben freilich nicht am wenigsten dazu beigetragen, den Antisemitismus /bei allen anständigen ] @161116114611 noch anrüchiger zu machen, als er es seinem ganzen inneren Wesen nach schon an sich verdiente. Herrn Stöcker selbst wuchsen die tausend 'änderen Richtungen des von ihm erzeugten Antisemitismus längst über den Kopf, und heute sind es nur noch zwei Säulen unter den etwa 1^4 Dutzend antisemitischen Abgeordneten, die von der entschwundenen Pracht des spezifisch Stöckerschen Antisemitismus zeugen. Jetzt hat von den beiden Abgeordneten also Stöcker selbst. abgedankt. Man kann wohl, sagen, daß es reichlich spät ist und er schon vor langer Zeit mehrfach Gelegenheit gehabt hätte, dem parlamentarischen Leben Valet zu sagen. Aber er schien die politische Atmosphäre unendlich schwer entbehren zu können. Leute „anderen" . Schlages hätten die bekannte Affäre im Becker-Prozeße der immerhin eigenartige Schlaglichter auf die Wahrheitsliebe Stöckers warf, kaum überlebt; anderen Leuten hätte am Ende auch die Scheiterhaufenbrief-Affäre das politische Leben verleidet, Herr Stöcker aber hat das 74. Lebensjahr abgewartet, um nun endlich das'zu tun, was man von ihm schon viel früher erwartet, hatte. Allerdings hatte er im letzten Jahrzehnt es mit den Pflichten eines Volksvertreters nicht allzu genau genommen. Er wohnte den Sitzungennur selten bei, und noch seltener ergriff er das Wort, weil er wohl innerlich selbst fühlte, daß man seinen Ausführungen keine oder nur geringe Aufmerksamkeit schenkte. Er war politisch schon längst ein toter Mann. Sein Reichstagswahlkreis war Siegen-Wittgenstein-Biedenkopf, wo er sich eine getreue Leibgarde geschaffen hatte, von der; man nicht behaupten kann, daß sie dem antisemitischen Hetzapostel, sondern mehrnur ,. dem äußerlich sozial erscheinenden Politiker die Treue wahrte. Und man muß Eines ihm zugestehen: Stöcker wußte in Volksversammlungen sehr/ gut zu reden/' Sa braucht es, besonders, auch im Hinblick auf' das geistige NiveaN eines Teiles der Bevölkerung imSiegener .Wahlkreis nicht wundernehmeu, wenN Stöcker, dank einer > äußerst rührigen Agitation und guten Organisation, dort seit 1880 immer " tvled^ergejvählt /worden'ist ^iber^ doch war ein