Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Bukowinaer Ländtag eingebrachte Wahlreformentwurf anerkennt die Juden als nationale Gruppe und räumt ihnen acht Sitze ein, und zwar zwei in der Kurie des Großgrundbesitzes, zwei Handelskammerinandate und vier in. der Städtekurie!! — Ein Novum ist aus Graz zu berichten. Die Gemeinde gibt selbst ein Blatt heraus: „Grazer Israelitischer Gemeindebote". Die erste Nummer ist bereits erschienen. Am Ende kommen wir noch soweit, daß jede größere Gemeinde sich eine eigene Zeitung begründen wird! .. * - ■ Vvn Sah unü Mn. — Der Kaiser hat die Wahl des Professors Henri Weil in Paris zum auswärtigen Mitglied der philisophisch-historischen Klasse der Berliner Akademie der Wissenschaften bestätigt. — Der „Verein für Arbeitsnachweis", begründet von der Berliner B'nei Brith- Loge hat durch seine Vermittlung im Monat Oktober 227 Personen in Stellung gebracht und ferneren 73 vorübergehend Beschäftigung nachgewiesen. — Herr Hermann Nathansohn hat anläßlich seiner bevorstehenden silbernen Hochzeit den Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin 10 000 Mark zur Errichtung einer Hermann und Doris Nathansohn-Stiftung überwiesen mit der Bestimmung, daß die Zinsen alljährlich am 6. November an hilfsbedürftige Mitglieder der Fondsbörse sowie deren Witwen und Waisen verteilt werden. — Iustizrat Dr. Edmund Friedemann hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Herr Marcus Kretschmer, der Inhaber des.bekannten Restaurants, ist am 4. d. M. plötzlich infolge Herzschlages gestorben. — Dem Kantor und Neligionslehrer a. D. Jacoby in Pyritz., der nach vierzigjähriger Amtstätigkeit in den Ruhestand getreten ist) wurde aus diesen: Anlaß der Adler der Inhaber des Hohenzollernschen Hausordens verliehen. — Kaufmann Abraham Metz in Gostyn erhielt das allgemeine Ehrenzeichen. — Professor Dr. Eduard Rosenthal, Ordinarius des Staats-Verwaltungs- und Völkerrechts und der,deutschen.Rechtsgeschichte an der Hochschule zu Jena, hat in diesen Tagen das Jubiläum seiner 25 jährigen Tätigkeit als Universitätsprofessor gefeiert. — Herr Louis Feist in Frankfurt a.M.' hat das Ehrenritterkreuz III. Klasse, Herr Dr. Albert Sondheimer daselbst das Ehrenritterkreuz II. Klasse, des Oldenburgischen Haus¬ und Verdienstordens erhalten. — In Paris ist Elias Schwabacher gestorben, an dem das „Hilfskomitee für jüdische Auswanderer" in Basel einen eifrigen und tatkräftigen Mitarbeiter verloren hat. — Die Londoner Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden hat, wie aus ihrem Berichte hervorgeht, während ihres nunmehr hundertjährigen Bestehens 65 Millionen Mark für ihre Zwecke ausgegeben. Jeder getaufte Jude kostet der Gesellschaft danach im Durchschnitt 21 000 Mark! Die Londoner Zeitungen fragen mit Erstaunen, ob man diese Riesensummen nicht hätte produktiver anlegen können. — In seinem 72. Jahre starb der Mönch. Vater Ignatius. Er gründete seine eigene Abtei in Males, und an beiden Eingangspforten und an der Türe seines Privatzimmers befand sich eine Mesusah, die er regelmäßig zu küssen pflegte. Seine Liebe zum Judentum war tief, eine besondere Abneigung empfand er gegen die Missionsvereine. — Die älteste in jüdisch-deutscher Sprache erscheinende Petersburger Tageszeitung „Der Fraind" hat ihr Erscheinen in der vergangenen Woche eingestellt. Die Gründe dafür dürften lediglich finanzieller Natur fein. — Der Dozent am Petersburger kaiserlichen Polytechnikum in P e t e r s b u r g Herr N. Friedmann wurde zum ordentlichen Professor an derselben Hochschule ernannt. Friedmann ist, wie die russischen Blätter betonen,, der erste ungetanste jüdische ordentliche Professor an einer russischen Hochschule: — Der bessarabische Gouverneur Charusine hat einen höheren Posten erhalten und ging nach Petersburg. Vor seiner Abreise aus Kischinew wurde ihm von den dortigen Bürgern eine Adresse überreicht. Unter anderem heißt es darin: „Kischinew und einige Kreise verdanken Ihnen, daß öie ausgebrochenen Unruhen und Pogrome in der Wurzel unterdrückt wurden. Ihnen sind die Einwohner Kischinews dankbar, daß über diese' Stadt der Sturm verhältnismäßig noch glücklich vorüberging, der diese Stadt ganz auseinanderfegen -und zertrümmern könnte. — Auf Befehl des Kursker Polizeimeisters wurden auf administrativem Wege die jüdischen Sänger, die auf der Szene des Restaurants „Europa" auftraten, und die nicht das'Recht Haben, außerhalb des Ansiedlungsrayons zu wohnen, aus. der.Stadt gewiesen. — Die Arbeitergruppe bringt einendringenden Antrag in die Duma ein, in betreff der Erklärung des Ministeriums über' das Wohnrecht der jüdischen Apothekergehilfen und der Zahnärzte. — Der Generalstab des Kriegsministeriums arbeitet jetzt ein Projekt hinsichtlich der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Soldaten nichtgriechisch-katholischer (Prawoslawny) ' Konfession aus. Diesem Projekte zufolge werden die Geistlichen dieser Konfessionen zu Schwurleistungen, zu Beerdigungen und dergleichen eingeladen werden. Der Stab fordert auch die Angabe der Zahl der nichtrussischen Soldaten.— Im Elisabetgraber Bezirksgerichte wird im November der Prozeß des Pogroms, der im Oktober 1905 dort stattfand, verhandelt werden. Ungesähr200 Zeugen sind vorgeladen worden. — Der Minister des Innern teilte dem Deputierten Pergament mit, daß - dem aus Odessa zur Verschickung nach dem Norden bestimmten Mitarbeiter der „Odeßcija Nowosty" S. Sack gestattet wurde, nach dem Auslande zu verreisen. — Aus Astrachan telegraphiert man, daß der Redakteur der Schwärzehundert-Zeitung „Rüßcaja Prawda" l„Die russische Wahrheit") für antigesetzliche Aufsätze zur gerichtlichen Untersuchung gezogen wurde. Die letzte Nummer wurde wiederuni konfisziert. Der Satz der Zeitung wurde von der Polizei versiegelt. —Im dritten Jahre ihres Erscheinens, in Folge völliger Erschöpfung der Mittel, hörte auch die Schwarzehundert-Zeitung „Wolynskaja Jisnj" („Das Wolhynier Leben") auf zu existieren. In der Angabe der Motive teilte die Redaktion „Familienumstände" mit. — Der Minister der Volksaufklärung (wir wollten der Volksverdummung schreiben) A. N. Schwarz, der große Judenfeind, empfing eine' studentische Deputation der Abteilung des „Verbandes des russischen Volkes" mit dem berüchtigten Schenken an der Spitze. Die Audienz dauerte eine Stunde. Die Verbandsleute wiesen darauf hin, daß der Studenten streik der Petersburger Universität auf dem Boden der Verteidigung der jüdischen Rechte ausgebrochen sei.— Dem „Rjetsch" wird mitgeteilt, daß eine Gruppe von Mitgliedern des Reichsrates die Absicht habe, in der bevorstehenden Session dem Justizminister die Frage zu stellen, ob die begonnene Verfolgung gegen die Verteidiger im Belostoker Prozesse der Staatsanwälte Skarjati'ne und Hillersohn für die Reden, die dieselben in der Gerichtssitzung hielten, gesetzlich sei. Als Urheber dieser Anfrage nennt man einige hervorragende Juristen^ des Reichsrates. — Die politischen Verbannten des Jrkutsker Gouvernements (Sibirien) teilten den Mitgliedern der Arbeilergruppe der Reichsduma mit, daß das in der letzten Zeit eingeführte Regime ihrer Behandlung . sich verschlimmert habe. Unter anderem berichten sie, daß den jüdischen Verbannten außerdem verboten wurde, sich in den Städten ansässig zu machen. — Die Oktobristen beharren darauf, daß in erster Reihe die Glaubensfrage verhandelt werden solle. — In einer Synagoge in Simferopol rief eine Russin eine Panik und Gedränge durch den Ruf: „Der Messias ist gekommen!" hervor. Es klärte sich auf. daß dieselbe schon zweimal in der Jrrenabteilung des Krankenhausessich befand. — Die Handelsbücher, die in jüdischer Sprache geführt werden, können nicht als Grund zur Berechnung des Umsatzes und des Verdienstes dienen, denn solche müssen, nach dem Gesetze, in russischer Sprache geführt werden. — In Dojran ist ein Jude Em.annel Carasso zum Parlaments- Deputierten, in Saloniki sind neben 25 Christen und. 23 Muhammedanern 15, in Smyrna (unter insgesamt 282) 14 Juden zu Wahlmännern gewählt worden. — Das „Hebrew Orphan Asylüm" in New Jork ist die größte und bestgeleitete Anstalt dieser Art in der Welt. Das Waisenhaus hatte am Schluffe des Berichtsjahres? 1199 Bewohner, von denen 905 in Amerika geboren wurden, für deren Versorgung 210 000 Dollars ausgegeben wurden. Trotzdem ist am Jahresschlüsse ein Ueberschuß von 57 699.77 Dollars berzeichnet worden, der sich hauptsächlich aus Legaten ergeben hat. Der Zuschuß der Stadt New Jork für die Verpflegung von Waisen amerikanischer Bürger betrug im letzten Jahre 131 230.73 Dollars.