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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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« ^*1 k te 1 f; Italien. T. Nizza, im Oktober. In dieser wundervollen Stadt, die für den Herbst sich bereits rüstet und in der ich zwei Jahre hintereinander viele Monate hindurch zubrachte, ist auch reges jüdisches Leben. Man findet in der schönen Synagoge, beim Gottesdienste an Freitagabenden sowohl, als am Sabbat, sehr viele Besucher. Der junge Rabbiner, Herr Bauer, eine distinguierte Erscheinung, ist ein sehr gebildeter Theologe, der auch großes hebräisches Wissen besitzt; er hat die Gabe der Rede, und man hört ihn hier gerne. 'Man darf allerdings nicht vergessen, daß er der Nachfolger des berühmten französischen Kanzelredners Honel Meiß ist, der eine lange Reibe von Jahren in Nizza segensreich wirkte. Jetzt ist er Grand-Rabbin von Marseille, also der unmittelbare Vorgesetzte seines Nachfolgers im Amte. Die Reden, die dieser Rabbiner beim Amtsantritte seines Nachfolgers in der Nizzaer Synagoge gehalten hat, sind vorzüglich. Auch der kürzlich hier engagierte neue Kantor sowie der Chor sind ausgezeichnet. Vor seiner Berufung nach Nizza, amtierte Rabbiner Bauer zwölf Jahre in Avignon. Die jüdische Gemeinde in Nizza ist nicht groß und nicht reich. Dieselbe besitzt bloß die Synagoge, eine Armenküche und einen Friedhof. Außerdem besteht hier ein Sanatorium, das von dem bekannten Wohltäter, Jakob Plaut in Leipzig, seligen Angedenkens, begründet wurde. Die Nizzaer Gemeinde besitzt bis jetzt nicht einmal ein jüdisches Krankenhaus. Die Zahl der Armen, besonders der italienischen und russischen Juden, vergrößert sich aber mit jedem Jahre mehr und mehr. Das russische Armenkomitee unterstützt, mit Berufung aus seine Statuten, die russischen und polnischen Juden prinzipiell nicht. Aber dasselbe nimmt sehr gern Beiträge reicher russischer und polnischer Juden an. Von Ksh und JFrni. — Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Logen „U. O. B. B." hat durch seine Vermittlung im Monat September 236 Personen in Stellung gebracht und außerdem noch 35 Personen vorübergehend Beschäftigung nachgewiesen. — Auch der von verschiedenen Blättern gefeierte Geheime Sanitätsrat Professor Dr. A. Lissauer war nicht mehr Jude. — In Osterode ist der Rentier Salomon Jacob y zum unbesoldeten Magistrats- Mitglieds für den Rest der Wahlperiode des ausgeschiedenen Stadtrats Dr. Romey, das ist bis zum 29. Juni 1910, gewählt und bestätigt worden. — In Schwetz ist der älteste Bürger der Stadt, Rentier Löwenthal, im Alter von 91 Jahren gestorben. Die dortige Schützengesellschaft verliert in ihm das älteste Mitglied; in diesem Jahre konnte er seine 60 jährige Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft feiern. — Am ersten Neujahrstag brannte in Amelunxen, Kreis Höxter, das' Haus ab, in dem sich der Betsaal der kleinen Gemeinde befand. Der Kaufmann Albert Rosenberg konnte nur zwei Thorarollen retten. Als er im Begriffe war, auch die dritte herauszuholen, stürzte das Haus zusammen. — Der Senat von Bremen hat das Gesuch der Tierschutzvereine, das Schächten zu verbieten, abgelehnt. — In Nürnberg ist am 5. d. M. der Rentier Heinrich Forchheimer aus Passau im 55. Lebensjahre gestorben. Die „Donau-Zeitung" widmet ihm einen Nachruf, in dem es heißt: „Mit dem Verstorbenen ist einer der größten Wohltäter der Armen unserer Stadt in die Ewigkeit hinübergegangen, ein Mann, der bei allen, die ihn kannten, sich der größten Verehrung und Wertschätzung erfreute. Sein Andenken wird in hiesiger Stadt stets ein hochehrendes und dankbares bleiben." — Der Streit in der israelitischen Gemeinde Zweibrücken scheint aufs neue entbrannt zu fein. Anläßlich des Neujahrsfestes war die Synagoge verschlossen, und zwar vermutlich, um den Rabbiner an der Ausübung seiner Funktion zu hindern. Dieser in Gemeinschaft mit einer großen Anzahl Israeliten ließ die Synagoge an beiden Feiertagen durch einen Schlosser gewaltsam öffnen, und es soll hierbei zu stürmischen Szenen gekommen sein. Wird denn dieser Obllul-Üaseliem kein Ende nehmen? — Vor einigen Tagen unternahm der berühmteste Schwimmer Englands. Mr. Jabez Wolfse, die Durchschwimmnng des Aermelkanals. Obgleich er ungefähr dreiviertel Meilen vor der französischen Küste die Tour aufgeben mußte, so hat Wolffe doch' den höchsten Rekord in den letzten Jahren erreicht. Wolffe ist der Sohn des gewesenen Präsidenten der Glasgower jüdischen Gemeinde. — Eine Gruppe australischer Fußballspieler befindet sich gegenwärtig in London, um da'elbst einige Matchs auszutragen. Der Führer der australischen Gruppen ist Albert Rosenfeld, einer der populärsten Fußballspieler Australiens, dessen hervorragende Leistungen auf dem Gebiete dieses Sportzweiges in der dortigen Presse wiederholt besprochen wurden. Vor seiner Abreise nach England haben Mehrere australische Sportklubs Rosenfeld eine Adresse überreicht, die nahezu 1000 Unterschriften trägt. — Eine Gruppe der Warschauer jüdischen Kaufmannschaft hat jetzt Schritte unternommen, um Verbindungen mit der Türkei anzuknüpfeu. Durch Vermittlung einer Gesellschaft in Konstantinopel, die dort zu dem speziellen Zweck der Förderung des Handels zwischen der Türkei und dem Auslände gegründet worden ist, wünscht man die Handelsbeziehungen jüdischer Kaufleute mit dem türkischen Reiche zu beleben und zu fördern. — In einer der letzten Sitzungen des russischen Ministerrats wurde auch über die Frage der jüdisch-territorialistischen Organisation verhandelt, deren Filialen in den verschiedenen Städten bekanntlich geschlossen worden sind. Man erwartet nun, daß der Ministerrat nach Prüfung aller zu dieser Sache gehörigen Materialien die Erlaubnis erteilen wird, die Abteilungen in Petersburg, Warschau, Kiew, Odessa usw. wieder zu eröffnen. — Am 19. September hat der Senat in seiner Sitzung über ein Kassationsgesuch verhandelt, das von einer Reihe von echtrussischen Leuten eingereicht worden war, die vom Bezirksgericht in Grodno wegen Teilnahme an dem Bialystoker Pogrom zu verschiedenen Strafen verurteilt wurden. Der Senat hat bemerkenswerterweise das Kassationsgesuch zurückgewiesen, und die Herren Verbändler werden nun. im Gegensatz zu ihren glücklicheren Verbandsgenossen ihre Strafen absitzen müssen, falls sie nicht etwa die kaiserliche Gnade noch zur rechten Zeit erreicht. — Die jüdischen Ackerbaukolonisten im Gouvernement Jekaterinoslaw hatten bei der Gouvernements- Regierung ein Gesuch eingereicht, daß man ihnen auf Grund des kaiserlichen Manifestes vom 11. August 1904 die restierenden Steuern erlassen möge. Die Regierung hat aber das Gesuch abgelehnt mit der Begründung, daß den Kolonisten, obwohl sie Ackerbauer sind, die Vergünstigung des kaiserlichen Manifestes, die sonst allen Ackerbauern zukommt, nicht gewährt werden könne, da sie Fremdnatinale sind! — Die Juden in Belgrad haben beschlossen, der serbischen Regierung eine Million Dinars im Kriegsfälle zur Ver* fügung zu stellen, desgleichen haben viele Millionäre große Summen versprochen. — Der erste Dankgottesdienst für den neuen König von Bulgarien in der Hauptstadt des Reiches, in Sofia, hat am Versöhnungstag im Tempel der Deutsch-israelitischen Kultusgemeinde durch Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis stattgefunden. — In Saloniki hat sich, um den Streitigkeiten zwischen Juden und Griechen ein Ende zu machen, ein jüdisch-griechisches Komitee gebildet, das den gegenseitigen Boykott aufheben will. — JnNew^ork hat ein höherer Polizeibeamter Vingham vor kurzem die kühne Behauptung aufgestellt, daß mehr als 50 Prozent der New Iorker Verbrecher Juden seien, und daß auch in dem Asylhause viele jüdische Verbrecherkinder sich befinden. Sofort wurden die authentischen, statistischen Angaben ermittelt und ebenfalls der Oeffentlichkeit übergeben. Bingham hat nun öffentlich erklärt, daß seine Ziffern falsch gewesen und daß er seine Behauptungen deshalb widerrufe.-Die Einwanderung nach Amerika hat, nach einer statistischen Tabelle des Deutschen Bureaus der Alliance Israelite Universelle, bis 1. September d. I. nur 40 Prozent der Einwanderung im gleichen Zeitraum des Vorjahrs betragen. — Die Zeitungen in Mexiko schildern in begeisterten Artikeln den weihevollen Eindruck, den der Gottesdienst am Neujahrs- und Versöhnungstag, sowie die ausgezeichneten Predigten von Professor Deutsch-Cincinnati, hervorgerufen haben. — Vor kurzem hat der bekannte Jesuitenpater Paulus aus Melbourne, Australien, seinen in Patterson, Amerika, lebenden frommen jüdischen Eltern einen Besuch abgestattet, über welchen amerikanischenglische Blätter ausführlich berichten. Sein Schicksal gleicht dem Mortaras, er wurde als Kind seinen Eltern in Warschau geraubt und getauft.

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