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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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' ivahl von Schöffen und Geschworenen entscheidet nicht: die Konfession, sondern die Tüchtigkeit. (Lebhafter Beifall.) .. . , r. Pr.-Stargard, 8. Oktober. Am 1: d. M. siedelteHerr Fabrikbesitz er L. Are ns II von hier nach Danzig über. Herr Arens war viele Jahre Stadtverordneter und Vorstandsmitglied der Synagogen- . gemeinde. Seine Gemahlin gehörte dem Vorstände des israelitischen Frauenvereins an. Was beide in diesen Ehrenämtern geleistet, wurde stets von allen Seiten anerkannt. Infolgedessen war, insbesondere voii seiten des Synagogenvorstandes und des Frauenvereins, dem scheidenden Paare eine Abschiedsfeier zugedacht. Allein aus Bescheidenheit wurde dieselbe nicht gewünscht. Herr Kommerzienrat Goldfarb, der als Beigeordneter der hiesigen Stadt und als Vorsitzender des Synagogenvorstandes die vielen Jahre mit Herrn Arens.zusammengewirkt, ivollte jedoch den Scheidenden den Dank der Shnagogengemeinde öffentlich aussprechen und mit Zustimmung der Gemeindevertretung tat er dieses am 1. Neujahrstage vor der Predigt in der Synagoge. ' In kurzen markigen Worten führte er den Anwesenden nochmals die Verdienste der scheidenden Familie vor Augen. Wie Herr.Arens die vielen Jahre fast allein das Amt des Synagogenvorstandes verwaltet hat; wie er bei seinen vielen gewerblichen und landwirtschaftlichen Unternehmungen, bei seinen städtischen Ehrenämtern, soviel Zeit den Gemeindeangelegenheiten widmen konnte. Und mit welchem Eifer und welcher Freude tat er dieses stets. Er hatte eben auch ein mildes Herz für alle Interessen seiner Glaubensgenossen. Daher war er auch ganz besonders ein Helfer der Armen und Notleidenden. Keiner wandte sich vergebens an ihn. Sein Haus stand den Armen stets offen. Und wie schnell er den Notleidenden half und mit welcher Freude er es tat, das wußten gar zu oft nur die Armen, denn sein Prinzip war, Wohltätigkeit im Verborgenen zu üben. Daß er auch die Vereine, die die Aufgabe haben, für die Armen und Kranken der hiesigen Gemeinde zu sorgen, stets, mit Nat und Geldmitteln unterstützte, ist allgemein bekannt. Auch Frau Arens war eine tüchtige Kraft im Vorstande des Frauenvereius. Die Armen und Kranken wissen es nur zu gut, was sie an dieser Dame verlieren. Mochte es in später Abendstunde sein, das schlechte Wetter, der weite Weg schreckte sie nicht zurück, wenn es galt, einem Armen oder Kranken Hilfe zu bringen. So verliert unsere Gemeinde in Herrn und Frau Arens sehr viel, und wir bedauern ihren Fortzug. Indem wir beiden unseren innigen Dank aussprechen für all das, was sie für uüs getan, wünschen wir ihnen — und gerade am heutigen Tage ist die rechte Zeit dazu — recht viel Glück in ihrem neuen Heim. Mögen sie beide im Kreise der ihrigen noch recht viele gesunde Jahre verleben. r. Breslau, 13. Oktober. Anläßlich der achten Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauenvereine fand hier auch eine Versammlung des jüdischen Frauenbundes statt. Nach den Begrüßungsworten durch Frau Justizrat Heilberg legte Frau Henriette May-Berlin die Ziele des jüdischen Frauenbundes dar. Unter allen Frauenvereinen sind die jüdischen die ältesten. Ursprünglich Wohltätigkeitsvereine, haben sie heute in der Zeit des kulturellen Fortschrittes auf allen Gebieten ihre Aufgaben erweitert. Fand früher die Frau ihren ausschließlichen Wirkungskreis in der Familie, so ist nun auch die jüdische Frau durch die erhöhten sozialen Anforderungen in die Welt hinausgedrängt. So sehr auch interkonfessionelle Vereine zu unterstützen sind, so ist doch manche Arbeit nur auf konfessionellem Boden möglich. Aus diesen Erwägungen ist am 14..Juni 1904 der jüdische Frauenbund als Verband der jüdischen Frauenvereine gegründet worden. Als greifbare Erfolge des Bundes sind schon jetzt anzusühren die Gründung eines Heims für gefallene oder gefährdete Mädchen und Frauen bei Frankfurt«. M.. die Entsendung von drei Damen in das jüdische Zweigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels, welches dem internationalen Bund gegen Mädchenhandel angegliedert ist, die Mitarbeit am Werke des Hilfsvereins der deutschen Juden. Nach einigen überleitenden Worten des Fräuleins P a p p e n h e i m -Frankfurt begann Fräulein Sidonie Werner-Hamburg ihren Vortrag: „DieKulturaufgabe der jüdischen Frau." Nachdem die jüdische Frau jahrhundertelang nur im Bannkreis des Hauses gewirkt hat, fordert auch sie heute Anteil am öffentlichen Leben. Nun müssen wir sorgen, daß diese Sehnsucht der jüdischen Frau nicht, zu einem Losreißen von den alten Idealen führt. Früher war die Ehe der einzige. Lebensberuf der Frauen, heute ‘ streben wir zwar kein Zölibat an, aber eine Erziehung^ zur Arbeit,^ die an sich lebensfüllend wirkt. Frauen, nicht Damen.' sollen wir erziehen; dieselben Bildungsmöglichkeiten wie den Söhnen sollen den Töchtern geboten werden. So müssen auch die jüdischen Mädchen Kenntnis erlangen von der Geschichte mnd Sprache ihres Volkes, dann erst können sie uns zu Mitkämpferinnen werden-. Me die jüdischen Frauen nach fernen, und allgemeinen Zielen streben,, müssen sie eigene, dringendere Kulturarbeiten erledigen. Sie müssen z. B. einem Anteil am Gemeinde.leb.en zu ..erlangen suchen und für die gleichberechtigte Anstellung jüdischer Lehrerinnen eintreten. 'Die alten Wohltätigkeitsvereine reichen heute nicht mehr aus; nicht materielle Hilfe allein kann nützen, sondern nur persönliche Anteilnahme. Unter den zahlreichen Aufgaben wäre besonders hervorzüheben Fürsorge für Säuglinge, für verwahrloste Kinder, für jugendliche Verbrecher. Zur gedeihlichen Entwicklung ist ein Anschluß der jüdischen Frauenvereine an den Bund unbedingt nötig. Nur dann kann er sein Ziel, den Ausbau sozialer jüdischer Frauenarbeit, erreichen. Nach einigen warmen Dankesworten von Frau Neisser. an die Vortragende begrüßte Fräulein Pappenheim das anwesende Ehrenmitglied des Bundes. Frau Lina Morgenstern-Berlin, und wies -noch besonders auf zwei Arbeitsgebiete hin, das der Stellenvermittlung und der Fürsorge für sittlich Schutzbedürftige. — In der darauffolgenden angeregten Diskussion sprachen Fräulein Freyhän, Fräulein Pappenheim und Herr Rabbiner Dr. Guttmann. Frau Justizrat Heilberg schloß die Versammlung mit der Aufforderung an die jüdischen Frauenvereine Breslaus, sich dem Bunde anzuschließen. e. Laildeshttt, 9. Oktober. Wie schon kurz gemeldet, ist. im 65. Lebensjahr am Sonnabend in Breslau ein hochgeachteter früherer Mitbürger, der Stadtälteste Samuel-Honigbaum, der Begründer und langjährige Leiter der Schuhfabrik S. Honigbaum, gestorben. Die Stadt Landeshut, aus welcher er im Februar dieses Jahres nach Breslau verzogen, hat in ihm einen um das Gemeinwohl sehr verdienten Bürger verloren. In Anerkennung seiner 25jährigen Tätigkeit für die Stadt, erst als'Stadtverordneter und dann als Mitglied des Magistratskollegiums, wurde ihm im Mai 1907 die Würde als Stadtältester verliehen. In politischer Beziehung auf dem Boden der Freisinnigen Volkspartei stehend, ist Samuel Honigbaum allezeit mannhaft für seine Ueberzeugung eingetreten und hat° dem Liberalismus in unserem Wahlkreise manchen Sieg erringen helfen. Lange Zeit hat er den hiesigen Wahlverein als Vorsitzender geleitet, und wurde, als er im Juli 1907 das Amt wegen Krankheit , -niederlegen mußte, zum Ehrenvorsitzenden ernannt. e. Frankfurt a. M., 13. Oktober. Der nennte Bericht des Vereins Moritz und Johanna Oppenheimerscher Kindergarten für Israeliten ist erschienen. Das abgelaufene Jahr bezeichnet eine neue Epoche in der Geschichte des Kindergartens. Am 11. August 1907 fand vor einem eingeladenen Publikum die Einweihung des neuen Heims statt. Vertreten waren das städtische Armenamt, die Vorstände der beiden hiesigen jüdischen Gemeinden, die Vorstände der verschiedenen Wohltätigkeitsanstalten, und als Vertreter der städtischen Behörde konnten wir Herrn Stadtschulinspektor Herber begrüßen. Der erste Vorsitzende hielt die Festrede. Nach Begrüßung der Gäste entwarf er in kurzen Zügen ein Bild der Geschichte des Kindergartens; das Folgende sei auszugsweise hier mitgeteilt. 1889 tauchte im Kreise der Frankfurt-Loge der Gedanke an die Gründung eines Kindergartens für die ärmere Klasse der hiesigen jüdischen Bevölkerung auf. , Not und Armut hatte, namentlich aus dem Osten viele jüdische Familien hier eine Unterkunft suchen lassen, unter denen sich, mehr als man gewöhnlich annimmt, solche befanden, die ihren Unterhalt sich öerdienen, nicht auf Bettelei sich verlegen wollten. Für deren kleine Kinder, die ohne werktätige Mithilfe unserer Glaubensgenossen der Straße verfallen mußten,— denn wenn die Eltern aus Erwerb ausgingen, wer sollte die Kleinen hüten? — mußte etwas getan werden, und da war es doch das Nächste, daß man ihnen ein Heim bot, das ihnen nicht nur Obdach und Kost, sondern auch Spiel, und Beschäftigung unter Leitung und Aufsicht bewährter Kräfte bot. Um diesen Gedanken zu verwirklichen, wurde eine Kommission bestellt, die die nötigen Vorarbeiten - in Angriff nahm, und bereits am 12. Mai 1890 fand die konstituierende Generalversammlung statt, zu der auch Nichtmitglieder der Loge

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