Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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;rVv©tifter will' jedoch diesen Zuwendungen den Charakter einerArmen- ^'^Unterstützung fernhatten. Die Unterstützungim Einzelfalke soll nicht unter 200 Mark betragen. Ter Israelitischen Waisenhaus-Stiftung ^?-sind2OOO Mark zugedacht. Das Krankenhaus rechts der Isar er« , hält einen namhaften größeren Betrag zum Ankauf von Betten. ' . Auch den Niederbronner Schwestern in Giesing fällt ein -größeres - Legat zu. Die stattliche, wertvolles Mobiliar enthaltende, auf -300000 Mark geschätzte und vollkommen Hypotheken- und schuldenfreie Villa des Testators an der Möhlstraße im Vorort Bogenhausen geht an die Stadtgemeinde über, um für-den ersten beziehungsweise zweiten Bürgermeister oder den nächstfolgenden dienstältesten Rechtsrat als Wohnung zu dienen. Falls kein Bürgermeister oder rechts- - kundiger beziehungsweise bürgerlicher Magistratsrat sie übernehmen , 'will, hat die Stadt für entsprechende Vermietung zu sorgen, wobei die . Villa stets ganz zu vermieten ist. Das Mietserträgnis, bei22 Räumen mit 3000 Mark jährlich für genannte Mitglieder der Gemeindeverwaltung festgesetzt, fließt den erwähnten Stiftungen zu. Sollten die unmittel- ' bar bei der Villa belegenen, auf 14OOOO Mark gewerteten, ebenfalls , völlig schuldenfreien Bauplätze vom Stifter nicht veräußert werden, so fließt deren Erlös ebenfalls diesen Stiftungen oder einer von der Stadtgemeiude selbst zu bestimmenden Stillung zu. „Es wäre nur zu wünschen, daß der hier bekundete edle Bürgersinn anregend auch auf andere wohlhabende Kreise einwirken, möchte, da' die Ausgaben der Stadtgemeinde auf sozialem und charitativem Gebiete immer größere und mannigfaltigere werden. Die Stadtgemeinde hat dem hochherzigen Stifter, der sich als Selfmademan aus kleinen Anfängen emporarbeitete, und der für sich selbst jede Ehrung ablehnte, dadurch gedankt, daß sie beschloß, der verstorbenen Gattin des Stifters, Apollonia Wolf, die selbst im Stillen viel Gutes wirkte, als Ehrung ein Grabmal im Ostfriedhofe zu errichten und zu ihrem Gedächtnis in der Stadtpfarrkirche zu U. L. F. am Todestage, 22. Juli jeden Jahres, eine Gedächtnismesse lesen zu lassen": so schreiben die „Münchener Neuesten Nachrichten" lNo. 403). Kommerzienrat Wolf hat übrigens auch der Stadt Karlsbad, die er nun schon 25 Jahre als Kurgast besucht, eine von Bildhauer Max Frick entworfene und künstlerisch aüsgeführte, über 50 Zentner schwere Ruhebank („Wolfsruhe" bei der Lcce bomo-Kapelle im Walde) gestiftet, die im Mai d. I. aufgestellt worden ist. Nicht nur die Stadt Karlsbad hat dem Stifter ein herzliches Dankschreiben zugehen lassen, sondern auch der Dichter Gerhärt Hauptmann mit einem hübschen Gedichte für diese sinnige Stiftung gedankt. — Mannheim, 10. September. In der „Zeitschrift für Schulgesundheitspflege" veröffentlicht der bekannte hiesige Arzt Dr. med. Julius Moses ein Nachwort zur Darmstädter Versammlung des Deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege und teilt darin mit, daß das ihm erst in Aussicht gestellte medizinische Referat über die .Mädchenschulhygiene Herrn Prof. Dr. Schmidt in Bonn mit der unzutreffenden Begründung erteilt worden sei, daß dieser die Frage zuerst angeregt habe. In Darmstadt habe ihm der Vorsitzende des Deutschen Vereins -für. Schulgesundheitspflege aber offen erklärt, er habe sich unter Hinweis auf seinen in Baden unter allseitigem Beifall gehaltenen Vortrag für ihn eingesetzt, der Vorstand habe ihn aber wegen seines Namens abgelehnt, nicht aber wegen seines Namens als Schnlhygieniker, sondern wegen seines alttestamentarischen Charakters. Es sei in jener Sitzung erklärt worden, daß, wenn Moses Name als Referent auf der Tagesordnung ‘ stünde, das preußische Ministerium sich auf keinen Fall in Darmstadt, vertreten lassen würde. Dr. Moses-Mannheim schreibt: „Das Vorgehendes Vereinsvorstandes zielt daraus hinaus, die Mitglieder, die gleich mir mit der ohnehin nicht leicht zu tragenden Bürde eines alttestamentarischen Namens belastet sind, zu Mitgliedern zweiter Kläffe zu degradieren und ohne Rücksicht auf ihre sonstigen Qualitäten von _ der aktiven Beteiligung im Vereine auszuschließen. Die Rechtloserklärung einer Gruppe von Mitgliedern, denen man nichts vorwerfen kann als ihren Namen, hat mit dem politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Antisemitismus nichts zu tun. Es handelt sich, vielmehr um die schroffe Durchbrechung der Gepflogenheiten der wissenschaftlichen Körperschaften, die auch in den vom Antisemitismus am lebhaftesten durchtobten Zeiten und Ländern einen neutralen ' Boden darstellten, auf dem alle wissenschaftlichen Arbeiter Platz fanden. In dem von Vorurteilen diktierten Verlassen eines in der Wissenschaft ' sonst hochgehaltenen Prinzips erblicke -ich eine große Gefahr für das Gedeihen des Vereins selbst. Bemerkenswert, ist, daß der Berichterstatter über die Darmstädter Versammlung in derselben. Nummer, der Zeitschrift-schreibt: . . Nur so. darf es erklärt werden, wenn verdiente Mitarbeiter auf dem Gebiete der Schulgesundheits» pflege ans rassenpsychologischen Gründen (!) an die Wand gedrückt und hinsichtlich praktischer Mitarbeit kalt gestellt werden." Eine Aufklärung dieses seltsamen Vorgehens ist bis heute noch nicht erfolgt. Oesterretch-Ansaw. □ Wien, 14. September. Die Wahl, von 13 Mitgliedern des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde steht im November bevor. Man hört aber nichts von Vorbereitungen. Nur das innerösterreichische zionistische Distriktskomitee konstituierte sich bereits als oppositionelles Wahlkomitee und gab dies in einem Aufruf an die Wählerschaft kund. Alle andern schweigen. Das ist sehr traurig, umso trauriger, als die Opposition gegen den Vorstand leider sehr triftige Gründe ins Feld zu führen hat. Vor allem zählt sie mit berechtigter Entrüstung die Zahl der „Vertreter" auf, deren Kinder getauft sind, ja, die sogar mit Einwilligung der Eltern dem väterlichen Glauben den Rücken gekehrt haben. So ist vor kurzem eine Urenkelin Rappaports, deren Vater gleichfalls dem Vertreterkollegium angehört, aus dem Judentum geschieden. —. Und genau so wie in religiöser sieht es bei uns in politischer Beziehung aus. Die Landtagswahlen in Niederösterreich stehen bevor; in der Leopoldstadt, also mitten im Judenviertel, kandidiert Dr. Lueger. Und die Liberalen streiten sich, sind zersplittert oder untätig, während es doch ihrem eifrigen Zusammenwirken sicher gelingen müßte, wenigstens diesen Wahlkreis vor der christlich-sozialen Flut zu retten. — Einer der gelehrtesten unserer jungen Rabbiner, Dr. M. L. Stern in Triesch, ist am 8. d. M. gestorben. Er war ein origineller Denker, ein vielseitig gebildeter, recht moderner Mensch, ein treuer Seelsorger. Von seinen philosophischen Arbeiten sind die über den Monismus und die Theorie Haeckels besonders zu erwähnen. Stern, war länger als 25 Jahre Rabbiner der kleinen mährischen Gemeinde. Ehre seinem Andenken, — Vorige Woche starb in Budapest eine der geachtetsten Persönlichkeiten der Judenschaft; Dr. Simon Goldstein, der in . gewissem Sinne eine historische Persönlichkeit war, denn er war der erste, den: es als Juden 1852 gestattet wurde, in Ungarn advokatorische Praxis auszuüben.— In Tep litz wurde der in hohem Ansehen stehende Badearzt Geheimrät Dr. Hirsch zu Grabe getragen und unter den Nobilitäten. die am Leichenbegängnisse teilnahmen, befand sich auch der Schloßherr Fürst Clary. Die traditionelle Art der jüdischen Gesänge, die er bei dieser Gelegenheit, vernahm, erweckten so sehr fein mnsikhistorisches Interesse, daß er sich an den Herrn Kultusvorsteher Dr. Stein mit dem Ersuchen wandte, den Oberkantor der Teplitzer Gemeinde, Herrn Eugen Dawison zu einem Besuche im Schlosse zu veranlassen, um die Fürstin mit den Klängen altjüdischer Gesänge bekannt zu machen. Zu einem fast zweistündigen Vortrage wurde Oberkantor Eugen Dawison im großen Musiksaale des Schlosses von dem Fürsten, der Fürstin und der Prinzessin Radziwill empfangen. Vor den mitanwesenden Universitätsprofessoren und Prälaten ließ^ er die traditionellen Gesänge ertönen und erörterte deren historische Entwicklung. Der Vortrag fand allgemeinen Beifall. Vvn Mh und ssrrn. — Eine neue Organisation zur Förderung der jüdischen- Kolonisation soll gegründet werden. Eine Besprechung, zu der Vertreter der in Betracht kommenden Körperschaften in den verschiedenen Ländern eingeladen wurden, wird am.20. d. M. in Berlin stattfiuden. — Der Fabrikbesitzer und Handelsrichter- Herr C. L. Netter., (ui Firma Wolf Netter 8LJacobi), Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, hat den Noten Adlerordcn 4. Klasse erhalten. — In Pinne ist am 6. d. M. Herr Abraham Borchardt gestorben. Derselbe war Ehrenmitglied der dortigen Gemeinde, in der er jahrelang an leitender Stelle trefflich gewirkt hat. — In Seesen am Harz fand' am 7. d. M. an der Jacobson-Schule (Realschule- und