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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-08-07 · Heft 32 (7.8.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr,. 32. Berlin, 7. August 1908. eitung desAudentums Gin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch.Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner Dp- Ludwig Philixxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen f&r Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer StraHe zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Lin Vorkämpfer der Lmsn?ipstion. Berlin, 4. August, ohl kein Volk auf Erden hat so viele pöbelhafte Feinde und so vornehme Freunde gehabt als das jüdische. Einer der vornehmsten war der Dichter Henrik Arnold Wergeland, dessen hundertster Geburtstag vor kurzem in Norwegen und auch in den Vereinigten Staaten gefeiert worden ist. Eigentlich hätte dieser Tagganz besonders von den Juden gefeiert werden müssen. Wergeland ist der eigentliche Vater des Gesetzes, das den Juden die Ansiedlung in Norwegen gestattet. Nun sind ja nur in ganz Norwegen etwa 600 Juden ansässig, so daß dieses Gesetz keine große praktische Tragweite hat. Aber die Art, wie Wergeland, der als Dichter eines bedeutenden Ansehens in seinem Vaterlande sich erfreute, der damals noch unpopulären Sache, sich annahm, verdient besondere Anerkennung, und seine Arbeiten könnten noch heute sogar in Deutschland als Propagandaschristen benutzt werden. ' Daß er für die Juden eintrat, bezeichnet Wergeland nicht als sein, sondern als das Verdienst zweier marokkanischer Juden. Es waren dies zwei Hausierer, deren patriarchalische Gestalten ihm so imponierten, daß er in .seinen autobiographischen Notizen bemerkt: „Hausierer, jawohl Hausierer, aber nehmt Eure Hüte in Ehrfurcht ab, Ihr christlichen Handelsfürsten oder Priester, vor diesen herrlichen patriarchalischen Männern . . . Ich suhlte mich so demütig, als stände ich vor zwei der Väter des Menschengeschlechts oder vor Abraham und Melchizedek. Ich mußte mich umwenden, um diese stattlichen Gestalten, ihre weißen, wallenden Bärte, ihr königliches und doch mildes Antlitz, die schöne Bronzesarbe ihrer Haut zu bewundern, kurz. alles, das ich nur in einer idealen Menschengestalt zu finden erwarten konnte." Acht Jahre später sah er, während er sein Pfeifchen rauchte, wie in einer Vision die beiden ehrwürdigen Männer. in ihren schwarzen Kaftanen, mit ihren Turbanen: die beiden marokkanischen Juden. Er erinnerte sich jedes Wortes, das er mit ihnen über die Lage der Juden in Marokko gesprochen, und daß sie diese als erträglich bezeichnet hatten, verglichen mit der Behandlung, die den Juden in mehreren christlichen Ländern zuteil wird. „Natürlich wandten sich meine Gedanken zu der Stellung, die man bei uns gegen die Juden einnimmt, und die ich für skandalös hielt. Auf keine würdigere Weise könnten die Norweger ihre Dankbarkeit gegen Gott ausdrücken für die Freiheit, deren sie sich erfreuen, .als durch.Liebe und. Interesse für sein auserwähltes Volk... So entstand, die .Be-, wegung für die Emanzipation der Juden. Aber die Anerkennung hierfür gebührt deshalb nicht mir, sondern den beiden marokkanischen Juden." Wergeland schrieb zahlreiche Gedichte, in welchen er Juden und Jüdinnen verherrlichte. Eine seiner Erzählungen behandelt die Begegnung eines Mohammedaners, eines Christen und eines Juden in einer Oase. Keiner von ihnen wollte laut beten, aus Furcht, den anderen zu verletzen. Da aber begannen in einer Palmenkrone drei verschiedene Vögel einen Jubelgesang, und nun betrachteten die drei Männer dies als Omen und vereinigten sich in einem Dankgebet an den gemeinsamen Schöpfer. Sehr interessant ist eine Weihnachtsgeschichte Wergelands. In einem schrecklichen Schneesturm schleppt sich mühsam ein alter jüdischer Hausierer, etwa nach der Art des Mannes, der in unserer Novelle „Der Hausierer" geschildert wird, nach der norwegischen Seite der schwedischen Grenze, wo die Frauen, da es Weihnachtsabend ist, ungeduldig aus seine Waren warten. Noch nie hat der alte Jakob es versäumt, an. Feiertagen zu erscheinen. Aber während er unter seiner schweren Bürde dahinkeuchte, vernahm er durch das Sturmgeheul das Weinen eines Kindes, und er folgt dieser Stimme in den dunkeln, wegelosen Wald. Endlich findet er das Kind, aber es war tot. Weg wirft er sein Pack kostbarer Waren, reißt seinen fadenscheinigen Rock auf, hüllt das Kind darein, entblößt seine Brust und legt die kalte Wange des Kindes an diese, bis er fühlt, daß sein eigener Herzschlag erwidert wird. Nasch eilt er weiter. Zufällig stößt er auf eine Hütte, klopft, erhält aber auf seine Erklärung, daß er, der alte Jude Jakob, Einlaß begehre, von Mann und Frau zur Ant» wort: „Jude, fort! Wir haben nichts zu kaufen. Und wehe uns, wenn wir etwa in dieser Nacht, in welcher der Heiland geboren worden ist, einen eintreten ließen, der ihn gemordet." „Ich?" „Ja, dein Volk, und diese Sünde muß durch zahllose Generationen bestraft werden." Er hörte nichts mehr, beugte sich über das Kind und versank in den Schlaf, der kein Erwachen kennt. Als das Ehepaar am nächsten Morgen aus der Türe trat, fanden sie zu ihrem Entsetzen den alten Juden auf ihrer Schwelle tot, und gleichfalls tot und an ihn geschmiegt ihre eigene kleine Tochter, die ohue ihr Wissen hatte heimkehren wollen, um Weihnachten mit ihnen zu feiern. Da lag er tot vor dem Herde, wo der Mann saß mit Augen starr gleich des toten Juden, und da saß die Mutter des kleinen Mädchens, das die steifen Arme um den Hals des alten Jakob geschlungen hatte. „Sie gehört nicht mehr uns," schluchzte die Frau, „und wir können unsere Kleine nicht von ihm nehmen. Wir brauchen ihre Gebete , bei Christus, daß er für uns

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