Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesterreich-Nnsarn. LI Wien, 27. Juli. Der hiesige „Verein zur Abwehr des Antisemitismus' hat am 22. v. M. unter der Leitung seines Präsidenten Prof. Dr. Szeberinyi seine diesjährige Generalversammlung abgehalten. Am Schlüsse des umfangreichen Geschäftsberichts teilte der Vorsitzende mitdaß sich der bekannte Ethiker Graf Arthur Desfours-Walderode bereit erklärt hat, den durch das Ableben des Grafen Dr. Heinrich Coudenhove-Kalergi freigewordenen Posten eines ersten Vizepräsidenten anzunehmen. Der Vorstand setzt sich nunmehr wie folgt zusammen: Militärsuperintendent i. R. und" Universitäts- Professor Dr.- I. Szeberinyi, Präsident; Fideikommißherr Arthur Graf Desfours-Walderode-1. Vizepräsident; Bürgerschullehrer Oswald Hohensinner, II. Vizepräsident; Mägistratsrat i. R. Dr. Ferdinand Kronawetter, Vorstandsmitglied;.- Kommerzialrat Gemeinderat Dr. Alexander R/ v. Dorn, Vorstandsmitglied; k. k. Regierüngsrat Heinrich Löhner,- Vorstandsmitglied; Oberinspektor F. R. Engel (Schriftführer), Vorstandsmitglied. Als Ehrenpräsidentin fungiert Frau Baronin Bertha von Suttner, geb. Gräfin Kinsky. Der Vorsitzende betonte in seinem Schlußwort, die Existenz des Vereins zu? Abwehr bilde an sich eine historische Antwort, und der Verein sei so lauge eine Notwendigkeit, als nicht in die breitesten Schichten die Erkenntnis eingedrungen sei, daß man im Nächsten den Menschen lieben-müsse, gleichgültig, ob er Christus oder Moses oder Mohammed folge — wenn er Mensch sei, so gebühre ihm Recht und Schutz. — Ein wegen seines bescheidenen Wesens und tüchtigen wissenschaftlichen Könnens sehr geschätztes Mitglied der Wiener medizinischen Fakultät, der außerordentliche Professor für Hautkrankheiten Dr. Eduard Spiegler, ist am 20. d. M. vormittags im Alter von 45 Jahren in Gainfarn gestorben. — In Budapest ist der Ministerialrat im Justizministerium Michael Szänto gestorben. In dem Dahingeschiedenen verliert das Justizministerium einen hervorragenden Beamten, die Juristenwelt einen allseits anerkannten Rechtsgelehrten, die ungarische Gesellschaft einen sympathischen Mann, der durch seine große Bildung und sein bescheidenes, leutseliges Wesen sich sehr viele Freunde erwarb. Michael Szänto wurde in Paks im Jahre 1847 geboren. Er genoß den Ruf eines tüchtigen Juristen; er leistete hervorragende Dienste bei der Vorbereitung wichtiger Gesetze, so beispielsweise der kirchenpolitischen Gesetze, des Gesetzes über die Gerichtsbarkeit der^öniglichen Kurie in Wahlangelegenheiten und andere. Bei dem Abschlüsse internationaler Verträge wurden die Dienste Michael Szäntüs vielfach in Anspruch genommen. Der König würdigte seine Verdienste durch Verleihung des ungarischen Adels mit dem Prädikate „vonNämetkeär". Szänto war ein glaubenstreuer Jude. Ehre seinem Andenken! — Der Rabbiner der Pester Gemeinde Dr. Simon Hevesti richtet im „Egyenlöseg" an die Judenschaft Ungarns einen Aufruf zur Gründung eines „Ungarischen jüdischen Kulturvereins". Der zu gründende Verein soll im großen und ganzen ähnliche Ziele wie die „Israelitische Allianz" zu Wien haben, will aber im Gegensätze zu dieser Organisation auch innerpolitische Ziele ins Auge fassen. — Der Kaiser hat den Schöpfern des Vörösmarthy - Denkmals, den Bildhauern Eduard Teles und Geza Markus, in Anerkennung ihrer aus dem Gebiete der vaterländischen Kunst entwickelten Tätigkeit das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen. - Von MH und jfrrn. — Wie einer Zusammenstellung in der „Vierteljahrsschrift zur Statistik des Deutschen Reiches" über die Eheschließungen zu entnehmen ist, sind im Jahre 1905 neben 3905 reinjüdischen nicht weniger als 819 jüdisch-christliche Mischehen eingegangen worden! - — Der Stadtbauinspektor und Magistratsbaurat Siegfried Neumann hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — In der Altersversorgungsanstalt der hiesigen jüdischen Gemeinde ist. am Freitag Fräulein Friederike Wolfs im Alter von 107 Jahren gestorben. — Am 22. d. Mts. feierte Professor August Wünsche in Dresden seinen siebzigsten Geburtstag. Nachträglich unsere Herz, lichsten Glückwünsche! — Zu Ehren des verstorbenen Philantropen Charles Hallgarten, dessen Munifizenz die Stadt wie die Bevölkerung von Frankfurt a. M. ganz außerordentliche Zuwendungen zu verdanken hat, hat der Magistrat im Einverständnis mit dem Polizeipräsidium einer, neu angelegten Straße den Namen „Hallgarten-Straße" beigelegt.Dr. Israel Noos, Chemiker..in Frankfurt a. M„ ist der Kronenorden IV. Klaffe verliehen wordem —. Zum Beginn des neuen Schuljahres wird Dr. M. Braunschweiger als Lehrer an der Israelitischen Lehrer- und Erziehungsanstalt in Würzburg nach ununterbrochener 44jähriger Tätigkeit an dem Institut in den wohlverdienten Ruhestand treten. Bei der Genehmigung seines Pensionsgesuchs wurde ihm sowohl von der Stadtschulbehörde als von der Vorstandschaft der Schule die größte Anerkennung seines gewissenhaften und erfolgreichen Wirkens ausgesprochen., —Der Privatdozent Dr. Levy-Heidelberg und Dr. Altmann-Frankfurt a. M. wurden in die neu geschaffenen zwei hauptamtlichen Dozentenstellxn für Nationalökonomie an der Mannheimer Handelshochschule berufen. — In Mannheim hat sich ein Komitee, zur festlichen Begehung des zweihundertjährigen Bestehens der Klaus-Synagoge gebildet. — Dr. Isidor Drehfuß in Kaiserslautern wurde als Stellvertreter mit bezirksärztlicher Kompetenz für den Königlichen Landgerichtsarzt Dr. Zahn aufgestellt, mit der Aufgabe, den Landgerichtsarzt in Verhinderungsfällen zu vertreten. — Am 7. d. Mts. wurde von der. Großherzogin von Luxemburg der Landesrabbiner Dr. Fuchs und Gemahlin in Audienz empfangen. — In der Synagoge der Wagenstraße im Haag beging ein alter Herr v. d. Arke mit seiner Frau den Dankgottesdienst zur Feier seiner goldenen Hochzeit. Kaum war er vom Altar nach seinem Platz zurückgekehrt, als er in sich zusammensank. Er war plötzlich gestorben. Der Vorfall verursachte bei der Gemeinde eine begreifliche Erregung. — Wie erinnerlich, hat der vor einiger Zeit verstorbene vielfache Millionär Daniel Osiris in Paris unter anderen Legaten auch eine Stiftung von 100 000 Franks zum Zwecke der Errichtung eines Denkmals für die große Philantropin Baronin Clara de Hirsch testiert. Wie nun aus Paris berichtet wird, hat der Pariser Munizipalrat das Legat akzeptiert und geht nun daran, den Willen -des Stifters zur Ausführung zu bringen. — Brigade- General Valabröque, Kommandeur der 21. Infanterie-Brigade in Paris, ist zum Divisions-General befördert worden..— Anläßlich des Geburtstags des Königs, ist Herr Joseph I. Duveen in London zum Baronet, Herr Lionel Abrahams zum Ritter des Dath-Ordens ernannt worden. — Der „Manchester Courier" hatte Minister Churchill beleidigt und war zu 300 Pfund Sterling Buße an den Minister verurteilt worden. Der Minister spendete diesen Betrag dem jüdischen Spital in Manchester, eine Handlung, die von der vorurteilslosen Gesinnung des Ministers ein glänzendes Zeugnis ablegt. — Laut dem offiziellen Berichte des Kiew er Gouvernements sind im Gebiete dieses Gouvernements seit dem Tage, an welchem das Gesetz über die Glaubensfreiheit erlassen wurde, zusammen 59 Juden, die früher zum Christentum übergetreten waren, wieder zum. Judentum zurückgetreten, und zwar im Jahre 1906 36, 1907 18 und im Jahre 1908 fünf Personen. — Der Zuckerfabrikant Epstein in Kiew, der wegen Beleidigung des Konsuls einer fremden Macht zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden war,. erstattete Anzeige, daß seine Tochter während seiner Haft eine Million Rubel ge-. stöhlen hat und mit dem Gelde verschwunden ist. — Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat gemeinsam mit dem Frankfurter Komitee 10 000 Mark zur Verfügung gestellt, um den Geschädigten in einer Reihe von russischen Städten zu Helsen, die in der letzten Zeit durch schwere Brände heimgesucht worden sind. Außerdem hat der Hilfsverein dem- Chacham Baschi von Jerusalem telegraphisch 400 Franken überwiesen zur Linderung der Not der aus Ursa stammenden jüdischen Familien in Jerusalem, die ebenfalls von einer. schweren Brandkatastrophe heimgesucht worden sind. — Wie russische Zeitungen berichten, hat der Schah von Persien zwei Ratgeber. Der eine von diesen ist Emir Bagadur Dsch eng, der andere, Schepsel Hahn. Dieser letztere ist ein russischer Jude, der seit längerer Zeit bereits ein vertraulicher Ratgeber des Schah ist., — In Montreal (Kanada) hat die Polizeidirektion beschlossen, um Uebelständen abzustellen, die sich im Verkehr mit den jüdischen Einwanderern dadurch ergaben, daß die Polizisten mit der Sprache und mit den Sitten , der ersteren nicht vertraut sind, mehrere jüdische Polizeibeamte anzustellen.