Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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wegen dessen Haltung gegenüber demMinisterGeßmannscharfangriff, was der Angegriffene mit den Worten zurückwies, das Auftreten des Herrn Winterstein -sei eine „Chuzpe", und zwar eine jüdische „Chuzpe". HerrWinterstein hat nun den Abgeordneten. Professor Redlich, der selbst jüdischen Ursprungs ist, wegendes Wortes-„Chuzpe" (gleichbedeutend mit Arroganz) beim -Bezirksgericht Ungarisch-Brod verklagt und dieses hat. das Auslieferungsbegehren gestellt. Der Jmmunitätsausschuß hat jedoch beschlossen, diesem Begehren nicht stattzugeben. Er begründet das damit, daß der Vorwurf der Arroganz wohl an sich verletzend sei, das beleidigende Wort aber müsse als solches allgemein verständlich sein, zum mindesten aber in dem Auditorium, in dessen Mitte es gefallen ist, als verletzend geläufig sein. Nach der Aktenlage lasse sich das jedoch nicht behaupten, und es sei zweifelhaft, ob in der Wählerversammlung die Bedeutung des Wortes „Chuzpe" verstanden wurde. — Professor Dr. Samuel Steinherz in Prag ist zum ordentlichen Professor der historischen Hilfswissenschaften an der dortigen Universität ernannt worden. — In Ungarn sollen im Lause des Jahres 1906 nicht weniger als 468 Personen vom Judentum zum Christentum übergetreten sein, die meisten zum Katholizismus, einige erklärten sich für konfessionslos. 98 Personen sind zum Judentum übergetreten, darunter 26, die schon früher Juden gewesen waren. Dabei gehört gerade in Ungarn die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung der „orthodox-jüdischen Konfession" an. Es gab Ende 1906 in Ungarn 308 orthodoxe Muttergemeinden und 1270 orthodoxe Filialgemeinden, gegen 271 „neologe" Muttergemeinden und 499 neologe Filialgemeinden. £ Frankreich. L. T. Paris, 6. Juli. Gestern wurde hier das Denkmal des berühmten französischen Dichters Eugöne Manuel in feierlicher Weise enthüllt. Der Präsident'der Republik ließ sich bei dieser Feierlichkeit durch einen seiner Ordonnanzoffiziere vertreten. Unter den vielen Notabilitäten, die an der Seite von Frau Manuel, der Witwe des Dichters, Platz nahmen, bemerkte man Herrn Chaumis, den früheren? Minister der Volksausklärung. Bekanntlich war der Verewigte Inspeoteur göneral du ministere de Tmstruciion publique. Eugöne Manuels Denkmal befindet sich vor dem Lyzeum Janson be Sailly, neben der Avenue Henri Martin, nicht weit dem Hause, wo der Dichter seine letzten Tage verbrachte, in dem Viertel, welches er so unendlich liebte. Herr Liard gab das Terrain für das Monument her, und der bekannte Bildhauer Gustave Michel hat in einer rührenden Gruppe den Dichter und seine Helden, den Arbeiter' und das junge Mädchen wieder aufleben lassen. Mehrere Reden wurden bei der Enthüllung gehalten. — Der Dichter war ungemein populär sowohl in Paris als im ganzen Lande. Die Stadt Paris ehrte schon längst das Andenken des berühmten Mannes durch Benennung einer Straße in Passy nach seinem glänzenden Namen.. So ehrt Frankreich, das schöne, freie Land, seine großen Söhne und Geisteshelden! * VM Sah und jfrrn. — Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Logen U. O. B. B.,. hat durch seine Vermittlung im Monat Juni 165 Personen in Stellung gebracht und außerdem noch 471 Personen vorübergehend Beschäftigung nachgewiesen. — Den Großherrlich Türkischen Chefakatorden II. Klasse hat Frau Eva Gertrud Meinhardt, geborene Frenkel, Gemahlin des Rechtsanwalts Meinhardt, erhalten. — Ihren achtzigsten Geburtstag feierte am 12. d. M. Frau Sophie Boas in voller geistiger und körperlicher Frische. Ihr Sohn, der bekannte Anthropologe Professor Dr. Franz Boas, der an der Columbia-Universität in New Jork einen Lehrstuhl für Völkerkunde bekleidet, ist herübergekommen, 'nur der Mutter seine Glückwünsche persönlich zu überbringen. — Frau Gertrud Misch, geb. Heymann, hat die Rote Kreuzmedaille III. Klasse erhalten. — Der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Aron, der seit 35 Jahren dem Lehrkörper der Militär-technischen Akademie angehört, ist am 13 d. M. aus der Akademie ausgeschieden. Zu Ehren des allgemein geachteten Lehrers-veranstaltete der Direktor der Akademie) Generalmajor Kerstings einAbschiedssest, an dem sämtliche Offiziere der Militärschule teilnabmen.— Am 12. b; M. ist der Schriftsteller LeoBerg im. Alter von 46 Jahren' gestorben. Ehre seinem Andenken! — Frau Kommerzienrat Grünfeld in Beuthen O.-Schl. hat aus Anlaß einer glücklich vollzogenen Augenoperation. 20 000 Mark der. Stadt für die Armen ohne Unterschied der Konfession gespendet. — Das Nordseebad Mennigstedt auf Sylt ist als antisemitisch zu betrachten, da in dem aus Anlaß des 50 jährigen Bestehens dieses Bades herausgegebenen Prospekt für 1908 der Vorsitzende und ein Mitglied des Vexkehrsausschusses, außerdem drei andere Herren für ihre Logierhäuser ausdrücklich in größeren Anzeigen nur den „Verkehr von Gästen christlichen Glaubens" zulassen oder erklären „Gäste mosaischer Konfession werben nicht angenommen". — Aus Altenburg wird berichtet: Das Altenburgische Unterrichtsministerium ordnete die Beseitigung des Alten Testaments als Lehrmittel in den Volksschulen an. — Der Landgerichtsrat Emil Weinberg in Oldenburg ist zum Oberlandesgerichtsrat ernannt worden, — Professor Dr. Solmsen, Ordinarius für vergleichende Sprachwissenschaft an der Bonner Universität, hat den Ruf nach Straßburg abgelehnt. — Zur Frage der Beisetzung von Aschenurnen aus israelitischen Friedhöfen hat sich das Rabbinat Nürnberg dahin ausgesprochen, daß es keinerlei Bedenken dagegen habe, auch dagegen nicht, daß der-Rabbiner die geistlichen Handlungen vornimmt unter Wahrung der Ritualien. — Gegen den Grasen Pückler in Klein- Tschirne ist aus Antrag des Glogauer Amtsgerichts das Entmündigungsverfahren eingeleitet worden. Derselbe befindet sich in einer Heilanstalt bei München. — In Amersfoort (Holland) hat ein Komitee von Frauen verschiedener Religionsbekenntnisse eine Adresse an die Königin von Rumänien gerichtet, in der diese um eine gerechtere Behandlung der rumänischen Juden ersucht wird. — Im laufenden Jahre haben 30 Juden die Gymnasien in Warsch au und 12 Juden die Landwirtschaftliche Schule in Pulawy mit der höchsten Auszeichnung (Medaillen) beendet. Zusammen mit denendie die Schulen, im.,vorigen Jahre beendet haben, gibt es augenblicklich im Königreich Polen 75 solcher mit Medaillen ausgezeichneten jungen Juden. Die „Medaillisten", wie man sie nennt, haben bei der Aufnahme in die Universität den Vorrang. Trotzdem soll die zehnprozentige Norm beibehalten werden, das heißt die „Medaillisten" werden nur dann ausgenommen werden, wenn die Zahl der christlichen Kandidaten 750 erreicht. Bisher aber sind erst 500 Bittschriften um Aufnahme von Christen' eingelaufen. — Die Mitglieder des Verbandes der echten Russen in Kiew haben die Methoden ihrer Odessaer Gesinnungsgenossen nach Kiew verpflanzt. Im Zentrum der Stadt Kiew stellten sich gestern zehn mit Gummiknütteln bewaffnete Verbändler auf und prüften alle Vorbeigehenden daraufhin, ob sie Juden seien oder nicht. Die Juden wurden mit den Gummiknütteln mißhandelt. — Am 15. v. M. starb in Petersburg Dr. med. P. O. Smolensky, Oberarzt des Petersburger Arsenals. Sein Leichenbegängnis fand am 18. v. M. aus dem Preobrejersker jüdischen Friedhofe statt. Um ihm die letzte Ehre zu erweisen, erschienen viele Aerzte und die Beamten des Arsenals, mit ihrem Chef, dem Generalmajor Jndutnh, an der Spitze. Auf dem Sarge legten viele Kränze nieder, unter denen wir erwähnen die vom Semenowschen Militärhospital, von seinen ärztlichen Kollegen, von dessen Patienten, vom Petersburger Arsenal, und noch vielen anderen. — Aus M ariuhol schreibt man, daß durch einen heftigen Sturm die jüdische Kolonie Grafskaja verheert wurde. Dieselbe ist erst im vorigen Jahre von einer Mißernte heimgesucht worden. Viele Gebäude sind beschädigt. — Abraham Brodsky in Odessa hat mehr als eine Million Rubel an Legaten für jüdische Wohltätigkeitsanstalten hinterlassen. — Der republikanische Generalkonvent in Chicago hat unter anderem auch eine Resolution gegen den russischen' Paßzwang angenommen. —"Dr. Oskar Loew, ehemals Privatdozent an der Universität München, wurde kürzlich mit einem zweiten japanischen' Orden ausgezeichnet für seine Dienste als Universitätsprofessor in Tokio nach seiner zweiten Berufung dorthin. '• .1-1 ' --»T ■ ----- -n-,