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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 72. Jahrgang. Nr. 27. Berlin, 3. Juli 1908. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung der Judentums", Berlin BW., Jerusalemer Straße $6/^9, zu richten. Verlag von Rudolf LNosse, Berlin. Die Juden und das preutzilche Lsndtssswshlrecht. U Berlin, 1. Juli, ns Juden hat es leider nie an Feinden gefehlt, aber auch Freunde sind für uns immer wieder, oft ganz unerwartete, eingetreten. Daß wir solchen aber unter den preußischen Konservativen begegnen würden, hätten wir uns nie träumen lassen. So sehr überrascht uns das, daß wir an diese Freundschaft nicht recht glauben können, trotz der uns vorliegenden „Amtlichen Mitteilungen des Konservativen Vereins für die Provinz Brandenburg". Denn wie heißt es doch? Timeo Danaos et dona ferentes. Nach der Schillerschen Uebersetzung sind die Danaer sogar, wenn sie schenken, doppelt zu fürchten. Und deutsche Fabeln lehren ja auch: „Trau, schau, wem!" In der erwähnten Zeitschrift wird ausgeführt, daß das preußische Landtagswahlrecht im Gegensatz zum Reichstagswühlrecht auch dem Juden die Möglichkeit eröffne, in das Parlament einzutreten. Denn während im preußischen Abgeordnetenhaus unter 33 Mitgliedern-sich acht nichtgetaufte Juden befinden, zählen im Reichstage 42 Mitglieder der freisinnigen Parteien nicht einen einzigen Juden unter sich. Die politische Klugheit sollte es — diese Moral zieht das amtliche konservative Organ daraus — eigentlich dem Juden verbieten, an einem Wahlrecht zu rütteln, das ihm die bürgerliche Gleichberechtigung gewährt. „Hingegen ermöglicht das angeblich verrottete preußische Landtagswahlrecht den Eintritt zahlreicher liberaler Juden in das Parlament. Würden die Wünsche der Freisinnigen und Nationalliberalen hinsichtlich einer Umgestaltung des preußischen Landtagswahlrechts nach dem Muster des antisemitischen, demokratischen Reichstagswahlrechts in Erfüllung gehen, dann dürften die Tage der jüdischen Abgeordneten im Landtage ebenfalls gezählt sein. Der sozialdemokratische Einfluß ist jedoch stärker als die einfache politische Logik. Das Judentum darf sich allerdings unter diesen Verhältnissen auch nicht gerade wundern, wenn politisch einsichtsvollere Kreise für diese Taktik keinerlei Verständnis besitzen." Erholen wir uns erst ein wenig von dem Erstaunen über diese Ausführungen. Wir werden natürlich schnell genug zu der Ueberzeugung gelangen, daß es dem konservativen Organ nicht im geringsten um den Eintritt jüdischer Abgeordneter in das Abgeordnetenhaus zu tun ist, sondern einzig und allein um die Bundesgenossenschaft der Juden in dem Widerstand der Konservativen gegen die Übertragung des Reichstags- Wahlrechts auf Preußen. Die Juden sollen mit den acht Ländtagsmandaten in jüdischn Händen geködert werden. Aber die Juden treiben im Gegensatz zu den Behauptungen der Antisemiten und der ihnen meist gleichwertigen Konservativen keine jüdische Jnteressenpolitik. Sie wählen nicht als Juden, sondern als Preußische, beziehungsweise als deutsche Bürger. Sie würden sogar ohne weiteres gegen jüdische Kandidaten stimmen, wenn sie glaubten, daß die Wahl nur den Juden nützen, dem preußischen Staate oder dem Deutschen Reiche dagegen schaden würde. Gewiß ist es den Juden angenehm, wenn Juden im Abgeordnetenhaus sitzen, weil sie annehmen, daß diese mit mehr Verständnis, als bei Nichtjuden meist zu finden und auch zu erwarten ist, mit mehr Herz auch für die Judenheit eintreten werden, wenn diese von den Antisemiten oder von unseren liebenswürdigen konservativen Ratgebern verleumdet wird, oder wenn man den Juden Unrecht tun will, was ja leider Gottes oft genug geschieht. Die Juden freuen sich allerdings, daß im Abgeordnetenhause acht jüdische Abgeordnete sitzen, aber sie werden deswegen sich nicht nur für das preußische Wahlrecht nicht erwärmen, das trotzdem ein elendes und widersinniges ist,- sondern für das allgemeine, gleiche, geheime und direkte, obwohl dieses anscheinend den Juden weniger günstig ist. Wir wiederholen, wir treiben keine jüdische Jnteressenpolitik. Wir sind Juden in unseren Synagogen, in unserem Hause, in der Familie, dagegen im öffentlichen Leben, an der Wahlurne und vor dem Wahltische sind wir Preußen und Deutsche und reden, handeln und stimmen, nur wie es die Interessen des Vaterlandes erfordern. Und nicht nur zu patriotisch, sondern auch zu klug sind die Juden, um auf den konservativen Rat zu hören. Sie sind kein Stimmvieh, das man kommandieren und dem man alles mögliche Vorreden kann. Was?, würden die Juden sagen, das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht soll es einem Juden unmöglich machen, ins Parlament zU kommen? Aber wie sind denn Lasker, Bamberger und Hirsch und so viele andere in den Reichstag gelangt? Gewiß, es ist später anders geworden. Aber daran hat nicht das Reichstagswahlrecht schuld, sondern die antisemitische Schmutzwelle, die durch das -deutsche Vaterland geflutet ist und selbst Liberale und Freisinnige angespritzt hat, so daß sie es leider, und zu ihrem eigenen Nachteil, für taktisch klug gehalten haben, keine jüdischen Reichstagskandidaten aufzustellen und gar wählen zu lassen. Wir sagten, zu ihrem eigenen Nachteil. Oder ist es etwa kein Nachteil, für eine freisinnige Partei, für jede politische Partei, die vom Liberalismus auch nur einen leisen Hauch verspürt hat, wenn man sie antisemitischer Anwandlungen bezichtigen darf, und ihr, weil sie natürlich denn doch nicht mit dem radaulustigen Antisemitismus an einem Strange zieht, Feigheit zum Vorwurf gemacht wird. Die Juden lassen sich durch vorübergehende Erscheinungen wie die, daß mit Ausnahme der sozialdemokratischen Fraktion

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