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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-19 · Heft 25 (19.6.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. DMWMMMMMWWWstM 72. Jahrgang. Nr. 25. Berlin,119. Juni 1908. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 01. Hciatteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner S» Ludwig Philixxson. Veriggs-LpsMou: Berlin, Jeresalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition stird an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNoffe, Berlin. Die Lage der jüdilchen Lehrer. Berlin, 16. Juni. aß die Lage der jüdischen Lehrer in Deutschland keine besonders günstige ist, das weiß jeder, und darüber gibt es keine Meinungsdifferenzen. Solche könnten höchstens entstehen, wenn man darangeht, über die Mittel zur Besserung dieser Lage nachzudenken. Deshalb ist es wohl ratsam, wenn unsere jüdischen Verbände, beziehungsweise die maßgebenden Männer in denselben, von den Forderungen der Lehrer selbst' nicht bloß Kenntnis nehmen, sondern auch versuchen, diesen Forderungen Rechnung zu tragen. Auf dem letzten Verbandstage der jüdischen Lehrervereine am 25. Dezember vorigen Jahres hielt Herr Hauptlehrer Andorn-Grefeld einen jetzt vom Vorstand des Verbandes veröffentlichten Vortrags), in dem er aus Grund von statistischem Material, das ihm zur Bearbeitung übergeben war, nachwies, wie traurig die Lage der jüdischen Lehrer und damit auch die der jüdischen Schule und des Religionsunterrichts im Deutschen Reiche sei. Andorn gibt zu, daß die Erhebungen, die vom Verbände ansgegangen waren, zwar nicht vollständig gewesen wären (über Bayern hätten ihm beispielsweise überhaupt keine Zahlen Vorgelegen), daß das Ergebnis aber, selbst wenn alle Fragebogen beantwortet worden wären, eher noch niederbeugender sein würde. Im einzelnen führte der Referent folgendes aus: Mehr als 20 Prozent der jüdischen Lehrer beziehen ein Einkommen von weniger als 1000 Mark. Ueber 60 Prozent bleiben im Gehalt hinter den christlichen Lehrern ihres Wohnortes zurück. Diese beschämenden Verhältnisse zwingen die meisten jüdischen Lehrer zu einem Nebenerwerb, der nicht bloß einen großen Teil ihrer Arbeitskraft absorbiert, sondern der auch häufig in gar keiner Verbindung zu dem Lehrerberuse steht, in einzelnen Fällen des Standes und des Judentums direkt unwürdig ist. Sind schon die Besoldungsverhältnisse kläglich, so sind es die Anstellungsverhältnisse in noch höherem Maße. 50 Prozent aller jüdischen Lehrer sind nur Religionslehrer, das heißt, die meisten von ihnen sind Gemeindebeamte ohne feste Anstellung. Hieraus ergeben sich für Schule und Religionsunterricht Uebelstände, die zum Himmel schreien. Es kommt vor, daß Lehrer sechs- bis achtmal ihre Stelle wechseln müssen (in einem Falle sogar neunzehnmal), meist aus dem Grunde, weil y Andorn: Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Lehrerschaft im Deutschen Reiche. Magdeburg, 1908. die kleinen Gemeinden ihre alten Lehrer nicht pensionieren können. Hier müssen das Gesamtjudentum, staatliche und kommunale Behörden eingreifen und diese Mißstände regeln. Leistungsfähige Gemeinden müssen für die weniger leistungsfähigen eintreten. Es müssen jüdische Schulverbände im Interesse des Religionsunterrichts gegründet werden. Auf Grund des neuen Schulunterhaltungsgesetzes für Preußen sind aber vor allem neue jüdische Volks schulen, auch in den Großstädten, einzurichten oder mindestens eine genügende Zahl jüdischer Lehrkräfte an den kommunalen Schulen fest anzustellen. Es darf nur festangestellte jüdische Lehrer geben. Mit der Besserung der Anstellungsverhältniffe wird nach Andorns Meinung auch der dritte Uebelstand schwinden: es wird in Zukunft auch bei uns keine ungeprüften Lehrer mehr geben dürfen. Die Ausführungen des Referenten gipfeln in folgender Resolution, der die Versammlung in Hannover einmütig zugestimmt hat: „Die wirtschaftliche Lage eines großen Teiles der jüdischen Lehrerschaft ist völlig unzureichend^ der deutschen Judenheit unwürdig und der kulturellen Entwicklung widersprechend. Die Gleichbehandlung der jüdischen Lehrer mit den Ortslehrern in Hinsicht auf Besoldung, auf Sicherung der Anstellung, der Alters- und Hinterbliebenen- Versorgung muß überall verlangt werden.' Die jüdische Lehrerschaft hegt die Erwartung, daß die jüdischen Verbände in Gemeinschaft mit den staatlichen und kommunalen Behörden die baldige Verwirklichung dieser Forderungen in die Wege leiten werden." In dem Material, das Herr Hauptlehrer Andorn zu seinem Bortrage verarbeitet hatte, fehlten ihm, wie angedeutet, die statistischen Angaben über Bayern. Diesem Mangel ist nun gründlich abgeholfen durch eine soeben erschienene Denkschrift. >) Vor vier Jahren, gelegentlich der Generalversammlung des israelitischen Lehrervereins für das Königreich Bayern, haben sich Lehrer und Rabbiner zusammengetan und eine Kommission für soziale Besserstellung der Religionslehrer gebildet. Die Kommission hat das Material zu vorliegender Denkschrift gesammelt und Herrn Lehrer Dingfelder - München mit der Herausgabe dieser Arbeit betraut. Die Broschüre gibt in übersichtlicher Weise ein klares Bild von den gegenwärtigen Schulverhältnissen der Juden in Bayern. Die Verhältnisse liegen etwas günstiger als in Preußen, besonders als in den ostpreußischen Provinzen. Die Denkschrift spricht zunächst von den jüdischen Gemeinden im allgemeinen. Es wird in Zahl und Wort darauf ^Denkschrift über die soziale Lage der israelitischen Lehrer, insbesondere der Religionslehrer Bayerns, und Vorschläge zu deren > Besserstellung. München 1908. -1

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