Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. verlin, 15. Mai 1908, 72. Jahrgang. Nr. 20. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-pr eis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verlriebsstrllen) bezogen merteljähri. 3 Utl. ReSakleurr Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig philixxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Lxxedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin, SW., Jerusalemer Straße §6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Lu drn Lsndtsgswshlen. Berlin, 12. Mai. ur wenige Wochen trennen uns noch von den preußischen Landtagswahlen, die von besonderer , Bedeutung für das preußische und wegen des überwiegenden Einflusses Prerißens auf die Politik des Reiches für das ganze deutsche Volk sein werden. Es handelt sich, wie bekannt, in erster Reihe um die Reform des preußischen Landtagswahlrechts. Er erübrigt sich, alle Schwächeil und Gebreste des preußischen Landtagswahlrechts aufzuzählen. Es ist dies oft genug geschehen und jeder kennt sie zur Genüge. Trotzdem bedarf es keiner großen Propheteugabe, um mit Sicherheit vorauszusagen, daß diese Wahlen die gewünschte Wahlreform nicht bringen werden. i. Wozu also, könnte man fragen, unter solchen Umständen sich für eine aussichtslose Sache viel aufregen? Wozu zu erreichen suchen, was doch unzweifelhaft nicht erreicht werden kann? Bleiben wir zu Hause, es nützt doch alles nichts. Das nun wäre die denkbar törichtste Wahlpolitik, die des preußische Urwähler befolgen könnte. Ebensowenig wie Rom in einem Tage erbaut worden ist, eine Eiche aus einen Hieb fällt, wird eine wichtige politische Reform, zumal unter so ungünstigen Verhältnissen, wie sie in Preußen herrschen, mit einem Male durch geführt. Die Landtagswahlreform, die gewünschte Ersetzung des unsinnigen Landtagswahlrechts durch das zwar' auch nicht vollkommene, aber'doch bei weitem bessere Reichstagswahlrecht wird ganz sicher einmal kommen, wenn die Wähler durch ihr Verhalten in den Wahlen nur zeigen, daß sie es entschieden wollen. Es gilt daher Männer zu wählen, die solchem Ziele zustreben, und da dies nur liberale sicher tun, Konservative und Antisemiten sicher nicht tun, so heißt es, Kandidaten aus den Reihen der Erstgenannten zum Siege zu verhelfen. Um das zu tun, braucht man nicht etwa liberal, freisinnig oder gar sozialdemokratisch zu sein, sondern man braucht nur davon überzeugt zu sein, daß das preußische Wahlrecht endlich und unbedingt modernisiert werden muß. Allerdings glauben wir, daß die Modernisierung des preußischen Wahlrechts auch bald zu einer dem Liberalismus günstigeren Zusammensetzung des preußischen Abgeordnetenhauses führen 'wird. Auf ein solches Ergebnis sollten wir Juden vor allem hinarbeiten. Ein liberales Abgeordnetenhaus kann nur allen Juden angenehm sein. Nicht daß alle Juden notwendig dem Freisinn huldigen, eine liberale Weltanschauung haben, oder sozialdemokratisch angekränkelt sind. Von Natur sind die Juden nichts weniger als sozialdemokratisch und vielmehr in sehr hohem Maße konservativ veranlagt. Wenigstens spricht für letzteres die Zähigkeit, mit welcher sie trotz aller Drangsale und Verfolgungen nicht nur bei ihrem alten Glauben verharrten und verharren, sondern auch, daß sie so gern alte Sitten und veraltete Gebräuche aufrecht erhalten, ja selbst von alten Sprachunarten so schwer sich trennen. Nur der Torheit vieler Machthaber und der herrschenden Klassen ist es zuzuschreiben, daß die Juden meistens im liberalen Lager zu finden sind, der Opposition sich anschließen, auch wenn sie im Herzen konservativ sind und am liebsten nicht opponieren würden. So lange aber die Juden in einem Lande differentiell behandelt werden, ist ihnen nicht zu verdenken, wenn sie, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, selbst auch differentiell handeln, ist es begreiflich und nur natürlich, daß sie mit denen Zusammengehen, die eine solche differentielle Behandlung gleichfalls als ein unverzeihliches Unrecht ansehen und es zu beseitigen entschlossen sind. Die die Juden beleidigende und benachteiligende Ausnahmebehandlung will alle wirklich liberalen Kandidaten beseitigen, folglich gebietet den Juden das eigenste Interesse sowohl wie ihr Ehrgefühl, nur für diese zu stimmen und von den übrigen in Betracht kommenden Parteien nur für solche, von denen sie sich die Gewißheit verschafft haben, daß sie unter keinen Umständen antisemitische Wege wandeln. Daß kein jüdischer Wähler in den Urwahlen, kein jüdischer Wahlmann in den Abgeordnetenwahlen einem antisemitischen oder einem des Antisemitismus verdächtigen Kandidaten seine Stimme gibt, halten wir für so selbstverständlich, daß eine Begründung dieser Kardinalforderung uns überflüssig erscheint. Das einfache Gefühl schon muß es jedem sagen, daß es für Juden „kein Bündnis mit dem Gezücht der Schlangen" gibt. In diesem Falle aber gehen Gefühl und Vernunft zusammen. Beide sagen ganz klar und deutlich, was die Juden zu tun, und was sie zu lassen haben, wenn ein antisemitischer Kandidat in Frage kommt. Für alle Juden heißt es da nur, gegen den Antisemiten zu stimmen, gleichviel, wem die Stimme sonst zugute kommen mag. Ein Zweites gibt es da überhaupt nicht. Dagegen gibt es noch ein Mehr. Der jüdische Urwähler wie Wahlmann kann und soll daraus hinarbeiten, daß möglichst viele Wähler und Wahlmänner gegen Antisemiten stimmen. Denn wenn auch unsere christlichen Mitbürger nicht in ihrer Eigenschaft als Menschen und Bürger persönlich gleich den Juden von den Antisemiten gekränkt werden, geschädigt werden auch sie von den Antisemiten, die einmal reaktionär bis auf die Knochen sind, ferner in viel höherem Maße, wenn auch ihnen selbst nicht immer so bewußt — die