Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 an heiliger Stätte im Namen des Vorstandes und sämtlicher Rabbiner unserer Kultusgemeinde ab." Ferner hat auch der Vorstand der Kultusgemeinde fein' Präsidium beauftragt, beim Unterrichtsminister zu erklären, daß die Kultusgemeinde den Vorfall in der Sixtinischen Kapelle aufs tiefste bedciuere und aufs schärfste verurteile. Die Kultusgemeinde ersucht den Minister gleichzeitig, diese Erklärung zur Kenntnis des Kaisers zu bringen. Allerdings liegt nach den Erklärungen der Betreffenden die Sache viel harmloser, als sie gewöhnlich dargestellt wird. Sie stellt sich einfach als eine aus Unkenntnis der religiösen Gebräuche begangene Ungeschicklichkeit dar. Nichtsdestoweniger fühlte sich das Professorenkollegium der Exportakademie, dem jener Professor Feilbogen angehört, veranlaßt, in einer Plenarsitzung eine Resolution anzunehmen, in welcher das tiefste Bedauern über die ’ unerhörten Vorgänge in der Sixtinischen Kapelle ausgedrückt wird und ihn seines Amtes zu entheben. Diese Nachricht wirkt umso befremdlicher, als der Vorfall als durchaus harmlos dnrgestellt wird und die Erklärungen des Professors die vatikanischen Würdenträger beruhigten. Freilich, die Wiener Antisemiten, die in diesem Falle päpstlicher als der Papst sind, werden sich nicht so bald beruhigen. Jetzt heißt es gar, daß Herr F. mit seiner ganzen Familie „zur Sühne" in der Stefanskirche feierlich zum Christentum übertreten wolle. Habeat sibi. _ Meran, im April. Am 1. v. M. wurde das Asyl, in welchem bisher nur 15 Kranke gleichzeitig ausgenommen und verpflegt werden konnten, geschlossen, weil das Haus vollständig renoviert und zur Aufnahme von Rekonvaleszenten hergerichtet wird. Vielen leidenden mittellosen Glaubensgenossen aus Deutschland und Oesterreich-Nngarn wurde Hilfe zuteil, viele der Kranken, die im Asyle Aufnahme fanden, wurden ihrem Erwerbe wieder zurückgegeben, leider mußten aber jährlich 400 bis 500 Kranke wegen Raummangels abgewiesen werden. — Daß der Bankier Friedrich Stransky am 23. v. M. nach langem, schwerem Leiden gestorben und am 25. v. M. in einem von der Königswarter-Stiftung gewidmeten Ehrengrabe zur ewigen Ruhe bestattet wurde, haben Sie bereits gemeldet. Stransky war in Meran eine hochgeachtete Persönlichkeit; er war überall beliebt, er war edel und hilfreich gegen jedermann, insbesondere aber gegen die aus allen Weltgegenden hier Zusammenströmenden kranken Juden. Das größte Verdienst jedoch hat er sich als Obmannder Königswarter-Stiftung erworben. Er war es, der den jüdischen Friedhof hier vergrößert und auch den Grund zu dem neuen Friedhofe erworben hat; er hat vor 15 Jahren das Asyl für arme kranke Juden aus dem Fonds der Königswarter-Stiftung begründet, und unter seiner Leitung wurde der Grundstock für das neue Haus gelegt. Der „Verein für mittellose kranke Israeliten" führt nunmehr in Gemeinschaft mit dem Kuratorium der Königswarter-Stiftung den großen Gedanken des Verstorbenen aus. Beide arbeiten daran, ein neues Haus zu bauen, in welchem 100 Kranke aufgenommen werden können, damit nicht jährlich 400 bis 500 Gesuche abgewiesen werden müssen. Jedoch fehlen noch die Mittel hierzu. Es sind für Installationen und zur inneren Einrichtung noch 160 000 Kronen nötig; der Betrieb des Asyls erfordert jährlich 80 000 Kronen, wovon erst 20 000 Kronen durch Jahresbeiträge gedeckt sind. Alle Glaubensgenossen in Deutschland und Oesterreich haben ein Interesse daran, daß dieses humanitäre Werk ins Leben tritt, daß den armen leidenden und hilfsbedürftigen Juden in dieser Anstalt auch Hilfe gebracht werde. Es ergeht deshalb au alle Menschenfreunde die Bitte, Beiträge zur Installation und zur Einrichtung zu gewähren oder dem Vereine als Mitglieder beizutreten, damit das Haus im Herbste 1908 seiner Bestimmung übergeben werden kann. Vvn Mh und ffern. — Bei den Vorlesungen für den Kronprinzen an der Technischen Hochschule hat Professor Dx.-Jng. Schlesinger, derzeitig Vorsteher der Abteilung für Maschineningenieurwesen, den Kronprinzen in das Fach der Werkzeugmaschinen und der Fabrikbetriebe eingeführt. — Der „Tag" weiß davon zu berichten, daß an dem Besuch deutscher Geistlicher in London am 26. Mai auch zwei bis drei Rabbiner teilnehmen werden. Uns ist darüber nichts bekannt. — Gestorben sind in dieser Woche Justizrat Siegmund Friedländer in Territet, Geheimer Sanitätsrat Dr. Louis Hoffmnnn im 65. Lebensjahre und der Musikschriftsteller Dr. Georg Münzer im 42. Lebensjahre. — Der Ratmann Jsaac Jastrow in Rogasen hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Der Stadtverordnete Kaufmann Josef Efrem in Bernstadt feierte unter allgemeiner Teilnahme den 70. Geburtstag. Magistrat und Stadtverordnete, in deren letzterem Kollegium Herr Efrem gegenwärtig das älteste Mitglied ist, ließen durch Bürgermeister Herrmann Worte der Anerkennung für langjähriges selbstloses Wirken im Dienste der Stadt übermitteln. — Am 8. d. M. fand in Volkmarsen die 50jährige Jubiläumsfeier des israelitischen Lehrers Josef Wert heim statt. In Vertretung des Landrats überreichte der Königliche Kreisschulinspektor, Metropolitan Jacobi-Wolfhagen, die Verdienstmedaille des Adlerordens des Hauses Hohenzollern für 50 Jahre Verdienst um die Schule. Bei dem Festgottesdienst amtierten Landrabbiner Dr. Doctor und Oberkantor Witepski-Cassel. Stadt und Gemeinde feierten das Jubiläum des verdienstvollen und allgemein beliebten Lehrers in würdigster Weise. — Wie in früheren Jahren, so ist auch diesmal eine Darmstädter Mazzesfabrik beauftragt worden, für den Zaren wie für die Großfürstin Sergius eine größere Quantität Mazzes zu liefern. — Dem Huuptmann der Reserve Isidor Löwensohn (Kommerzienrat in Nürnberg), dem Rittmeister der Reserve Josef Sahlmann (Kommerzienrat in Nürnberg-Fürth), ist auf eigenes Ansuchen vom Prinzregenten der Abschied mit der Erlaubnis zum Weitertragen der Uniform bewilligt worden. — In Gens ist am 26. d. M. der Großrabbiner I. Werth eimer im 75. Lebensjahre gestorben. Derselbe war auch seit vielen Jahren Professor für orientalische Sprachen an der Universität. Ehre seinem Andenken! — Vor einigen Tagen soll in Skiernewice eine Versammlung von über 100 Schächtern stattgefunden haben, die angeblich beschlossen haben sollen, sich von dem Einflüsse der Rabbiner zu emanzipieren, diesen den Chalif nicht mehr zur Prüfung zu überlassen, sondern eine eigene Prüfungskommission, ferner ein Schiedsgericht zur Entscheidung von Streitigkeiten zwischen Gemeinde und Schächtern einzusetzen. Wenn das nicht ein verspäteter Purimscherz ist, so ist es sehr charakteristisch. — Vorige Woche wurde in Warschau Frau Asch, Gattin des bekannten dramatischen Schriftstellers Schalom Asch und Schwester des in der Zitadelle ^Hingerichteten Spiro, verhaftet. — Die Marsch auer jüdischen Blätter melden, daß unter den Juden in den kleinen Provinzstüdten bisher noch nie dagewesenes furchtbares Elend herrscht. Fast alle an die Redaktionen anlangenden Provinzberichte enthalten Klagen, daß sich die ökonomische Lage der Bevölkerung mit jedem Tage verschlimmere. — Der russische Ministerpräsident Stolhpin hat sich beeilt, auch in diesem Jahre Zirkulare an alle Gouverneure des jüdischen Ansiedlungsrayons zu versenden, daß sie eventuell ausbrechende Unruhen mit beu schärfsten Maßregeln unterdrücken sollen. — Anläßlich der Oktoberpogrome in Kiew im Jahre 1905 haben zwei Söhne des bekannten Bankiers Brodsky, die das Kiewer Geschäft leiten, im Kampfe mit den Holigans zwei dieser Räuber niedergeschossen. Das Bezirksgericht erkannte, daß die jungen Brodskys in der äußersten Notwehr zu den Revolvern gegriffen und stellte die weitere Untersuchung ein. Der Gerichtshof als Appellsenat hat nun diesen Beschluß des Bezirksgerichts annulliert und die Wiederaufnahme des Prozesses angeordnet. — Im Gouvernement Jeknterinoslaw begann die Exmission von Juden aus den Dörfern, in denen ihre Ansiedlung für unberechtigt erklärt wurde. So sind aus dem großen Dorf Lissitschansk (Kreis Bachmut), in dem an 150 jüdische Familien ansässig sind, alle Juden vertrieben worden. — Die Blutanklage spukte auch am diesmaligen Passahseste wieder in mehreren Dörfern Böhmens, Russisch-Polens und in Port-Said. Zum Glück entpuppte sie sich überall als eine nichtswürdige Lüge. — Dr. Paul Nathan hat sich zum zweiten Male nach Palästina begeben, um persönlich daselbst die Vorbereitungen für die nächsten Schulgründungen des Hilfsvereins der Deutschen Juden zu treffen. — Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat nunmehr, nachdem der Umfang des Schadens und der genaue Plan für das Hilsswerk sestgestellt ist, weitere 10 000 Francs zugunsten der Geschädigten in Haskiö überwiesen.