Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-04-24 · Heft 17 (24.4.1908) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 17 (24.4.1908)
Date
1908-04-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228816--64443-3276507
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

72. Jahrgang. Nr. 17. Berlin, 24. April 1908. Gin unparteiisches Wrgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav «arxeles. Begründet von Rabbiner Ir- Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen ffir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße qb/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rlofse, Berlin. Dir tzktzr gegen die Ausländer. Berlin, 21. April. er Abgeordnete Lattmann hat sich neulich gemüßigt gefühlt, im Reichstag seinen antisemitischen Gaul zu besteigen und einen Ritt ins unromantische Land der Judenhetze zu unternehmen. Gr hat es für angebracht gehalten, noch ehe ihn jemand angeklagt, sich zu verteidigen, daß ihm jeglicher Radauantisemitismus zuwider sei. Das ist zwar sehr schön, nur hätte er nicht zuviel sagen sollen und behaupten, daß im Reichstage kein einziger sich befinde, dem der Radauantisemitismus nicht gleich ihm zuwider sei. Möglich, daß er gemeint hat, von den damals gerade im Reichstag Anwesenden liebe keiner den Radauantisemitismus. Aber das wäre spitzfindig. Oder der Abgeordnete Lattmann hat ein so robustes Physisches und geistiges Empfinden, daß bei ihm der Radauantisemitismus noch lange nicht anfängt, wenn er anderen bereits unerträglich geworden ist. Sonst wüßten wir nicht, wie jemand behaupten kann, daß in einer Versammlung, der Männer angehören, die mit dem Grafen Pückler vereint die Empörung der Reichshauptstadt herausgefordert, die in Könitz unseligen Angedenkens geschürt und gehetzt haben, sich niemand befinde, der dem Radauantisemitismus huldige. Wenn es kein so großes Opfer wäre, möchten wir wohl sehen, was nach des Herrn Abgeordneten Lattmann Ansichten richtiger Radauantisemitismus ist. Herr Lattmann wies nun aber auch auf gewisse „Tatsachen" hin. Das heißt, er wies in Wirklichkeit auf gewisse Zahlen hin aus einer Statistik des Dr. Segall im „Verein für Statistik der Juden". Nun weiß ja jeder, daß man die Statistik ungemein leicht falsch gebrauchen, ja sogar falsch machen kann. Nach jener Statistik soll die Zahl der ausländischen Juden in Deutschland, die im Jahre 1900 41113 betrug, im Jahre 1905 auf 100000 angewachsen sein," in Sachsen sollen unter 14666 Juden 7772'. Ausländer gewesen sein. Da möchten wir zunächst eine Frage an die Herren Statistiker richten. Haben sie bedacht, daß in Sachsen die auch aus Preußen oder anderen deutschen Bundesstaateuveiygewanderten Juden als ausländische Juden gelten? Alsdann ist es doch wirklich äußerst naiv, von der Zahl der ausländischen Juden in einem deutschen Bundesstaat gleich auf deren Verbreitung , in allen übrigen Bundesstaaten zu schließen. Selbst wenn die Vermehrung hier nicht eine Verminderung dort in sich schlösse, wiebeispielsweise die Vermehrung der Juden in Berlin ihre Verminderung in den Ostprovinzen Posen, Westpreußen usw. bedeutet, so ist es doch äußerst kühn, anzunehmen, daß, weil in Sachsen die Zahl der ausländischen Juden 7772 betragen hat, sie auch verhältnismäßig oder überhaupt in allen anderen deutschen Bundesstaaten eine entsprechende sein müsse. Zu welchen Zahlen würde man kommen, wenn man schlösse, weil die Zahl der Polen in dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet die und die ist und sich um so und soviele Zehntausende vermehrt hat, muß sie in allen preußischen Provinzen verhältnismäßig ebenso groß sein und sich vermehrt haben, oder gar daß sie in den verschiedenen deutschen Bundesstaaten ebenso groß und sich im Verhältnis vermehrt haben muß. In Wirklichkeit gibt es in vielen Teilen Preußens und erst recht Deutschlands überhaupt keine Polen oder doch nur in verschwindender Zahl. Sachsen ist ein industriell und geschäftlich sehr entwickelter Bundesstaat mit vielen Großstädten, die aus begreiflichen Gründen eine besondere Anziehungskraft auf die Juden ausüben. Wenn in Sachsen ein Zuzug von 7770 ausländischen Juden stattgefunden hat, dann braucht noch nicht ein verhältnismäßig ebenso großer Zuzug in Mecklenburg, Oldenburg usw. stattgefunden zu haben. Und außerdem: Wie vielen der in diese Statistik aufgenommenen Fremden gestatten die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, sich in Deutschland dauernd niederzulassen? Wieviele müssen schon nach kurzer Leidenszeit ihren Weg weiter fortsetzen? Das hat der Statistiker nicht genügend berücksichtigt; es hätte sonst sicher mehr von einer Durchwanderung als von einer Einwanderung gesprochen werden müssen. Der Statistiker glaubt, die starke jüdische Einwanderung als eine erfreuliche Erscheinung begrüßen zu sollen. Vielleicht hat er darum nur gesehen, was er zu sehen wünschte und sich zu falschen Schlüssen verleiten lassen. Uns sind die 100 000 ausländische Juden in Deutschland noch erst nachzuweisen; auf die bloßen Angaben und Schlüsse der angeführten Statistik hin glauben wir nicht an sie. Wir schätzen die Zahl derselben höchstens auf 30 000. Der Abgeordnete. Lattmann wünscht nun, daß die ausländischen Juden nicht naturalisiert werden sollen. Der verehrte Herr braucht dergleichen, nicht erst zu wünschen und zu empfehlen. Hat er denn gar keine Ahnung, wie schwer den Juden die Naturalisierung bei uns ohne sein Zutun gemacht wird? Es gibt hier ausländische Juden, die seit mehr als drei, vier Dezennien wohnen und arbeiten, geheiratet und Kinder und Enkel haben. Wenn ihnen einfällt, im Interesse ihrer deutschen Frauen, ihrer in Deutschland geborenen Kinder und Enkel die Naturalisation nachsuchen zu wollen, dann wird ihnen von sachverständiger und unterrichteter, ja amtlicher Seite wohlmeinend geraten, guieta non movere. Sie sollen lieber gar nicht daran erinnern, daß sie Ausländer seien, was kaum jemand noch wisse.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.