Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1908)
- Date
- 1908-04-17
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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19 gegen 9 Stimmen zum Beschlüsse erhoben. Gegen den Antrag votierten die Sozialdemokraten, die Iungtschechen, der tschechische Agrarier Dr. Velich, der.tschechischradikale Klofac und der Referent Dr. Glornbinskh. Für den Antrag stimmten neben den Christlich- Sozialen die Mitglieder der deutschnationalen Vereinigung, die tschechischen Agrarier und die klerikalen Slovenen. Die antisemitische Presse mißt diesem Beschlüsse eine große Wichtigkeit bei. Und sie hat leider recht. Geht er im Parlament durch, so sind die Folgen ganz unberechenbar. — Von dem alten Prager Ghetto fällt Stein auf Stein. Die Objekte, die der Nachwelt erhalten bleiben, sind der alte Friedhof, dessen nördlicher, unbedeutender Teil dem Straßenbau bereits zum Opfer gefallen ist, die sagenumwobene Altneusynagoge und das jüdische Rathaus. Es ist aber leider zu befürchten, daß noch ein weiterer Teil des an tausend Jahre alten Friedhofes der Assanierung wird weichen müssen. Von der alten Synagoge soll der in die Niklasstraße ragende, nicht mit dem Gotteshause direkt zusammenhängende Vorbau abgetragen werden. Es wird Pflicht der betreffenden Faktoren sein, zu sorgen, daß der altehrwürdige Bau in seinen Grundmauern von den Grundwässern nicht unterwaschen werde. - Frohlockend berichten antisemitische Blätter über eine judenreine Sommerfrische im schönen Land Oberösterreich. Dieser Ort ist das am Dachstein herrlich gelegene Schladming, dessen wackerer Verschönerungsverein, an den alle Anfragen betreffs Sommerwohnungen zu richten sind, am 15. v. M. in der Vollversammlung den ein- . Helligen Beschluß gefaßt hat, Juden keine Auskunft zu erteilen. Frankreich. — Paris, 12. Dezember. Heute ist hier der berühmte Orientalist Hartwig Derenbourg. Professor des Arabischen an der Ecole speciale des langues orientales und Studiendirektor an der Ecole practique des hautes 6tudes, Mitglied des Institut de France, int Alter von 68 Jahren gestorben. Hartwig Derenbourg gehörte der aus Mainz stammenden Familie Dernburg an, zu deren Mitgliedern auch der verstorbene Pandektist und Zivilrechtslehrer Heinrich Dernburg und dessen Neffe, der Staatssekretär des Reichskolonialamts, zählen. Sein Vater, Joseph Derenbourg (geboren 1811 in Mainz, gestorben 1895 in Ems), war der hervorragende Orientalist und Professor an der Ecole practique des hautes ötudes. Sein Sohn, geboren 1844, widmete sich gleichfalls dem Studium der orientalischen Sprachen, zuerst unter Reinaud in Paris, später unter Fleischer in Leipzig und unter Ewald in Göttingen, an welcher letzteren Universität er 1867 mit einer lateinischen Abhandlung über die Pluralbildung in der arabischen und in der äthiopischen Sprache die philosophische Doktorwürde erwarb. Er kehrte dann nach Paris zurück, wo er von 1867 bis 1870 als Kustos an der Nationalbibliothek namentlich mit der Bearbeitung der arabischen Handschriften beschäftigt war und 1875 Dozent der arabischen Sprache an der Ecole des orientales vivantes wurde. 1875 zum Professor ernannt, erhielt er gleichzeitig einen Lehrauftrag für arabische Sprache und Literatur in der philologischen Sektion der Ecole practique des hautes etudes, an der auch sein Vater wirkte. Im Jahre 1885 wurde er zum Studiendirektor dieser Anstalt befördert und bald darauf auch zum Professor für islamitische Religionswissenschaft ernannt. Seit 1900 war er Mitglied des Institut de France. Die Zahl seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist sehr erheblich. Als sein Hauptwerk dürfte die Ausgabe des arabischen Grammatikers Sibawaihi anzusehen sein (Le livre de Sibawaihi), die 1881 bis 1889 in drei Bänden erschien. Außerdem ist namentlich seine Auswahl aus arabischen Schriftstellern für Anfänger (Chreotomathie 61ementaire de l’arabe lilteraire, 2. Auslage, 1889), seiner Arbeiten über die Geschichte der Kreuzzüge, über phönizische und himjaritische Inschriften unter anderm zu erwähnen. Ein Ergebnis mühsamster bibliothekarischer Forschungen ist sein Katalog der arabischen Handschriften, des Eskurial (1883 bis 1903). Auch veröffentlichte er die von ihm gehaltenen Vorlesungen über Religionswissenschaft des Islam (Paris, 1886). Gleich feinem Vater blieb Hartwig D. zeitlebens mit der deutschen Wissenschaft in enger Fühlung und machte sich zur Ausgabe, zwischen deutscher und französischer Orientsorschung den Vermittler zu spielen. So hat er namentlich eine Reihe von Arbeiten Th. Nöldekes, vor allem dessen Literaturgeschichte des Alten Testaments, ins Französische übersetzt. D. war lange Jahre Mitglied des französischen Zentralkonsistoriums der Alliance und vieler andere Vereine. Sein Andenken wird ein gesegnetes sein. Vrm Sah und fltrn. — Professor Tr. Galland feierte in dieser Woche das 25 jährige Jubiläum seiner Lehrtätigkeit an preußischen Hochschulen. — Die Berthold Auerbach-Loge beging am 5. d. M. die Feier ihres 25 jährigen Bestandes. — Der Verein Gemilus CHassodim beging die Feier seines 25 jährigen Bestehens, deren Mittelpunkt die Rede des Rabbiners Dr. Rosenzweig bildete. — Sein 25 jähriges Dienstjubiläum feierte am 14. d. M. der Oberpostschaffner Joel Kirchheim beim Kaiserlichen Briefpostamt, wohnhaft Blankenfelder Str. 3.— Herr Josef Carlebach ist zum Oberlehrer an der städtischen Luisenschule gewählt worden. — Der Verein für Arbeitsnachweis hat durch seine Vermittlung im Monat März 217 Personen in Stellung gebracht und außerdem noch 53 Personen vorübergehend Beschäftigung nachgewiesen. — Der Prediger und Lehrer Jacob Schur mann in Osterode Oftpr. hat den Adler der Inhaber des Hausordens derHohenzollern erhalten. — In Osnabrück feierte am 14. d. M. der allgemein geschätzte Lehrer und Prediger Oberschützky sein 25jähriges Dienstjubiläum.— Der Lehrer Joseph Wertheim zu Volkmarsen im Kreise Wolfshagen hat anläßlich seines 50 jährigen Jubiläums den Adler der Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohenzollern erhalten.— Landgerichtsrat Salomon in Köln ist zum Oberlandesgerichtsrat ernannt worden. — Ter Konsul Adolf Baer-Goldschmidt, der langjährige verdienstvolle Vorsitzende der Achawa in Frankfurt a. M. ist in Wiesbaden einer schweren Lungenentzündung erlegen. — Sanitätsrat Dr. Weil in Stuttgart ist als Oberkirchenvorsteher in die Israelitische Oberkirchenbehörde berufen und von der Negierung bestätigt worden. Das Kollegium setzt sich nunmehr zusammen aus den Herren Regierungsrat Dr. v. Habermaas, Präsident, Kirchenrat Dr. Kroner. theologisches Mitglied, Oberregierungsrat Dr. Schmal, juristisches Mitglied, Geh. Kommerzienrat v. Pflaum, Bankier M. H. Goldschmidt, Sanitätsrat Dr. Weil-Stuttgart und Rechtsanwalt Dr. Schloß-Heilbronn. — In Paris fand am 6. d. M. die feierliche Amtseinführung des neuen Groß-Rabbiners von Frankreich im Tempel der Rue de la Victoire statt. Eine zahlreiche, äußerst elegante Versammlung wohnte diesem Akt bei. Nachdem unter Orgelbegleitung mehrere Chöre zu Gehör gebracht wurden, wurde der Wahlakt durch den Vizepräsidenten des Konsistoriums Levhlier verlesen. Hierauf hat der neue Rabbiner Alfred Levy, die Eröffnungsrede gehalten; ein Gebet für die französische Republik beschloß die Feier. — Der Oberstleut«ant S. I. Levy, Direktor des Geniekorps in Nantes, ist zum Oberst befördert worden. — In London ist am 7. d. M. Gabriel Lindo, einer der angesehensten Männer der portugiesischen Gemeinde daselbst, im 70. Lebensjahre gestorben. — Dr. M. Rosen - Wasser vom Berliner Rabbinerseminar ist zum Rabbiner und Schuldirektor der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Sofia gewählt worden. — Die Polizei in Moskau hat Befehl erhalten, streng darauf zu achten, daß kranke Juden, welche nicht das Wohnrecht in Moskau haben, nicht in Krankenhäuser ausgenommen werden, damit erfüllet werde, was geschrieben stehet: „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst." — Das Zusammentreffen zweier von einander unabhängiger Ereignisse hat den 50jährigen Kronrabbiner H. Hellmann in Berditschew ins Gefängnis gebracht. Er hatte kurz vor Schluß der Amtsstunde bei dem Polizeikommissar Kartamjischew eine Angelegenheit zu erledigen und verließ dann zur gleichen Zeit mit K. das Gebäude, der gleich darauf von einer Kugel getroffen niedersank. Einige Tage später wurde nun Hellmann unter der widersinnigen Beschuldigung, er habe K. herausgeführt, damit er seinetn Mörder überliefert werde, verhaftet. — In Kreta wohnen nach der letzten Volkszählung 726 Juden.— Dr. Cyrus Adler wurde zum Präsidenten des neu zu errichtenden Dropsie-College für jüdische Wissenschaft in Philadelphia gewählt.