Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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sich noch mit der Einführung neuer-Jndustriezweige. Es ist dringend zu wünschen, daß diesem Verein allseitige^Unterstützung zuteil werde. Der Rabbinerverband in Böhmen hielt am 25. März^ d. I. in Prag seine ordentliche Generalversammlung ab. Es wurde beschlossen, zur Feier des Regierungsjubiläums des Kaisers mit der Abfassung einer „Geschichte der jüdischen Gemeinden in Böhmen während der letzten 60 Jahre" zu beginnen. Besonders erfolgreich war ein Rundschreiben des Verbandes an die Vorstände der böhmischen Kultusgemeinden, in welchem dargetan wurde, daß nur durch standesmäßiges Einkommen und definitive Anstellung die Stellung des Rabbiners jenes Ansehen und jenes Maß von Unabhängigkeit erlangen könne, welche unbedingt notwendig find, damit der Rabbiner sein ganzes Können und seine ganze Kraft für das Wohl der Gemeinde und des Judentums einzusetzen vermöge, daß es daher im Interesse der Gemeinden selbst liege, den Wünschen des Rabbinerstandes durch Gewährung des Definitivums und einer besseren Besoldung entgegenzukommen. Es muß als erfreulich bezeichnet werden, daß dieses Rundschreiben in den meisten Gemeinden ernste Beachtung gefunden und für mehrere Gemeinden die Veranlassung war, ihren Rabbinern das Definitivum zu geben. Erwähnenswert ist ferner, daß die Prüfungskommission des Verbandes, welche den Zweck hat, Rabbinern im Amte, die trotz ihrer Würdigkeit aus irgend einem Grunde die rabbinische Autorisation nicht besitzen, die Erlangung derselben durch Ablegung einer Prüfung zu ermöglichen, im letzten Vereinsjahre zum ersten Male Gelegenheit hatte, ihres Amtes zu walten. Von den Prüfungskommissaren konnten nur zwei die mündliche Prüfung vornehmen, der dritte, der gelehrte und von allen Amtsbrüdern hochgeschätzte Rabbiner von Hermanmestetz, Dr. Nehemias Kronberg, ist kurz vor dem für die Prüfung festgesetzten Termine gestorben. — Bei der Neuwahl wurde der vorjährige Ausschuß wiedergewählt, Und zwar die Herren: Professor Dr. Kurrein-Teplitz (Präsident). Professor Dr. Stern-Saaz I. Vizepräsident), Professor Dr. Kisch-Prag (II. Vizepräsident), Dr/ Thieberger - Budweis (Kassier), Dr. Krengel - Böhmisch - Leipa (Schriftführer). Dr. Schwarz-Prag und Professor Dr. Viach-Brüx. — Die unabhängigen freisinnigen Blätter Ungarns machen seit einiger Zeit dem Minister für Kultus und Unterricht Grafen Apponyi den Vorwurf, daß seit seinem Regierungsantritt kein Jude an einer staatlichen Anstalt ernannt wurde, wenn er seine Befähigung nicht durch den Taufschein legitimierte. Graf Apponhi widerlegte jüngst diese Beschuldigung damit, indem er erklärte, er habe während seiner fast zweijährigen Ministerschast bereits drei Juden zu Professoren ernannt, trotzdem sie Juden geblieben sind. Ein liberales Blatt wollte dieser Behauptung nicht recht Glauben schenken und fand nun heraus, daß Graf Apponyi sich einen Scherz erlaubte, der nicht genug gerügt werden kann. Er hat nämlich tatsächlich drei jüdische Professoren ernannt, aber es waren dies ein Professor für die Landesrabbinerschule, einer für das jüdische Lehrerseminar und ein jüdischer Religionslehrer für Mittelschulen. — Von Ksh und jfrm. -- An der. Technischen Hochschule zu Berlin wurde die Stell^ eines Bibliothekars dem Bibliothekar an der Königlichen Bibliothek zu Berlin, Professor Dr. H. Simon, vom 1. April ab zunächst auf die Dauer von sechs Monaten übertragen. Professor Simon hat auch die Bibliothek an der neuen Technischen Hochschule in Danzig eingerichtet. — Dem Privatdozenten in der philosophischen Fakultät Dr. Richard Joseph Meyer ist das Prädikat „Professor" beigelegt worden. — Herr Leo Lustig, Mitinhaber der hiesigen' Eisengroßhandlung M. I. Caro & Sohn, ist zum Kommerzienrat ernannt worden. — Dem Lehrer fin der jüdischen Volksschule in Melsungen Baruch Block, wurde der Adler der Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohenzollern verliehen.— In Zielenzig ist am 29. v. M. der Kaufmann M. I. Marcus im 76. Lebensjahre gestorben. Er war seit 1865 Vorsteher der dortigen Gemeinde. — Der in Berlin verstorbene Kaufmann Rudolf Geist, der früher in Czarnikau gewohnt hat, hat der Stadt eine Stiftung von 10000 Mark und der jüdischen Gemeinde eine solche von 5000 Mark hinterlassen mit der Bestimmung, daß die Zinsen an hilfsbedürftige Personen ohne Unterschied der Konfession verteilt werden. Die Synagogengemeinde. soll die Zinsen für ihre Gemeindearmen oder für andere mildtätige Zwecke verwenden. — In Posen hat der Verein zur Förderung jüdischer Interessen eine Rechtsschutz- und Auskunftsstelle für unbemittelte Glaubensgenossen ins Leben gerufen/ der fünf Juristen angehören. Der Rechtsschutz wird unentgeltlich gewährt; er erstreckt sich in erster Reihe auf die Rechtsvertretung bei der Wahrnehmung staatsbürgerlicher und allgemein öffentlicherRechte derJuden; in zweiter Linie auch auf die armenrechtliche Vertretung in Privatangelegenheiten. — Im Israelitischen Tempel zu Hamburg hielt Herr Prediger Dr. Rieger im Anschluß an das Schriftwort: „Und Israel weinte ob des jähen Todes, so -wie Brüder um den geliebten Bruder weinen" (II. 10,7) einen tiefempfundenen Nachruf auf den verewigten Bürgermeister Dr. Mönckeberg. Die Gemeinde Hörte stehend die Gedächtnisrede an. — Das Komitee des vor mehreren Wochen veranstalteten großen königlichen Armenballes in München ließ durch den Präsidenten Reichsrat Grafen Drexel dem Israelitischen Frauenverein 200 Mark als Geschenkzukommen.— Die Meldung, der bayerische Kultusminister habe bei Verhandlung der Petition des israelitischen Lehrerseminars in Würz bürg gesagt: „Er könne nicht einsehen, warum man für das orthodoxe Judentum etwas tun solle", war falsch. Es ist dem Minister nicht eingefallen, derartiges zu sagen. — In Wiesbad en ist Stadt- und Bezirksrabbiner Dr. Silberste'in in die Schuldeputation gewählt und von der Regierung bestätigt worden. — In Emmendingen ist der Kantor Moritz Goldberg im Alter von 48. Jahren gestorben. Derselbe hat es verstanden, während seiner zehnjährigen Wirksamkeit sich die Liebe und Achtung seiner Gemeinde zn erwerben. — In Thiengen ist der Stadtrat S. H. Bern heim am 24. v. M. gestorben. Er war 24 Jahre lang Vorsteher der Gemeinde und feit 22 Jahren Stadtrat. — Der Artilleriehauptmann Ernest Picard in Paris wurde zum Vorsteher der historischen Sektion des Generalstabs ernannt. Er nimmt also dieselbe Stellung ein, die Alfred Drehfus bekleidete, als das verbrecherische Komplott gegen ihn geschmiedet wurde. — An; 6. d. M. fand die feierliche Einführung des neuen Großrabbiners von Frankreich, Alfred Levy„ in sein Amt in der Synagoge de Ja rue Victoire in Paris statt. — Eine traurige Nachricht kommt ans Warschau: Auf Anordnung des Ministers des Innern wurden die Filialen der jüdischen' Ansiedlungsgesellschaft, die dort ihren Hauptsitz hat, in allen Großstädten Polens und Rußlands geschlossen. — In Minsk-Litowskij ist die seit mehreren Jahren bestehende landwirtschaftliche Schule für Juden geschlossen worden, weil die jüdische Kolonisationsgesellschaft „Jca", die sie unterhielt, zu der Ueberzeugung gekommen ist, daß die Anstalt trotz der bedeutenden Summen, die für sie verwendet werden, nicht den erhofften Nutzen bringt. — In Wilna ist der bekannte hebräische Schriftsteller Schulinspektor Josna Steinberg im 69. Lebensjahre gestorben. Er war eine Autorität auf dem Gebiete des Unterrichtswesens und hat viele Schriften darüber verfaßt. — Wie dem Hilfsverein der deutschen Juden aus Kiew depeschiert wird, nehmen in Kiew die Ausweisungen der Juden, die ihr Wohnrecht nicht Nachweisen können, immer mehr zu. Freitag Nacht nahm die Polizei dort wieder massenhafte Haussuchungen vor, bei denen 84 Juden verhaftet und aus der Stadt verwiesen wurden. — Die Jüdische Bildungsgesellschaft in Petersburg, die schon seit vielen Jahrzehnten eine umfassende Wirksamkeit unter den russischen Juden entfaltet, hat kürzlich neue Statuten ausgearbeitet, um ihre Tätigkeit auf eine breitere Grundlage zu stellen. Diesen Statuten wurde jedoch vom Petersburger Magistrat die Legalisierung versagt, weil darin den Bevollmächtigten der Gesellschaft gestattet ist, sich an öffentlichen Versammlungen zu beteiligen. — Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält die telegraphische'Nachricht, daß die Uebergriffe des KaiMakam von Jaffa sehr schnell ihre Sühne gefunden haben. Die bereits gemeldete Absetzung des schuldigen Kaimakam bestätigt sich. Am Donnerstag erhielt der Chacham Baschi vom Sultan die. offizielle Mitteilung von der Absetzung. Der Sultan entbot gleichzeitig den Juden seinen Gruß und drückte ihnen seine Sympathie aus. — Rechtsanwalt Morris Alexander in Kapstadt, Schwiegersohn des Professors Schechter in New Uork, ist zum Mitglied des: Parlaments gewählt worden.