Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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zur Genüge bekannt. Von einem Siege des orthodoxen Judentums kann also in keiner Weise gesprochen werden. Und ebensowenig weiß heute schon jemand,, welchen positiven: Erfolg dieser Wahlausfall haben wird. Sollte er aber dazu beitragen, in der unzweifelhaft , vorhandenen liberalen Majorität in Baden eine Stärkung ihres Pflicht- - bewußtseins unfeine lebhaftere Teilnahme für die Angelegenheiten der Gemeinschaft zu erzeugen, so könnten gerade wir denselben nur willkommen heißen. GesterreichMnssrn. Wien, 23. März. Die Aktion zugunsten Leopold Hilsners hat einen glänzenden Verlauf genommen. Die Rede des Advokaten Dr. Ellbogen fand nicht bloß rauschenden Beifall, sondern sie erregte die Gemüter auf das tiefste und wird sicher eine große Wirkung üben. Auch die andern Reden fanden einen guten Boden. Kein Zweifel, das Gnadengesuch an den Kaiser zugunsten des seit neun Jahren unschuldig im Kerker Schmachtenden wird nicht erfolglos sein.— In hiesigen jüdischen Kreisen bildet gegenwärtig der Austritt einer Frau aus dem Judentum das Tagesgespräch. Die Witwe eines bekannten Koscherwurstfabrikanten hat, nachdem sie ihre Fabrik verkauft hatte und ihre Söhne ihr ins.Christentum vorangegangen waren, im Alter von 60 Jahren nun selbst dem Judentum und den „koscheren" Würsten den Rücken gekehrt. Wie muß es um das „Kaschrus" der Würste bestellt gewesen sein, die aus der Fabrik einer Frau hervorgegangen sind, der das ganze Judentum, . nachdem sie von ihm nicht mehr zu leben braucht — „Wurscht" ist, wie der Wiener sagt? — Der ungarische Ackerbauminister hat dem mit dem Titel und Charakter eines Oberchemikers bekleideten königlichen Chemiker Salomo n Szekelh zum königlichen Oberchemiker beim Chemischen Landesinstitut und bei der Chemischen Zentral- Versuchsstation in Budapest ernannt. — Der Großgrundbesitzer Dr. Hermann Fischer in Czernowitz hat aus Anlaß des 60jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers den Betrag von 500000 Kronen für die Errichtung eines Kinderspitals in der Landeshauptstadt Czernowitz. gespendet. Van Kah und firn. — Im Jahre 1906 wurden im Deutschen Reich nach der Zusammenstellung des Vierteljahrshefts zur Statistik des Deutschen Reichs im ganzen 498990 Ehen geschlossen (1905: 485 906). In 452481 Fällen wurde die Ehe zwischen Personen gleichen Religionsbekenntnisses geschlossen, und zwar waren beide Eheleute in 297 309 Fällen evangelisch, in 150 350 Fällen katholisch und in 4080 Fällen israelitisch. Mischehen wurden 46 509 oder 9,3 W.H. eingegangen, davon 44 068 zwischen Evangelischen und Katholiken. — Den Privatdozenten in der medizinischen Fakultät der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin Dr. Heinrich Grabower und Dr. Albert Albu ist das Prädikat Professor beigelegt worden. — Herr Rechtsanwalt Baruch ist zum Kreistagsmitgliede des Zniner Kreises gewählt worden. — Der Tischlermeister Richard Streich in' Misdroy verkaufte sein Villengrundstück an die jüdische Ferienkolonie aus Berlin für den Preis von 27 000 Mark. Die Käuferin erwarb gleichzeitig die danebenliegende Grundstücksparzelle der Dr. Os-. waldschen Erben für 2000 Mark zwecks Verwendung als Spielplatz. — Am 15. d. M. ist in Berlin Herr Jakob Oliven verstorben. Der Heimgegangene, ein Schwager des Herrn Julius Schottländer, hatte lange Jahre in Breslau das Amt eines Mitgliedes der Synagogenkommission der Alten Synagoge verwaltet. — Am 20. d. M. ist in Czarnikan der ^Porsteher der jüdischen Gemeinde Gumpert Cohn im 78. Lebensjahre gestorben. — Am 20. d. M. ist in Münster i. W., wohin er sich seit einigen Jahren zurückgezogen, Herr Herz L. Hirschland im 68. Lebensjahre gestorben. Derselbe war in Essen, seiner Heimat, lange Jahre hindurch Vorstandsmitglied der Gemeinde und vieler Vereine. Er war ein braver und glaubenstreuer Jude. Ehre seinem Andenken! — Der ordentliche Professor für das Jngenieurfach an der Technischen Hochschule zu Darmstadt, Geheimer Baurat Dr.-Jng. Theodor Landsberg, wurde auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzt. — In Mannheim ist , der Medizinalrat Dr. Alfons Meermann gestorben, bekannt als hervorragender Frauenarzt und als Gründer des dortigen Wöchnerinnenasyls.— Der Kaiser hat dem Kommerzienrat Moriz Kirchdörfer in München und dem Königlichen Stabsarzt der Reserve und 1. Vorstand der israelitischen Gemeinde Dr. Berthold. Eisenstädt in Pappenheim die Südwestafrika-Kriegsdenkmünze verliehen. Dr.. Eisenstädt konnte sich dieser Auszeichnung leider nicht mehr erfreuen. da er vor drei Wochen plötzlich verstarb. — In Miskolcz (Ungarn) ist der Oberrabbiner Meyer Rosenfeld im 78. Lebensjahre gestorben. — Eine Erbschaftssteuer von zwei Millionen Franken verlangt die Stadt Genf, von den Erben der letztes Jahr in Genf verstorbenen Baronin Adolf Rothschild. Ihr in Gens gelegenes Vermögen soll sich aus etwa 70 Millionen Frank belaufen haben. — Das Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle in Paris hat nach Mekues (Marokko), wo die Lage der Juden als äußerst mißlich dargestellt wird, 2000 Franken telegraphisch überwiesen. — In R o m ist Comm. Marco Alatri, einer der bekanntesten und angesehensten Männer des Staates und der jüdischen Gemeinde, vor kurzem gestorben. Er hat für die Juden in Rußland und Rumänien verschiedentlich bei Regierungen und Behörden zu intervenieren versucht. — Der Board of Deputies in London will dem Kabinett ein Memorandum, betreffend die Einwanderungsbill, überreichen und hat zu diesem Zwecke die jüdischen Abgeordneten um ihre Unterschrift ersucht. Elf haben diese gegeben; einer hat überhaupt nicht geantwortet, und zwei haben abgelehnt, weil die ganze Frage keine konfessionelle sei. — Der Kampf gegen die barbarischen Formen des Judeneides erregt in Jassy die Gemüter. Oberrabbiner Dr. I. Niemirower verweigert nach wie vor die Funktion bei solchem Eide. Der Friedensrichter verurteilte ihn zu einer Geldstrafe, wogegen er Rekurs erhob. Der Tribunalspräsident forderte ihn auf, ein Memorandum in dieser Frage zu übergeben. Wie die Tageszeitungen melden, drohte der Staatsanwalt mit einem Strafantrag wegen Rebellion und Landesverweisung. Aber Dr. Niemirower läßt sich nicht einschüchtern, und die Judenschaft des Landes hofft, daß beim Kassatronshof ein günstiges Urteil wird zu erlangen sein. — Jüdische Hochzeiten in öffentlichen Festsälen werden in Warschau jetzt nahezu regelmäßig von der Polizei heimgesucht. Alle Gäste, die keine Ausweispapiere mithaben, werden verhaftet; es sind auch Fälle vorgekommen, wo selbst die Brautleute aus diesem Grunde verhaftet wurden. — Auf der letzten Versammlung des Vollzugsausschusses der Warschauer Zionisten wurde sestgestellt, daß in diesem Jahre bis Ende Februar in ganz Rußland und Polen nicht mehr als etwa 1000 Rubel Parteifonds beigetragen worden sind! — Wie aus Alexandrien berichtet wird, weilt Baron Edmund Rothschild gegenwärtig in Aegypten, um die auf seine Kosten vorgenommenen Grabungen, von denen eine große jüdisch-archäologische Ausbeute erhofft wird, selbst zu überwachen. — Aus Anlaß der Brandkatastrophe, durch die in dem meist von armen Juden bewohnten KonstantinopelerVorortviertel Hasköi 500 Häuser vernichtet und mehr als 1000 Familien obdachlos wurden, hat auch das Zentralkomitee der Alliance Isra61ite Universelle unverzüglich eine umfassende Hilfsaktion in Konstantinopel organisiert. Mit der Leitung ist das dortige Alliance-Komitee betraut, worden, dem das Zentralkomitee zur Linderung der ersten Not bereits zehntausend Franken telegraphisch überwiesen hat. Ein Teil der Obdachlosen ist vorläufig in den Schulgebäuden der Alliance, die keine Beschädigungen erlitten haben, untergebracht worden. — Aus Jaffa berichtet ein Telegramm des Hilfsvereins der deutschen Juden: Während einer Feier des. jüdischen Purimfestes (17. d. M.) überfielen aus Befehl deS Kaimakams Polizei und Soldaten die jüdische Herberge in Jaffa und verwundeten 13 Juden, darunter mehrere schwer. Die Bevölkerung ist zwar einstweilen noch ruhig; doch werden weitere Ausschreitungen des Kaimakams befürchtet, wenn nicht die Konstantinopeler Zentralbehörde gegen diesen Beamten einschreitet. — Rev. Emil G. Hirsch in Chicago hat von der Universität in Philadelphia den Titel eines Dr. juris honoris causa erhalten. — Interessieren dürfte es, daß der siamesische Post- und Telegraphenminister ein deutscher Jude namens Th. C oll mann ist. So berichtet die „Bangkoker Deutsche Zeitung", Nr. 34 vom 4. November 1907.