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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Oberst Karl Heule, der sich aber allerdings bei seiner Verabschiedung als Oberst infolge Heirat noch taufen ließ! — Kürzlich wurde im Finanzausschuß des bayerischen Landtages die Petition der israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würz bürg behufs eines Staatszuschusses behandelt. Die Petition wurde zur Würdigung an das Plenum der Kammer hinüber gegeben. Sie hat also Aussicht auf Annahme. Interessant war die Erklärung' des bayerischen Kultusministers,- daß jüdische Schüler in christliche Lehrerbildungsanstalten auf Wunsch ausgenommen werden! — Bei der letzten Beratung des Gemeindehaushaltplanes wurde vom Gemeindebevollmächtigten Wagner (Antisemit) die Anfrage gestellt, ob es wahr sei. daß mit Rücksicht auf einige israelitische Kinder in der Schwanthalerschule das Ave Maria nicht gebetet worden sei. Die vom Magistrat sofort eingeleiteten Erhebungen ergaben, daß die ganze Geschichte sich als eine plumpe Erfindung darstellt! Aus dem Berichte des geistlichen Bezirksschulinspektors H. Köck geht hervor, daß sich die ganze Anschuldigung (die von der ultramontanen Presse natürlich wieder zu gehässigen Ausfällen gegen die Schulverwaltung beziehungsweise den Magistrat benutzt wurde) „auf die höchst zweifelhafte Aussage eines Kindes der unteren Klasse" (im Alter von sechs bis sieben Jahren!) stützte. In der Konferenz des Lehrerpersonals dieser Schule wurde ausdrücklich konstatiert, daß diese Beschuldigung grundlos erhoben worden sei. Oesterreich-Ungarn. . A Wien. 8. März. Unsere Antisemiten entpuppen sich immer mehr. So meldet die „Wiener Allgemeine Zeitung", daß vor drei Tagen gegen den Wiener Vizebürgermeister, den Abgeordneten Dr. Josef Porzer, als Advokaten Anzeige beim Disziplinarrat der Advokatenkammer erstattet wurde, wegen des Verdachtes standeswidrigen Vergehens durch gleichzeitige Vertretung beider Streitenden. Es ist die Frage, ob Porzer als Abgeordneter in diesem Falle durch die Immunität geschützt sein wird. — Für die Begnadigung Leopold Hilsners macht sich in angesehenen Kreisen eine lebhafte Bewegung geltend. Die Versammlung, von der ich Ihnen jüngst schrieb, findet deshalb erst am 18. d. M. statt; zu ihr ladet ein Komitee ein. das klangvolle Namen aus den Kreisen der Aristokratie, des höheren Beamtentums und der Wissenschaft aufweist. — Am vorigen Freitag ist hier ein Mann gestorben, der in Norddeutschland bekannter war als in Oesterreich: Dr. L. Sternheim aus Hannover. Er war der eigentliche Begründer der orthodoxen Separatgemeinde in Berlin. In den letzten Jahrzehnten führte er ein Wanderleben. Bald war er in Jerusalem, bald' in.London, wo er eine Jeschiwah nach altem Muster zu gründen versuchte. Endlich hat er hier nach mannigfachen Schicksalsschlägen Ruhe gefunden. Alle, .die seinen ehrlichen Eifer für das Judentum und sein gutes Herz kannten, werden ihm ein treues Andenken bewahren. — In S. A. Ujhelh (Ungarn) ist im Alter von 80 Jahren der frühere Rabbiner und Schuldirektor Israel Singer gestorben, der sich durch verschiedene pädagogische Werke einen bekannten Namen gemacht. In früheren Jahren war er ein regelmäßiger Mitarbeiter der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Ehre seinem- Andenken! . Vun MH und ssern. — Zu Handelsrichtern wurden ernannt: der Verlagsbuchhändler Emil Mosfe, der Brauereidirektor Leopold Salomon, wiederernannt: der Rentier Oskar Rathenau, der Fabrikbesitzer Jakob Weinberg, die Kommerzienräte Jacques Mühsam und Hermann Bamberg, der Bankier Julius Neuberg-bei dem Landgericht I in Berlin. — Der Privatdozent der Chemie'an der Universität Berlin Di\ Franz Sachs hat den Professortitel erhalten. — Dem Sanitätsrat Dr. Simon Dav idfohn wurde der Rote Adlerorden 1Y. Klasse verliehen. — Anläßlich der Hochzeitsfeierlichkeit für den Fürsten von Bulgarien ist bei der Festvorstellung im Hoftheater zu Gera-Reuß dem Kunstmaler Bernhard Salomon. Chef der Firma Georg Hartwig 8c Co., Königlicher Hofdekorationsmaler, Charlottenburg, 'der bulgarische National-Verdienst-Orden mit der Krone verliehen "worden als besondere Auszeichnung für dessen Bühnenbilder.-Der Konsul Julius S a m elf on, Chef des Bankhauses gleichen'Namens, istnach längerer Krankheit, hier im 66. Lebensjahre am 4.' d. M. gestorben. — In Fürsten Walde ist am 4. d. M. der Kaufmann Gustav St ein b erg gestorben, der viele Jahre hindurch Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde war. — Am 8. d. AU ist in Berlin Herr Louis Jacobi gestorben, der 40 Jahre lang Vorsteher der Synagogengemeinde und seit 20 Jahren Stadtverordneten vorsteh er in Lautenburg gewesen ist. Bei seinem Scheiden aus dieser Stadt wurde er zum Ehrenbürger ernannt. — Generaldirektor Ball in in Hamburg ist der Kronenorden I. Klasse verliehen worden. Er dürfte wohl der erste Jude sein, dem diese Ordensdekoration zuteil wurde. — In Büsum hat die Badekommission den Antrag des Badebereins, das Bad als deutsches Bad in den Prospekten zu bezeichnen, um jüdische Gäste fernzuhalten, ab gelehnt. — In Mannheim ist Herr I. Moritz Bielefeld im 94. Lebensjahre verschieden. Lange Jahre war er Mitglied des Synagogenrats und bis zuletzt Ehrenmitglied der Alliance Isra£lite Universelle. Mit ihm ist ein alter 48 er zu Grabe getragen worden. — Dem Kommerzienrat Adolf Ottenheimer in Stuttgart ist die Karl-Olga-Medaille verliehen worden. — In der Synagoge zu Stuttgart wurde ein Einbruch verübt. Dabei wurde der Opferstock zerbrochen und seines Inhalts beraubt. Der Täter ist ermittelt und sestgenommen worden. — Die in Wien verstorbene Sängerin Pauline Lucca wurde daselbst 1841 als das Kind jüdischer Eltern geboren. Wann sie zum Christentum übergetreten, ist wohl kaum noch mit Sicherheit sestzustellen. Ihr Oheim, der Badearzt Dr. Samuel Benedikt Lucca aus Prag, ist 1890 in Wien noch als Jude gestorben. — Bekanntlich hat sich im vorigen Jahre in Rußland ein Konsortium, bestehend aus Schriftstellern und Finanziers, zum Zwecke der Herausgabe einer jüdischen Enzyklopädie in russischer Sprache gebildet. Wie der „Fraind" zu melden weiß, wird der erste Band dieses groben Werkes bereits in diesem Monat im Druck erscheinen. — Den Vorstehern der Privatschulen mit Oeffentlichkeitsrecht in Warschau wurde vom Schulkuratorium bekanntgegeben, daß zu Beginn des neuen Schuljahres die Anzahl ihrer jüdischen Schüler, die jetzt etwa 60 v. H. beträgt, auf 30 v. H. zu beschränken ist. Gleichzeitig werden in den staatlichen Mittelschulen Maßregeln eingeführt werden, um die Zahl der jüdischen Schüler in ihnen auf 10 v. H. zu vermindern. — Die Verhaftung und Ausweisung des jüngst zum Vorsteher der jüdischen Gemeinde Marsch au gewählten Arztes Dr. Siegmund Bychowski soll, wie es heißt, deshalb erfolgt sein, weil er einem journalistischen Ausfrager gesagt hat, er werde die Gemeinde, so weit wie möglich, demokratisieren und die allgemeine Schulpflicht einzuführen suchen. — Das Finanzministerium fragte beim Warschauer Börsenkomitee vertraulich an, ob es der Ansicht sei, daß eine Erweiterung der Judenrechte auf kommerziellem Gebiete eine Hebung des Handels und der Industrie Rußlands im Gefolge haben würde. Die Antwort des Wörsenkomitees lautete bejahend und befürwortend. — In Lomza herrscht unter der jüdischen Bevölkerung infolge von Verhaftungen und Hausdurchsuchungen Aufregung und Schrecken. In den letzten Tagen wurden dort 15 ältere und angesehene Bürger verhaftet. Die Ursache ist unbekannt. .— Aus Grodno wird dem Tageblatt „Unser Leben" berichtet, daß dort alle Schüler und Lehrer der erst unlängst gegründeten jüdischen pädagogischen Kurse verhaftet worden sind. Diese Kurse, die mit Bewilligung der Behörden eröffnet wurden, sollten Lehrer für die jüdischen Elementarschulen ausbilden. — Anläßlich feiner goldenen Hochzeit spendete der Bankier H. Brodski in Odessa 19000 Rubel für verschiedene Zwecke, darunter 5000 Rubel zugunsten der christlichen Volksschulen, die bekanntlich keine jüdischen Schüler annehmen! — Der Hilssdolmetscher bei dem französischen Konsulat in Casablanca, Jachja Zagoury, hat vom Ministerium des Auswärtigen eine goldene Medaille als Auszeichnung für den Mut und die Energie erhalten, die er während der letzten Kämpfe dort an den Tag gelegt hat. — Die „Jewish Agriculturists Aid Society of America“ (Gesellschaft zur Förderung des Ackerbaus unter den Inden in Amerika) hat eine neue Aktion zur Förderung des Ackerbaus unter den Juden eingeleitet. Sie kaufte in Süd-Kalifornien ein großes Stück Land, welches sie durch Juden bebauen lassen will.

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