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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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der Säugling von kurzer Lebensdauer oder der Greis, der nicht die volle Lebenszeit erreicht hat; wer iung stirbt, soll hundert Jahre alt sein und selbst den Sünder soll das Strafgericht als Hundertjährigen treffen. Denn wie die Lebenszeit der Bäume sollen die Tage meines Volkes sein, und was ihre Hände geschafft, sollen vollauf genießen meine Auserwählten." Die Verheißung des Propheten, so führte der Redner aus, war'unser aller Wunsch während der Errichtung dieses Gebäudes, aber als sich die Pforten zum erstenmal uns öffneten, da ward uns zum Bewußtsein, daß der Tod sich noch an keine Altersgrenze bindet, und so beklagen wir an dieser Stätte als sein erstes Opfer eine noch vor wenigen Tagen in voller Rüstigkeit schaffende Frau, die nicht „den vollen Lohn genossen" für ihr Wirken im Hause als Gattin und Mutter, in der Gemeinde an Kranken, Sterbenden und Verstorbenen, aber doch ihre zwei Kinder zu Jüngling und Jungfrau heranblühen sah. Wie Millionen von Menschen Trost gefunden haben in den auf der Spitze des Gebäudes in Stein mit Gold eingezeichneten Worten Hiobs: „Der Ewige hat gegeben, der Ewige bat genommen, der Name des Ewigen sei gepriesen!", so mögen für alle Zeiten, auch wenn das Schicksal noch so hart erscheine, die Trauernden an dieser Stätte Tröstung und Aufrichtung finden. Die Trauerhalle, im spätromanischen Stile gehalten, ist ein geschmackvoller stattlicher Bau, dessen Kosten sich auf zirka 38000 Mark belaufen und sämtlich von der Stadtgemeinde getragen werden. Außer den für dieAufbahrung, BewachungundritnelleReinigung nötigen Zellen ist auch ein den Religionsvorschriften entsprechender Raum für die Kohanim angebaut, in dem auch die Kanzel steht, da auch der Rabbiner Kohen ist. Die wohlwollende Berücksichtigung aller auf den religiösen Vorschriften beruhenden Wünsche seitens der Stadtvertretung und andererseits die maßvollen Anträge des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde im steten Zusammenwirken mit den: Rabbiner hat hier eine den Verhältnissen und den Anschauungen der jüdischen und christlichen Bevölkerung entsprechende glückliche Lösung der für jede Religionsgemeinde schwierigen Friedhofsfrage gefunden. Nicht konfessionslos, sondern interkonfessionell ill der Kommunalfriedhof in Gießen; keine Konfession machte der anderen Zugeständnisse, sondern jede erhielt, was dem Herkommen und ihrem religiösen Empfinden entspricht. Oesterreich-Ungarn. A Wien, 12. März. Heute abend findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Vereins eine große Versammlung statt, in welcher Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Friedr. Elbogen über die eingeleitete Aktion zur Begnadigung Hilsners sprechen wird. Die Einberufer der Versammlung waren Professor und k. k. Militärsuperintendent i. R. Dr. I. Seberrinyi, Graf Arthur Desfours-Walderode, Fideikommißherr (Bodenstad i. M.), Baronin Bertha Suttner, Gräfin Franziska Sermage-Wurmbrand (Gonobitz), Gräfin Pötting (Prag), Freiherr von Pußwald, Eugen von Miller zu Aichholz, Präsident der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Universitäts- Professor Dr. Ed. Sueß, Universitäts-Professor Hofrat Dr. E. Mach. Universitäts-Professor Dr. Friedr. Jodl und verschiedene andere hervorragende Persönlichkeiten. Nunmehr dürfte die Hilsner-Affäre doch in Fluß kommen. Bei Ihnen in Deutschland wäre sie — wenn sie -überhaupt hätte aufkommen können — sicher längst in dem Sinne erledigt, daß das Recht zu seinem Siege gelangt wäre. Bei uns verhindert das der allmächtige Einfluß der Christlich-Sozialen und Klerikalen. — Einer der hervorragendsten Vertreter der heiligen Hermandad, der Chef des Sicherheitsbnreans — oder, wie es in Berlin heißt, der Kriminalabteilung — der Wiener Polizeidirektion, in der alle Fälle des weitgespannten Polizeidienstes zusammenlaufen, Polizeirat Moritz Stuckart, ist in Anerkennung seiner im allgemeinen hervorragenden, im einzelnen geradezu stupenden Leistungen 3um Regierungsrat befördert worden. Diese Nachricht wird auch in Berlin schon aus dem Grunde interessieren, weil das Wiener Sicherheitsbureau, welches Regierungsrat Stuckart. seit einem Jahrzehnt leitet, in dieser Zeit wiederholt in die Lage kam, auch in wichtigen Kriminalfällen, deren Schauplatz im Deutschen Reich war, mit Erfolg zu intervenieren. Ihr früherer Polizeipräsident v. Borries, als er vor etwa zwei Jahren zu Studienzwecken in Wien weilte, konnte nicht genug Worte der Anerkennung für die Organisation des Sicherheitsbureans finden. Regierungsrat Stuckart ist ein Polizeimann von allermodernstem Stile.' Regierungsrat Stuckart genießt auch in den gesellschaftlichen Kreisen Wiens ein besonderes Ansehen. Was aber für Sie gewiß das interessanteste ist — er ist ein guter Judef - Dem Reichstagsabgeordneten Dr. S. Visontai in Budapest ist der Titel eines königlich ungarischen Hofrates verliehen worden. Mn Kah und jfrrn. In der Irrenanstalt Dalldorf wurden 1905 unter 1419 Männern 540 oder 38 Prozent mit Alkoholismus ausgenommen. Bei den Juden waren unter 48 Aufnahmen 4 mit Alkoholismus oder 8.3 Prozent, eine immerhin recht beträchtliche Prozentzahl. — Am 27. d. ist hier im 73. Lebensjahre der Kommerzienrat Ludwig Lehmann, früher Inhaber der Woll- und Plüschwarenfabrik Aktiengesellschaft Berlin- Rummelsburg, am 28. b. der Konsul Gustav Levin, am 29. v. M. der Fabrikbesitzer Jacob Philippsohn, Mitglied des Vorstandes der Resormgemeinde, am 1. d. M. der Kommerzienrat Heinrich Buch holz im 73. Lebensjahre gestorben. — Der Kaufmann Adol f Sternberg, Seniorchef der Futter- und Düngemittelhandlung S. Sternberg in Breslau, wurde zum Kommerzienrat ernannt. — Dem braunschweigischen Landtag ist eine Vorlage betreffs Aenderung der Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden zugegangen. Bericht darüber folgt. — Dem Lehrer Moses Brandes an der israelitischen Schule in Oberaula, Kreis Ziegenhain wurde der Adler der Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohenzollern verliehen. — Nach einer Mitteilung in der Karlsruher Zeitung finden die Wahlen zur Synode am Sonntag, den 15. d. statt. — Unter den bayerischen Generalärzten haben wir auch den jüngst in Freiburg verstorbenen Generalarzt Dr. S. Kuznitzky erwähnt. Derselbe war aber tatsächlich der einzige Königl. Preuß. Generalarzt bei der preußischen Heeresverwaltung. — Der bekannte Gelehrte Mo'ise Schwab wurde zum Präsidenten der Looiece des Etudes uives gewählt. — In Amsterdam ist Dr. L. B. P erel, der früher ein jüdisches Blatt für Holland herausgegeben, gestorben. — Der Senator Baron Alb erto Treues de Bonfili in Venedig hat das Kommandeurkreuz des Ordens von St. Mauritius und Lazarus erhalten. — In Turin ist Frau Camilla Sacerdote gestorben; sie hat die dortigen jüdischen Wohltätigkeitsinstitute in ihrenr Testament reich bedacht. — Der Erfinder der atmosphärischen Eisenbahnen, das heißt derjenigen, bei denen der Druck der. Luft die bewegende Kraft bildet, war ein Jude, der Maschinist Jacob Samuda, was gewiß nur wenigen bekannt ist. Derselbe wurde am 24. August 1811 geboren und starb in jungen Jahren am 13.November 1844 in London. — In L om-Palank a, wo vor drei Jahren ein Pogrom stattgesunden hat, wurde gegenüber der Synagoge ein Cafe-Chantant von zweifelhaftem Rufe eröffnet. Die jüdische Gemeinde der Stadt erhob hiergegen beim Ministerium des Innern telegraphisch Einspruch, worauf dieses sofort die Schließung des Restaurants verfügte und Maßregeln zur Verhütung eines Wiederholungsfalles traf. — Die bulgarische Regierung hat jüngst die Annahme eines Gesetzes veranlaßt, das für den jüdischen Religionsunterricht von großer Wichtigkeit ist. Danach müssen nämlich die Erzieher jedes jüdischen Kindes, das eine christliche Schule besucht, künftighin den Nachweis) erbringen, daß dasselbe privaten Religionsunterricht empfängt. Das neue Gesetz wird für die jüdische Bevölkerung von um so größerer Bedeutung sein, als in Sofia allein 365 jüdische Kinder, beiderlei Geschlechts die höheren Schulen besuchen.. ohne dort irgendwelchen Religionsunterricht zu erhalten. — Der neulich zum Vorstand der jüdischen Gemeinde in Warschau gewählte Arzt Dr. Bychowsky wurde am 26. v. M. verhaftet, gleich darauf jedoch mit der Weisungfreigelassen, binnen drei Tagen das Land zu verlassen. — Am 11. v. M. gelangte in Dünaburg vor der Delegation des Mitauer Bezirksgerichts der Prozeß gegen zwanzig Angeklagte, meist bäuerlichen Standes, wegen eines im kurischen Griwa inszenierten Judenpogroms zur Verhandlung. Das Bezirksgericht verurteilte acht der Angeklagten zu einem Jahr Gefängnishast, zwei Angeklagte zu zehn und einen Angeklagten zu acht Monaten Gefängnis, sowie sämtliche Verurteilte zum Schadenersatz. , . , ..... . . ,.

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