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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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zu haben. DerÄame des Direktors ist Nos ent h a l. Die Verhaftung erfolgte, auf Grund der Anzeige der Mutter eines Knaben, der infolge des Umgangs mit Nosenthal erkrankte." Eine ähnliche Notiz soll in der „lUdre Parole" gestanden haben. Die „^IllsneelsraLIite" stellt nun fest, daß sie in Paris überhaupt kein Pensionat zur Unterbringung jüdischer Waisenkinder habe. Daß ein Rosenthal in Paris als Direktor eines Knabenpensionats fungiert, sei entschieden falsch. Daß ein Nosenthal unter der in der «Neuen Bayerischen Landeszeiturig" hervorgehobenen Beschuldigung stehe, möge an und für sich wahr sein; außer in der „l-ibre Parole“ hat aber davon nirgends in einer anderen Zeitung gestanden. Jedenfalls hat die Alliance mit diesem Rosenthal, wenn er überhaupt existiert, nichts gemein. Gesterreich-Angarn. □ Wien, 24. Februar. Das Sündenregister unserer Großen wird immer umfangreicher. Baron Nathaniel Rothschild hat für eine Nervenheilanstalt 20 Millionen Kronen testiert.. Die antisemitische Presse hat den schönen Anlaß benützt, um ihren Leuten zu zeigenwieviel Geld die Juden haben, und veröffentlicht jetzt die Proteste aller Wiener Bezirke, in denen Baugründe in Betracht kommen, gegen die. Errichtung der „jüdischen" Heilanstalt. Franziska von Wertheimstein hat der Stadtgemeinde ein Millionenvermögen hinterlassen; die entlassenen jüdischen Beamten der übernommenen Elektrizitäts-Gesellschaft mögen ihr die Antwort darauf sagen. Ignaz Singer hat ein großes Stipendium für Lehrer errichtet; seit einem Jahrzehnt bekommt das Stipendium nicht einmal ein liberaler Lehrer, geschweige denn ein jüdischer. So benutzt denn nun auch Carmen Sylva jetzt die Presse zugunsten ihrer Blindenanstalt und appelliert mit ausdrücklichen Worten an die Großherzigkeit der Juden; vor zwei Jahren benützte sie die antisemitische Presse zu publizistischen Feldzügen gegen die Juden ihres Landes. An der Universität, in der Verwaltung der Gemeinde befindet sich eine stattliche Anzahl von liberalen Stiftungen, die nur Antisemiten zufallen. So stärken die Juden auf Umwegen ihre erbitterten Feinde, so wird der Widersinn zur Tatsache, daß durch jüdisches Geld die jüdische Armut vergrößert wird. Ja, noch mehr! Zu Anfang dieses Monats wurde ein „Lustiger Wiener Sonntag zugunsten der katholischen Presse", das heißt also, zugunsten der vom Piusverein gegründeten antisemitischen Zeitungen, zu denen auch die „Reichspost" gehört, veranstaltet. Man sollte es wohl als selbstverständlich ansehen, daß ein Jude bei einer solchen Veranstaltung absolut nichts zu suchen, geschweige denn, daß sie von einem Juden gefördert zu werden habe. Im Palais Rothschild war man anderer Anschauung. Baron Louis von Rothschild hat es aber mit seiner exponierten Stellung und seinem Judentum für vereinbar gehalten, dem großen Arrangierungskomitee dieser Veranstaltung „zugunsten der katholischen Presse" seinen Namen und auch sein Geld zur Verfügung zu stellen. Und der Dank der Antisemiten an Rothschild blieb auch nicht aus. Prompt erschien im „Kikeriki" vom 6. d. M. die echt antisemitische Quittung. Dort ist ein Bild abgedruckt, das den schmeichelhaften Titel „Der-Tanz ums goldene Kalb" trägt. Man sieht das Medaillonbild des Baron Louis Rothschild, um welches die Säulen des Piusvereins, Graf F. Vetter, Gräfin Welsersheimb, Gräfin I. Bellegarde, Graf A. Pallavicrni, Gräfin M. Bellegarde und der junge Graf Goluchowski, in lustigen Reigen tanzen. Und unter diesem Gruppenbild ist fettgedruckt der folgende Text zu lesen: „Einer der hervorragendsten Arrangeure des „Lustigen Wiener Sonntag" für die katholische Presse war Baron Louis Rothschild!" Vvn Osh und ssern. — Kommerzienrat Dr. Eduard Simon, Mitinhaber der Firma Gebrüder Simon, wurde zum Geheimen Kommerzienrat ernannt. — Der langjährige Kreisarzt Geheimer Medizinalrat Dr. B a er ist am 24. d. M. nach längerer Krankheit gestorben. Am 26. Dezember 1834 in Filehne geboren, war er zunächst als Kreiswundarzt und Arzt beim Zuchthause in Naugard und von 1872 ab als Arzt beim Strafgefängnis in Plötzensee tätig. 1879 wurde er als Bezirksphysikus in Berlin angestellt; im deutschfranzösischen : Kriege 1870/71 erwarb er sich das Eiserne, Kreuz zweiter Klasse. — In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 19. d. M. bat der. Abgeordnete Schröder-Kassel (ntl.) nochmals in Erwägung zu ziehen, ob man nicht in Kassel jüdische Schüler als Hospitanten zu der Präparandenanstalt zulassen könnte. Die Errichtung einer eigenen jüdischen Präparandenanstalt würde zu große Kosten verursachen. Eine Antwort ist darauf nicht erfolgt. — Der von orthodoxen Blättern gefeierte Stadtrat Moritz Wolfs in Potsdam war kein Jude. — In Frankfurt a. M. ist am 14. d. M. der emeritierte Lehrer Jacob Eckmann gestorben, der mehr als dreißig Jahre als Lehrer und Kultusbeamter in Nienburg a. W. eine segensreiche Tätigkeit ausgeübt hat. Ehre seinem Andenken! — Die Synagogengemeinde Essen begeht in diesen Tagen eine Jahrhundertfeier. Am 26. Februar 1808 wurde das israelitische Gotteshaus auf demselben Platze eingeweiht, wo vor vierzig Jahren die jetzige Synagoge erbaut worden ist. Am 26. Februar d. I. wird nun der Grundstein zu einem neuen monumentalen Gotteshause gelegt. Die Essener israelitische Gemeinde zählt'heute 2500 Seelen. — Der bekannte Arzt D'r. Benjamin Auerbach in Köln ist zum Sanitätsrat ernannt worden. — In Bendorf a. Rh. hat der vor einigen Tagen verstorbene evangelische Pastor der jüdischen Gemeinde testamentarisch eine Geldsumme hinterlassen. — Nach zweiundeinhalbjähriger Pause ist der schweizerische israelitische Gemeindebund wieder einmal in Qlten zusammengetreten. Es wurde über den Stand der Schächtangelegenheit und die Armenpflege verhandelt. — Zu theologischen Beisitzern des Grand Rabbin de France im französischen Zentralkonsistorium wurden Professor Israel Lävi und Seminardirektor Lehman gewählt. — Der Generalsekretär Forrös in Men de wurde zum Unterpräfekten von Prades ernannt. — In Amsterdam wurde eine Kommission gebildet, die das weitere zur Gründung einer israelitischen höheren Bürgerschule veranlassen soll. Die Kommission wird in drei Monaten ihr Referat vorlegen. — Die einzige 15jährige Tochter Franja des jüdischen Barbiers Widerschall in Warschau wurde vor kurzem von einem Christen namens Nowakowski entführt und in das christliche Waisenhaus nach Milanow gebracht, wo sie getauft werden soll. Alle Bemühungen der unglücklichen Eltern waren bis jetzt fruchtlos. — Der Hilfsverein der deutschen Juden hat gemeinsam mit dem Frankfurter Komitee für die osteuropäischen Juden für die Geschädigten der abgebrannten russischen Städte Razelowo, Uchan, Malati und Rutzki 4250 Mark überwiesen. — Der Kurator des Warschauer Lehrbezirkes forderte von den Direktoren der Staats- und Privatschulen Schülerlisten mit genauer Angabe der jüdischen Schüler, ganz besonders der obersten vier Klassen ein; es ist hierbei auf eine Verminderung der Zahl der jüdischen Schüler abgesehen. — Aufsehen erregt in Lodz die plötzliche Verhaftung von dreißig jüdischen Volkslehrern, sogenannten Melamdim. Da sich diese Leute in nichts hineinmischten und der Politik erst recht fernstanden, ist der Vorgang ziemlich rätselhaft. — Wie jüdische Zeitungen Rußlands berichten, beabsichtigt der Kultusminister Schwarz, der Duma ein neues Projekt vorzuschlagen, das im wesentlichen eine weitere Beschränkung der Aufnahme von Juden in die höheren Schulen enthält. So sollen in Moskau und Petersburg in Zukunft nur je 3 Prozent, in den Provinzschulen 5 Prozent und in Polen und im Ansiedlungsrayon 10 Prozent angenommen werden. — Der Präsident der Odesfaer Abteilung des Verbandes des russischen Volkes, Graf Konownizin, wurde Sonntag vom Zaren empfangen und erhielt von diesem sein Bildnis mit eigenhändiger Unterschrift zum Geschenk! — Auf Grund eines seit lange bestehenden Gesetzes hat der russische Minister des Innern die Wiedereinsetzung der Rabbinerkommission für Rußland ungeordnet. Diese Rabbinerkommission besteht aus einem Vorsitzenden und sechs Mitgliedern. In die Kompetenz der Rabbinerkommission fallen die Entscheidungen über innere geistige und religiöse Fragen der Juden, wie sie das Leben Tag um Tag ergibt. Die Mitglieder der Kommission werden aus der Mitte einer größeren Anzahl von Kandidaten ernannt. Die Juden wählen nämlich aus jedem Gouvernement drei Kandidaten und aus jedem Kreise, der außerhalb der Kompetenz des Generalgouverneurs liegt» je zwei Kandidaten. Die Liste der Wahlberechtigten unterliegt der Genehmigung des Ministers des Innern.

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