Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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72. Jahrgang. Nr. 9 Berlin, 28. Februar 1908. Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonneme n ts-Pr eis:.durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verrriebsst-llrn) bezogen Vierteljahr!. 3 M. rredakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philixpson. VerlSLL-LrxeäitiM: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Mkisiell Nicht bekannt. U Berlin, 25. Februar, nd es ward Frühling, Sommer und Herbst, und es ward Winter, und wieder wurde im Reichstag gefragt, warum denn Juden selbst von den niedrigsten Kommandostellen in der Armee ausgeschlossen würden. Und wieder hörte man die alte, ewig neue und ebenso ewig verständliche Antwort, die darauf yinausläuft, man wisse offiziell nichts davon, daß Juden als solche grundsätzlich von Kommandostellen im Heere ausgeschlossen werden. Wie kommt es nur, daß, was aller Welt bekannt ist, wovon sich jeder leicht sofort überzeugen kann, noch immer offiziell nicht bekannt ist? Gibt es denn gar kein Mittel, das stadt-, staats- und reichsbekannte Geheimnis den offiziellen Behörden zu verraten? Gibt es heute, da man doch so viel spricht, schreibt, druckt, telephoniert und — sogar ohne Draht — telegraphiert, gar keinen Weg, der zuständigen Behörde Kenntnis zu geben von dem, was jedermann, jedes Kind in Preußen ganz gut weiß? Man kann heutzutage doch Taubstumme dahin bringen, daß man sich mit ihnen recht gut verständigt. Blinde, daß sie sich ziemlich zurecht finden können, und es sollte ganz unmöglich sein, die Behörde, just die, die mehr als jede andere die Augen offen und die Ohren steif halten muß und — zu ihrer hohen Ehre sei es gesagt — dies auch in vollem Maße tut, in den Stand zu setzen, daß sie endlich erfahre, was alle Welt daheim und auch im Auslande weiß? Was sich die Kinder in der Schule erzählen und wovon die Studenten auf der Universität mit Vorliebe sprechen, wenn sie die Abneigung gegen die Aufnahme von Juden in ihre Korps und Burschenschaften halbwegs vernünftig motivieren wollen? In verrufenen Vakschischländern freilich weiß man, daß niedere, bisweilen auch höhere, ja sehr hohe Organe des Staates, wenn man ihnen eine entsprechende Anzahl Noten vor die Augen hält, oder wenn ihnen von mächtigerer Seite ein Wink erteilt wird, absolut nichts sehen, und sogar einen Verbrecher nicht ergreifen, auch wenn sie über ihn fallen. In gewissen Ländern kommt es wohl auch vor, daß die höheren Behörden ' den niederen Organen die Order erteilen, jemand zu verfolgen, aber nebenher die Weisung, ihn ja nicht zu erwischen, ihm vielmehr zu fliehen und wie die Pest zu meiden. Offiziell darf ihnen niemals bekannt sein, was sie nicht zu hören, nicht zu sehen, nicht zu wissen geheime Order haben. Aber Deutschland ist ja Gott sei Dank absolut kein solches Land; in Deutschland herrschen ja Gerechtigkeit und Treue, und das Auge des Gesetzes wacht über alle Bürger des'Staates mit gleich warmer Fürsorge. ' -; - Man lacht über die Aerzte, die von Heilung sprechen, von gelungener Operation, auch wenn der Patient an der Krankheit, an den Folgen der Operation gestorben ist, oder die einen Patienten, der sich herausgenommen hat, trotz ihrer gegenteiligen Prognose am Leben zu bleiben, als „wissenschaftlich tot" betrachten, die also offiziell keine Kenntnis nehmen von der Wirklichkeit, wenn diese ihnen nicht in den Kram paßt. Man hat heute keinen Respekt vor jener spanischen ^Majestät, die, wie es heißt, offiziell nicht Kenntnis davon nehmen wollte, daß ihre Beine anbrannten, weil der Lakai, dem es oblag, davon offiziell Kenntnis zu nehmen und das Kohlenbecken zu entfernen, nicht in der Nähe war. Aber über offizielle Persönlichkeiten will und soll man ja doch nicht lachen; vor Behörden soll man doch Respekt haben, und hat ihn auch noch bei uns; dennoch kann man demLachreiz nicht widerstehen, wenn man hört oder liest, daß ihnen offiziell nicht bekannt ist, was sie privatim unbedingt wissen müssen, weil das Nichtwissen geradezu eine Unmöglichkeit ist. Es sei zugegeben, daß manchmal nicht nur für Diplomaten, sondern auch für andere Beamte die Sprache dazu da ist, um die Gedanken zu verbergen, aber die ewige Redewendung. daß offiziell nicht bekannt ist, was sehr wohl bekannt ist, verbirgt ja in Wirklichkeit die Gedanken durchaus nicht. Man weiß jedoch, daß der Person, die da sagt, es sei ihr ein offenes Geheimnis offiziell nicht bekannt, dieses sehr wohl bekannt sein kann oder'ist, wenn es auch nicht aktenmäßig seiner Behörde bekannt gemacht wurde. Dieses ewige „Offiziell nicht bekannt" geht ja noch weit hinaus über das: Quod non est in actis, non est in mundo der Juristen; es bedeutet in Wirklichkeit viel öfter: Quod est in mundo, non est in actis. Zu deutsch etwa: Was auch in der Welt Vorgehen mag, es kommt nicht in die offiziellen Akten. Hat man denn aber an den betreffenden Stellen gar keine Empfindung dafür, daß man durch ein solches sich Taub¬ und Blindstellen alles Offizielle ganz und gar diskreditiert? Man erinnere sich nur, welchen Eindruck es aus das Publikum gemacht hat, wenn in manchen Prozessen festgestellt wurde, daß dem amtlichen Apparat angeblich nicht bekannt war, was in einer Stadt Tausende gewußt haben oder — noch schlimmer — wenn unmittelbar nach einer solchen Erklärung „Offiziell nicht bekannt" das befürchtete Ereignis eingetroffen und auch offiziell konstatiert werden mußte. In den Debatten über den Militäretat hat der Vertreter des beurlaubten Kriegsministers wiederholt erklärt, das 'Militärkabinett sei einer der Häuptpfeiler des Heeres und des Staates und deshalb dürfe an ihn nicht gerüttelt, werden.