Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin,.21. Februar 1908. 72. Jahrgang. Nr. 8. Begründet von Rabbiner ©*• Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Adonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahrs 3 M. Redakteur: Gustav Rarzreles. Alle Zusendungen skr Redaktion und Expedition sind an die Adresse': Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums?, Berlin SW., Jerusalemer Straße -S/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Lur Leachtung. Berlin, 17. Februar, ir erhalten von einer Frau, die an allen Fragen und Sorgen des modernen Judentums den wärmsten Anteil nimmt, die nachfolgenden Anregungen, die sicher in unserem Leserkreise' allgemeines Interesse und wohlwollende .Beachtung finden werden, da sie einen für das Leben des Hauses ungemein wichtigen Punkt erörtern: Die Geschäftslage ist eine ungünstige, wie jedermann weiß, und wir stehen erst am Anfang einer rückgängigen Konjunktur. Unter einer solchen leiden die Juden als Geschäftsleute, die noch viel boykottiert werden und in Zeiten verschärften Wettbewerbs erst recht leiden, verhältnismäßig am meisten. Die Juden sind aber, von Ausnahmen abgesehen, gute Rechner und beginnen zeitig bei wirtschaftlichem Sturm die Segel einzureffeu. „Alle Mann an Bord," heißt es dann in jüdischen Familien. Alle müssen mithelfen, um den Haushalt zu entlasten oder ihm neue Mittel zuzuführen. So müssen in gar vielen nicht nur ärmeren, sondern auch Mittelstandsfamilien alle heran. Sie müssen entweder in der Familie angenommenes Personal ersetzen oder hinausziehen, selbst Geld zu verdienen. Da möchten wir denn den jüdischen Mädchen dringend ans Herz legen, statt in die Fabriken oder Warenhäuser usw. zu gehen, mehr als das bisher zu geschehen pflegt, den Beruf als Dienstmädchen zu wählen. Das Fabrikmädchen verdient nur scheinbar mehr als das im Haushalt beschäftigte. Hier ist das Mädchen in sittlicher und auch anderer Beziehung viel geschützter, und bei der großen Familienliebe der Juden im allgemeinen und der jüdischen Frauenwelt im besondern ist es ganz unsraglich, daß das jüdische Mädchen wenn auch in noch so losem Anschluß an die Familie sich weit wohler fühlen wird als in einer Fabrik und selbst in einem Warenhause. Die Beschäftigung im Haushalte ist zwar wegen der gar zu ausgedehnten Arbeitszeit nicht immer so angenehm wie die Tätigkeit in einem Laden, Bureau oder in einer Fabrik, aber sie ist auch bei weitem nicht so anstrengend. Man lasse sich nicht durch die scheinbar leichtere Arbeit täuschen. Das Mädchen, das den Tag über im Laden stehen und eine launische Kundin nach der anderen bedienen muß, das Fabrikmädchen, das eine eintönige und geisttötende Hantierung verrichtet, wird, wenn es ehrlich ist und sich nicht einer Selbsttäuschung hingibt, gestehen müssen, daß die Beschäftigung im Haushalte dem weiblichen Wesen weit mehr zufagt und auch in vielen anderen Beziehungen, namentlich in hygienischer, viel zuträglicher ist. Wir wissen wohl, daß jüdische Mädchen keine besondere Neigung haben, in den Dienstbotenftand zutreten. Sie sind namentlich heutzutage aus verschiedenen Gründen doch nur auf Stellen bei Juden angewiesen, und — das wissen wir auch — jüdische Frauen nehmen vielfach ungern jüdische Dienstmädchen, weil diese sich nicht so leicht unterordnen — das Gleichheitsgefühl steckt allen zu sehr in Blut und in den Gliedern, und das paßt, so sehr uns persönlich das auch sympathisch ist, den meisten Damen nicht. Diese wissen nichts davon und wollen nichts davon wissen, daß alle Juden „Chawerim“ sind, und haben es nicht gern, wenn ihnen nach einigen Tagen schon das Dienstmädchen vorrechnet, daß sie eigentlich — verwandt seien. Der Großonkel ihrer Urgroßmutter war ein Stiefcousin von der Großmutter der Schwiegermutter der Herrin. Solche genealogischen Betrachtungen und Forschungen haben heute keinen Wert und unterbleiben besser, namentlich auf seiten des dienenden Teils. Aber Not lehrt beten. Die Konjunktur für jüdische Dienstmädchen ist eine günstige. Einmal sind Dienstboten jetzt ungemein rar. Die christlichen Mädchen von Stadt und'Land, ziehen die Fabriken vor. Die jüdischen Damen aber haben mit den christlichen Mädchen oft ihre liebe Not, weil diese mitunter antisemitische Anwandlungen bekommen und dann aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Mußte ja neulich die Frau eines jüdischen Geheimrats von ihrem Dienstmädchen hören: „Bon einem Judenweibe brauche ich mir doch nichts sagen zu lassen!" Wenn das Geheimrätinnen passiert, dann kann man sich leicht die Renkontres am häuslichen Herde in einfacheren jüdischen Familien leicht ausmalen. Wenn also jüdische Damen sicher wären, bescheidene, tüchtige jüdische Dienstmädchen zu finden, dann würden sie .sie in diesen Zeiten der Dienstbotennot gewiß gern nehmen, und beiden wäre geholfen. Der Entschluß, sich dem Dienstbotenberuf zu widmen, müßte aber möglichst bald gefaßt werden, denn es wird nicht lange dauern, dann wird die verminderte Arbeitsgelegenheit der Dienstbotennot ein Ende machen. Wir müssen offen gestehen, daß wir garnicht auf den Gedanken gekommen wären, diesen Vorschlag zu machen, wenn wir nicht in einem amerikanischen Blatte, der „New Hork Times", jüngst gelesen hätten, wie zufrieden man drüben mit jüdischen Dienstmädchen ist. In Amerika ist die Dienstbotennot allerdings noch weit größer als hier. Eine Ehristin hatte in der Not ein jüdisches Mädchen gemietet und schon nach einem Monat war sie des Lobes voll. Das Mädchen drehte die ganze Wirtschaft um, aber alles war dem Hause von Nutzen. „Ich habe," sagte sie unter anderm, „noch nie ein Mädchen gehabt öder gesehen, das sich mit solcher Freude ihrer Arbeit widmete. Mein Mann erwartet schon, daß sie nächstens sein Börsengeschäft umgestalten wird." Eine Schwalbe