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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr. 6. Berlin, 7. Februar 1908. Allgemeine eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 2 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philipxson. VerlSLS-kWeMoii: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgenr. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße Hb/49, zu richten.. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Dir Deutsche Vereinigung. Berlin, 3. Februar. In Köln sind hervorragende Männer der katholischen und der Protestantischen Kirche zusamlnengetreten, um die religiöse Streitaxt zu begraben, die konfessionellen Gegensätze auszugleichen und in den übrigen Fragen zusammenzugehen. Was geht das, wird man fragen, ein jüdisches Fachblatt und seine jüdischen Leser an? Unseres Erachtens sehr viel. Einmal sind uns als Menschen die Angelegenheiten der Menschen nicht fremd, sollen uns nicht fremd sein. Sodann haben wir als Deutsche ein lebhaftes Interesse daran, daß möglichst viele Differenzen in unserem ohnehin sehr zerklüfteten und parteizerrissenen Vaterlande ausgeglichen werden. Was man auch von der Reformation vom Standpunkte religiöser und kirchlicher Entwicklung denken mag, wie sehr man auch mit der Reformation als einem großen segensreichen Fortschritt sympathisieren darf, das ist unleugbar, daß durch sie ein verhängnisvoller Riß in Deutschland herbeigeführt worden ist, der in politischer und sozialer, sowie in noch so mancher Hinsicht die schlimmsten Folgen für die deutsche Nation hatte. Von dem dreißigjährigen Kriege bis zur Bildung der Zentrumspartei hat das deutsche Vaterland unter diesem Riß ungemein zu leiden gehabt, und wenn jetzt etwas geschehen soll, diese Kluft zu überbrücken, so können wir als deutsche Bürger und Patrioten das nur mit aufrichtigster Freude begrüßen. Aber auch als Juden geht uns der Ausgleichsversuch sehr viel an. Wir wissen ein gar trauriges Lied zu singen von den entsetzlichen Folgen religiösen Unfriedens, von den aufwühlenden Wirkungen religiöser und konfessioneller Kämpfe. Waren ja diese doch immer erbitterter, die religiösen Kriege furchtbarer als alle anderen Streitigkeiten und Kriege. Als Menschen, Deutsche und Juden können wir uns sonach nur freuen, wenn das Bedürfnis empfunden wird, über die religiösen Gegensätze hinweg die politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten zu fördern, nicht wie es das Interesse einer Konfession, sondern das des gemeinsamen Vaterlandes erfordert. Wenn auch einstweilen alle anderen Bekenntnisse im deutschen Vaterlande nicht berücksichtigt werden, dem Vaterlande selbst kann es nur zum höchsten Nutzen gereichen, wenn die beiden numerisch bedeutendsten Konfessionen sich zu einigen bemühen. Der Appetit kommt bekanntlich beim Essen. Wenn inan erst sieht, wie förderlich es für die Gesamtheit ist, wenn Bekenntnisse, die sich bisher stets auf das bitterste bekämpft haben, einträchtig Zusammengehen, dann wird es sicher nicht lange währen, bis man zu der Erkenntnis gelangt, daß auch die anderen Bekenntnisse in die Einigungsbestrebungen mit hineingezogen werden. Sobald man sieht, daß das vereinigte Wirken zweier Bekenntnisse durchaus nicht die Gläubigen hindert, getrennt ihrer religiösen Ueberzeugung zu leben, dann wird kein Grund mehr sein, andere Bekenntnisse auszuschließen, weltliche Fragen nicht als weltliche zu behandeln, ohne Rücksicht auf die kirchlichen Sonderforderungen. Und nach unserer Ueberzeugung ist das sehr wohl möglich, ist das sogar dem religiösen Leben nur dienlich. In diesem Sinne kann und soll Religion Privatsache sein. Was uns Juden aber besonders angeht, das ist, daß die Deutsche Vereinigung damit begonnen hat, sich zu Grundsätzen zu bekennen, von denen jeder einzige eine kräftige Absage an den Antisemitismus ist. Das ist nicht wahr, werden die Antisemiten ausrusen. Es war in der Kölner Versammlung von Antisemitismus und Antisemiten nicht mit einem Worte, nicht mit einer Silbe die Rede. Ganz recht; um so wirkungsvoller war die erteilte Lektion. Wie heißt es im Sprüchwort? Wen's juckt, der kratze sich. Und die Antisemiten hätten sich gar oft kratzen müssen, wenn sie die in der Kölner Versammlung gehaltenen Reden mit angehört hätten, obgleich von ihnen mit keinem Sterbenswörtchen die Rede war. So sagte Graf Hoensbroech unter anderem: „Das „Hut ab" vorder Ueberzeugung Andersgläubiger sollte das Gemeingut unseres Volkes sein." Das war der erste Backenstreich für den Antisemitismus, doch der zweite kommt sogleich. „Nichts hat Deutschland empfindlicher getroffen, wie die Religious- und Konfessionsstreitigkeiten. Das deutsche Volk kann seinen hohen Kulturaufgaben nur dann mit freudiger Hiugabe obliegen, wenn konfessioneller Frieden herrscht," das ist der andere, wahrlich nicht dem antisemitischen Katechismus entnommene Satz, der in Köln ausgesprochen worden ist. Wirkt doch, so wurde weiter gesagt, der fortgesetzte Hader unter den verschiedenen Bekenntnissen lähmend auf die Entfaltung unserer nationalen und sozialen Kräfte. „Der konfessionelle Zwist bedroht nicht nur den konfessionellen Frieden, sondern wirft seine Schatten auch auf wirtschaftliche und Politische Fragen." — Es wurde das Wort des Kardinals Fischer zitiert, daß, wer den religiösen Frieden stört, ein Verräter am Vaterlande sei. Auch die folgenden Sätze möchten wir den Antisemiten dringend zur Beherzigung empfehlen: „Jede konfessionelle, politische und berufsständige Absonderung muß die Verfolgung der gemeinsamen Interessen beeinträchtigen, zu ständigen Reibungen und unerquicklichen Kämpfen führen." „Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß die Absonderung der Konfessionen einen wirksamen Schutz für die Religionsgemeinschaften bilde. Vorurteile und engherzige Befangenheit, hervorgerusen durch die konfessionelle Abschließung, sind erfahrungsgemäß die

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