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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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72. Jahrgang. Nr. 2. Berlin, 10. Januar 1908. Lin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philippson. Verlsgs-rrxeMoll: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen -für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgcm Zeitung des Judentums", Berlin 8^., Jerusalemer Siraße $6/^9, zu richten. Verlag von Rudolf LNosfe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis? durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vorurten durch unsere verrriebsst llen) bezogen oierteljährl. 5 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Milche Logik. Berlin, 8. Januar, enn sie, die Antisemiten nämlich, einmal recht haben, dann wollen wir das ohne weiteres zugeben. Es kommt ja selten genug vor, daß sie recht haben. Ein hiesiges Antisemitenblatt erteilt in einem „Zwei Amtsrichter" überschriebenen Leitartikel den Juden den Nat, stolzer zu sein und sich nicht in die Zirkel eindrängen zu wollen, die nichts von ihnen wissen , mögen. Es ist uns schmerzlich, daß dieser Nat unseren Glaubensgenossen zuweilen mit einem gewissen Recht gegeben werden darf. Denn es ist leider eine Tatsache, daß manche, und zwar oft gerade solche, die zu den, so oder so, bevorzugten Kreisen gehören, besonderen Wert darauf legen, gesellschaftlich mit Nichtjuden zu verkehren. So lange sie dies tun, weil die Betreffenden gute, edle Menschen sind, durch Bildung sich auszeichnen, ist nichts dagegen zu sagen, ja ist das nur zu ermutigen, vorausgesetzt, daß die betreffenden Juden auch berechtigten Anspruch machen dürfen, in solchen Kreisen gebildeter und guter Menschen zu verkehren. Diese Kreise werden, auch nicht einen Moment anstehen, gebildete und durch gute Charaktereigenschaften ausgezeichnete Juden in ihre Mitte aufzunehmen. Wenn aber Juden mit Christen durchaus verkehren wollen, nicht weil sie gute Menschen sind, sondern lediglich, weil sie durch den Zufall der Geburt sich Christen nennen, dann ist das einmal eine Selbsterniedrigung, die aber vielleicht nur auf richtiger Selbsteinschätzung beruht, sodann auch eine Erniedrigung der jüdischen Religion, der Glaubens- und Stammesgenossen und deshalb ein Verrat, der nicht einmal, wie sonst der Verrat, geliebt, wenn auch der Verräter gehaßt wird, sondern die gleiche verächtliche Behandlung wie der Verräter erfährt. Obendrein verdient der Verräter noch die Belehrung durch die antisemitische Presse. Den weiteren Ausführungen jenes Artikels aber können wir nicht nur nicht zustimmen, sondern wir müssen sie mit aller Entschiedenheit zurückweisen. „Es gibt" — heißt es dort — „einen netten demokratischen Vers: Gehe nie zu einem Ferscht, wenn Du nicht gerufen werscht." Das, meint das Blatt, sollten sich die Juden ins Arisch-Christliche übersetzen. Diese Übersetzung ist aber doch wohl kaum nötig, denn wenn uns unser Gedächtnis nicht sehr täuscht, dann stammt der in dem zitierten demokratischen Vers ausgedrückte Gedanke aus dem . . . Talmud. Abgesehen davon, vermögen wir selbst bei höchster Einschätzung des Schlüchterner Tennisklubs — in diesen hat ein jüdischer Fabrikant sich und seine Familie aufnehmen lassen wollen, ist aber zurückgewiesen worden, und diese gruselige Tatsache gibt eben dem antisemitischen Generalmoniteur Anlaß zu seinen hier in Rede stehenden Ausführungen — nichts „Ferschtliches" zu entdecken. Wenn der Vorsitzende des Klubs gegen die Familie des Fabrikanten nichts einzuwenden hatte, aber im allgemeinen von dem Eindringen des jüdischen Elements in den Verein eine Störung der Harmonie im Klub fürchtete, so mag diese Furcht ja begründet genug gewesen sein in dem Umstande, daß der Herr Vorsitzende seine Pappenheimer sehr wohl kannte. Aber der dem. Klub fernstehende jüdische Fabrikant konnte eine solche intime Kenütnis der Herzen und Nieren der zu dem Klub gehörenden Hautevolee nicht besitzen- Ohne weiteres aber anzunehmen, daß ein Klub, der einen Liberalen zum Vorsitzenden hat, noch auf der Stufe steht, eine Familie, gegen die sonst nichts einzuwenden ist, zurückzuweisen, lediglich weil sie eine jüdische Familie ist, das wäre doch eine schwere Beleidigung dieses Klubs, und einer solchen darf sich ein billig denkender Mensch nicht schuldig machen. Wir sind überzeugt, daß alle wirklich gebildeten Deutschen von vornherein eine Gesellschaft, wenigstens sittlich und geistig, für mehr oder weniger minderwertig hatten werden, die Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft aus ihrer Mitte ausschließt. Viele werden sich weniger darüber wundern, daß der betreffende Fabrikant für sich und seine anerkanntermaßen einwandfreie Familie Aufnahnre in den Klub verlangte, als darüber, daß ein liberaler und akademisch gebildeter Herr in dem Klub bleibt und ein Vergnügen darin finden kann, einer Gesellschaft zu präsidieren, deren Harmonie durch die Aufnahme einer einwandfreien jüdischen Familie gestört werden kann. . Vollends auf dem Holzwege ist.das Antisemitenblatt, wenn es das Gesuch um Aufnahme in einen Privatklub, und wenn es auch der Schlüchterner Tennisklub ist, auf eine Stufe stellt mit dem Verlangen der Juden, zum Offizierkorps, zum Veamtenftand, in von den Antisemiten mit Beschlag belegte Badeorte zugelassen zu werden. Privatgesellschaften können sein, wie sie selbst wollen. Mit der Ausschließung der Juden aus gewissen Kurorten hat es schon eine andere Bewandtnis. Diese Ausschließung verstößt einmal gegen das Freizügigkeitsgesetz. Dann ist es eine unerhörte Unbilligkeit, Kranke u.nd Erholungsbedürftigeaus Kurorten auszuschließen, die ihnen aus irgend welchen Gründen besonders zusagen. Was würden die antisemitischen Magen- und Leberleidenden wohl sagen, wenn ihnen Tschechen oder Juden und Judengenoffen Karlsbad, was die feisten Antisemiten, wenn ihnen Marienbad, was die antisemitischen Frauen, wenn ihnen Franzensbad verschlossen würde? Es wäre das inhuman, ja geradezu infam. Nun ist ja Borkum nicht so unersetzlich wie die genannten böhmischen Bäder, aber

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