Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 Öberlandesgerichtsrat Sachs, der seine richterliche Karriere im Bezirksgericht Josefstadt begann, genießt den Ruf eines hervorragenden Juristen. Er ist der dritte jüdische Öberlandesgerichtsrat in Wien. Außer ihm gibt es nur noch zwei Oberlandesgerichtsräte: Kahn und Löwner. — Das Budget unserer Gemeinde stellt sich für das Jahr 1908 wieder recht ungünstig dar. Die Ausgaben betragen 3110744,90 Kronen, die Einnahmen 2912765,39 Kronen, so daß das Budget mit einem rechnungsmäßigen Fehlbeträge von 197979,51 Kronen abschließt. — Fräulein Rebekka Korngold aus Krakau, die auf der medizinschen Fakultät der Krakauer Universität zum Doktor der gesamten Heilkunde promoviert wurde, ist zur Spitalsärztin im dortigen jüdischen Spital ernannt worden. Fräulein Dr. Korngold ist die erste Spitalsärztin in Oesterreich. — Am 12. v. Mts. verschwand die 17jährige Tochter Lea der verwitweten Schankwirtin Mirla Gänger in Czchow. Die polizeilichen Recherchen ergaben, daß das Mädchen in das hiesige Kloster derFelizianerinnen entführt worden war, und mit Mühe gelang es der Polizei, das Mädchen aus dem Kloster herauszubekommen. Am 23. v. Mts. ist Lea Gänger nun wieder verschwunden und seitdem unauffindbar. Schweden. k. Stockholm, 29. Dezember. Am 22. d. M. fand wie in allen schwedischen Kirchen auch in der hiesigen Synagoge ein Trauergottesdienst für den verewigten König Oskar 11. statt. Das herrlich geschmückte Gotteshaus war nicht nur von unseren Glaubensgenossen, sondern auch von unseren christlichen Mitbürgern zahlreich besucht. Die ganze Feier war erhebend, und besonders nachhaltig wirkte die von Rabbiner Professor Dr. G. Klein gehaltene Gedenkrede. An den 45. Psalm anknüpfend, sagte der Redner ungefähr folgendes: In Oskar II. war jeder Zoll König, aber jeder Zoll in ihm war auch Mensch. Wer das Glück hatte, mit ihm von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, wurde erquickt, fühlte sich von seinem Wesen bezaubert. Wahrheit, Gerechtigkeit und Sanftmut waren der Grundzug seines Charakters. Immer und überall strebte er nach der Wahrheit, auf dem Gebiete der Religion nicht minder wie auf anderen Gebieten. Durch seine wahrhafte Gerechtigkeits- und Menschenliebe war er so vielen ein Helfer und Beschützer, und gar mancher Bürger unseres Staates würde sich seines Eigendünkels geschämt haben, wenn er die Bescheidenheit seines Königs richtig erkannt oder begriffen hätte. Aber bei seiner Bescheidenheit war Oskar II. auch ein Held, ein Friedensheld, das mehr bedeutet als ein Kriegsheld. Nur seine weise, energische Haltung hat einen mörderischen Krieg zwischen den beiden Brudervölkern verhindert. „Was ich hier spreche", setzteder Redner fort, „stammt nicht von Hörensagen. sondern beruht auf persönlicher Erfahrung." Als Redner dann nach der Entscheidung seinen König zum erstenmal wiedersah, sprach dieser: „Ich danke meinem Gotte dafür, daß. es zu keinem Blutvergießen gekommen ist." Vvn MH und jfern. Am 23. v. M. fand hier die Generalversammlung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums", am 24. die Sitzung des Ausschusses des „Allgemeinen Deutschen Rabbiner-Verbandes, am 25. und 26. der Vereinstag der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", am 25. die Delegiertenversammlung des „Verbandes der Sabbatfreunde" statt. — Der Charakter als Justizrat ist im Kammergerichtsbezirk Berlin folgenden Anwälten verliehen worden: Hugo Levh, Dr. Richard Jaffs, Dr. Julius Jsaac, Posner, Dr. Manheimer, Georg Meyer, Louis Joseph, Raphtali Moses, Dr. Ernst Oppenheimer und Dr. Danielewicz. — Professor Dr. A. Baginsky, Direktor des Kaiser und Kaiserin Friedrich - Kinder - Krankenhauses, ist zum Geheimen Medizinalrat ernannt worden. — Der Abgeordnete und Stadtverordnete Oskar Cassel ist zum Geheimen Justizrat ernannt worden. Oskar Cassel ist am 4. Juni 1849 zu Schwetz geboren. Seit 1879 ist er Rechtsanwalt und seit 1892 Notar in Berlin. Der Stadtverordnetenversammlung gehört er seit 1888, dem Abgeordnetenhause seit 1903 an. — Dem Sanitätsrat Dr. M. Zastrowrtz ist der Charakter als Geheimer Sanitätsrat verliehen worden. — Am 23. v. M. ist hier Herr Abraham Herz seid, Ehrenbürger der Stadt Grätz und Ehrenmitglied der dortigen jüdischen Gemeinde, ein allgemein angesehener und beliebter Mann, im 70. Lebensjahre gestorben. Ehre seinem Andenken. — Graf Pückler-Klein-Tschirne, der zur Beobachtung seines geistigen Zustandes der städtischen Irrenanstalt zu Dalldorf überwiesen worden war, ist jetzt in einer Privatirrenanstalt in Schlesien untergebracht worden. Die ärztliche Untersuchung soll ergeben haben, daß er schon seit Jahren an Wahnvorstellungen leidet. — Dem Arzt Dr. S. Sch erbet in Lissa ist der Charakter als Sanitätsrat verliehen worden. — Dem Direktor des Instituts für experimentelle Therapie zu Frankfurt a. M., Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Paul Ehrlich, ist der Charakter als Geheimer Obermedizinalrat mit dem Range der Räte zweiter Klasse verliehen worden. — Herr Dr. Philipp Frankl, Rabbinatsassessor in Fulda, ist zum zweiten Klansrabbiner in Halber - stadt gewählt worden. — Bei der kürzlich erfolgten Wahl zum braunschweigischen Landtag wurde Herr E. Glaser einstimmig zum Abgeordneten des Wahlkreises B tankenburg-Hasselfelde gewählt. Bei der vor drei Jahren stattgehabten Wahl siegte Glaser nur mit einer Majorität von zwei Stimmen. — Aus Anlaß des Ablebens des vor kurzem verstorbenen Herrn Anton L. A. Hahn in Frankfurt a. M. gelangen an die Angestellten der Deutschen Effekten- und Wechselbank, an Wohltätigkeitsanstalten und Arme sowie zu gemeinnützigen Zwecken rund 200 000 Mark zur Verteilung, wobei der Frankfurter Armenverein mit 30 000 Mark, die Stiftung der L. A. Hahnschen Familie mit 25 000 Mark, die Israelitische Waisenanstalt, der Israelitische Almosenkaften und die Stiftung für gebrechliche oder verwahrloste bedürftige israelitische Kinder mit je 15 000 Mark bedacht sind. — Laut Mitteilung des Königlich Bayerischen Statistischen Bureaus gab es im Schuljahr 1906 87 jüdische Volksschulen, 182 jüdische Volksschullehrer und 4509 jüdische Volksschulkinder im ganzen Königreiche Bayern. — Der Königliche Oberpostassessor Paul Kann wurde zum Königlich Bayerischen Postrat in Nürnberg befördert. Es ist dies seit vielen Jahren wieder das erstemal, daß ein ungetanster Jude es in der Postverwaltung zu diesem hohen Amte brachte. — Zu Stabsärzten wurden in Bayern befördert die Oberärzte Dr. F. Levinger in Landau, Dr. N. Theilheimer-Augsburg, Dr. Heinrich Kat; Dr. Artur Bing-Ansbach, Dr. Julius Hechinger-Landau Dr. Emil Gutmann-Bamberg, Dr. R. Oppenheimer-Kempten. A. Dessauer-München, Dr. L. Friedmann - Hof. — Verdeutsche Kaiser verlieh dem Chefingenieur der Ostbahnen Louis Salomon den Roten Adlerorden III. Klasse. — In Haag ist der Vizepräsident des Staatsgerichtshofs Aaron Adolf de Pinto im 79. Lebensjahre gestorben. Er war einer der ungesehensten und gelehrtesten Juristen Hollands und ein glaubenstreuer Jude. Ehre seinem Andenken! — Ernesto Na tan, der Oberbürgermeister von Rom, hat sich einem Berichterstatter gegenüber über sein Judentum folgendermaßen geäußert: „Gleich vielen unserer Glaubensgenossen hierzulande halte auch ich unerschütterlich daran fest, daß das Judentum dazu bestimmt ist, zu allen Zeiten und aller Orten auf der großen Völkerbühne mit an der Spitze der Zivilisation zu schreiten. Und daß uns Juden diese Rolle immer wieder zufällt, darauf können wir wahrhaftig stolz sein. Ich bekenne es rückhaltlos, daß, obzwar ich Freimaurer bin, ich nichtsdestoweniger die Religion meiner Ahnen hoch in Ehren halte." — Die jüdische Volksuniverfität in Warschau, die für den kulturellen Fortschritt der jüdischen Bolksmaffen sehr viel getan hat. war in letzter Zeit der konsequenten Verfolgung seitens der Administration ausgesetzt, so daß sie schließlich geschlossen werden mußte. — Die Jewish Colonisation Association hat beschlossen, eine selbständige Emigration nach Galveston in Angriff zu nehmen. — Der russische Minister der Volksaufklärung 0) ordnete an, daß fortan in das älteste und beste I. Gymnasium in Kiew Juden überhaupt nicht mehr ausgenommen werden sollen. Daher der Name ,Volksaufklärung". — In Fez sind wieder Unruhen ausgebrochen. Besonders das Judenviertel ist durch fanatische, beutelustige Pöbelmassen bedroht worden.