Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1908)
- Date
- 1908-01-03
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228800--64100-3276148- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
von ihm eingesetzte Katttorensektion als Organ des Verbandsvorstandes anzuerkennen. Diese Resolution wurde einstimmig angenommen. — lieber „Die materielle Lage der jüdischen Lehrerschaft im Deutschen Reiche" referierte Lehrer Andorn-Krefeld. Der Referent zeichnete an der Hand reichen statistischen Materials die sehr mißlichen sozialen. Verhältnisse der jüdischen Lehrer und deren Zurückstehen hinter ihren christlichen Kollegen: hier herrschten direkt unwürdige Zustände, deren Beseitigung ein Gebot dringendster Notwendigkeit sei. (Langanhaltender stürmischer Beifall.) Eine von dem Referenten eingebrachte Resolution forderte die Gleichbehandlung der jüdischen Lehrer mit den Ortslehrern in Hinsicht auf Besoldung, auf Sicherung der Anstellung, der Alters- und Hinterbliebenenversorgung und gab der Erwartung Raum, daß die jüdischen Verbände in Gemeinschaft mit den staatlichen und kommunalen Behörden die baldige Verwirk lichung dieser Forderungen in die Wege leiten würden. Diese Resolution wurde nach längerer Debatte einstimmig angenommen- (stürmischer Beifall), ebenso eine hiermit parallel gehende, von Rabbiner Dr. Peritz - Liegnitz beantragte Resolution, welche zur Förderung der Wünsche der jüdischen Lehrerschaft die Einsetzungeiner statistischen Kommission wünscht. — lieber die im Vorstände besprochene Organisation der Verbandspensionskasse referierte Lehrer Hanfs-Berlin als Vorsitzender des Kuratoriums. Ter Referent nahm die Kasse gegen den Vorwurf, auf verfehlter Grundlage zu beruhen und nicht der Gesamtheit des Verbandes zu dienen, energisch in Schutz. Rabbiner Dr. Peritz polemisierte gegen die bisherige Organisation der Verbandspensionskasse. Schließlich gelangte ein Antrag des Realschullehrers Feiner, eine Kommission mit genauer Prüfung der strittigen Frage zu beauftragen, einstimmig zur Annahme. — Direktor Silberberg- Hannover referierte im Aufträge der Verwaltung der Simonschen Stiftung über die Prinzipien der großartigen Schöpfung des verstorbenen Konsuls Alexander Moritz Simon, der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover, in der speziell die Ausbildung von Kindern weniger bemittelter Juden in geistiger und körperlicher Tätigkeit und die Erziehung für Land- und Gartenbau, für diverse Handwerkszweige, unter Verwertung der Erfahrungen des Vereins für Handfertigkeit und Jugendspiel usw. erfolgt. Die Ausbildung jüdischer Lehrer in diesem Sinne bezweckt eine seitens der Stiftung in Vorbereitung befindliche besondere Abteilung. Ueber tausend Lehrer haben sich zur Teilnahme an einem derartigen Ausbildungskursus an gemeldet, der Handsertigkeitsunierricht, Obst- und Gemüsebau, Bienenzucht usw. sowie den erforderlichen theoretischen Unterricht umfassen soll. — Die Beratung über einen Antrag der Pfälzer Vereinigung, betreffend das Verbandsorgan, erfolgte in nichtöffentlicher Sitzung. Darauf wurde der Verbandstag geschlossen. — o. Coburg, 29. Dezember. Wie Sie seinerzeit berichteten, ist der Beschluß des hiesigen Magistrats, ein Verbot des Schächtens im städtischen Schlachthause einzuführen, auf eine Beschwerde der jüdischen Gemeinde von der Regierung aufgehoben worden. In unwiderstehlichem Humanitätsdrang hat der Magistrat das Verbot abermals beschlossen; wie gehofft werden darf, wird die Regierung bei ihrem Veto verbleiben. Es muß hinzugefügt werden, daß die Männer, die sich um dieses Verbot seit Jahren am meisten bemühen, sämtlich der Fortschrittspartei angehören. Die Regierung aber steht auf dem Standpunkt, daß das Schächten im Interesse der Gewissensfreiheit nicht verboten werden darf. Der Referent für diese Angelegenheit im Ministerium ist der frühere Oberhofprediger Bahnsen, der ja als liberaler Theologe vorteilhaft bekannt ist. — Hanau, 1. Dezember. Vor der hiesigen Strafkammer spielte sich ein politischer Beleidigun gsprozeß ab. Angeklagt war der Seisenfabrikant Viktor Wolf aus Schlüchtern wegen Beleidigung des Amtsrichters Dr. Hengsberger in Schlüchtern. Dieser war bei der letzten Reichstagswahl im Wahlkreise Fulda-Schlüchtern als Gegenkandidat gegen den Zentrumsabgeordneten Richard Müller-Fulda aufgestellt. Er bekennt sich zur freikonservativen Partei, aber es stimmten infolge eines Kompromisses auch Angehörige anderer Parteien für ihn. Den für Hengsberger erlassenen Wahlaufruf hatte auch der Seifenfabrikant Wolf, ein Jude, mitunterzeichnet, nachdem H. zwei israelitischen Vertrauensmännern die Zusicherung gegeben hatte, daß er im Falle seiner Wahl in keiner Weise gegen die Interessen der. Juden wirken werde. Bald nach der Proklamierung Hengsbergers zum Reichstagskandidaten erschien in einem Fuldaer Blatt eine Notiz, die besagte, dieser-ser A'ntiseNnt. "'Daraufhin erließ Hengsberger im Fuldaer Kreisblatt eine Erklärung des Inhalts, er habe dem Antisemitismus stets fern gestanden und sich niemals antisemitisch betätigt; wenn etwas Gegenteiliges behauptet werde, dann sei das böswillige Verleumdung. Hengsberger unterlag bei der Wahl. Einige Monate später spielte sich in Schlüchtern folgendes Vorkommnis ab: Es besteht dort unter der Leitung des Amtsrichters Hengsberger ein Lawn-Tennisklub, dessen Mitglieder ausschließlich Christen sind. Seifenfabrikant Wolf wollte nun seine Tochter in den Klub aufnehmen lassen. Da man ihrn aber sagte, nach den Statuten könnten Juden nicht ausgenommen werden, so führte er zunächst eine Unterredung mit dem Vorsitzenden, Amtsrichter Hengs berger, herbei. Dieser gab ihm zwar die Versicherung, eine solche Bestimmung enthielten die Statuten nicht, aber er glaube nicht, daß seine Tochter ausgenommen werde. Gegen seine (Wolfs) und seiner Familie Ehrenhaftigkeit sei zwar absolut nichts einzuwenden — Wolf ist Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums, der Schuldeputation und der Handelskammer — aber wie die Verhältnisse in Schlüchtern nun einmal lägen, glaube er nicht, daß Juden ausgenommen würden. Trotz dieser Auskunft meldete Wolf seine Tochter als aktives Mitglied, sich und seine Frau als passive Mitglieder für den Tennisklub an. Die Aufnahme wurde gegen sechs Stimmen abgelehnt. Der Amtsrichter hatte selbst dagegen gestinnut. Daraufhin schrieb Wolf an Hengsberger einen Brief, worin er u. a. unter Bezugnahme auf die Tenuisangelegenheit betonte, daß die seinerzeit von dem-Amtsrichter abgegebene öffentliche Erklärung, er sei nicht Antisemit, mit der Wahrheit nicht im Einklang stehe. Nunmehr stellte der Amtsrichter Strafantrag wegen Beleidigung gegen Wolf. In der Verhandlung' hob der.Verteidiger u. a. hervor, durch seine Abstimmung im Klub habe der Amtsrichter unzweifelhaft zu erkennen gegeben, daß er einen Juden nicht für ebenbürtig halte, darin liege der Gedanke der Minderwertigkeit in bezug auf die Juden; er habe ferner gegen die Aufnahme gestimmt, das sei doch nichts anderes als antisemitische Betätigung. Der Staatsanwalt beantragte eine Gesamtgeldstrafe von 800 Mart. Das Gericht erkannte auf 150 Mark Geldstrafe. In der Begründung wurde a. a. gesagt, der Angeklagte habe durch jene Bemerkung in dem Brief nichts anderes sagen wollen, als der Amtsrichter Hengsberger habe in seiner damaligen Erklärung wider besseres Wissen die Wahrheit nicht gesagt. Der Schutz des § 193 Str. G. B. stehe ihm nicht zu, denn er habe nicht in berechtigtem Interesse gehandelt, sondern sich an dem Amtsrichter wegen der Nichtaufnahme rächen wollen. 6. München, 22. Dezember. In Bayern ist nunmehr für alle Strafanstalten des Königreichs eine neue Hausordnung in Kraft getreten. Sie. enthalt u. a. folgende Vorschriften: „Keinem Gefangenen soll der Zuspruch eines Geistlichen seines Bekenntnisses versagt werden. Den israelitischen Gefangenen ist die Feier des Sabbats und der 13 hohen Festtage, ferner die Feier des Fasttags „Zerstörung Jerusalems" gestattet. Sie sollen an diesen Tagen in einem besonderen Raume, womöglich unter einem Rabbiner oder Religionslehrer, zum Gebete versammelt werden. Sie dürfen auch die Schaufäden und Denkriemen anlegeu. Für ihren Religionsunterricht wird nach Maßgabe der örtlichen Verhältnisse gesorgt." GesterretH-Nnsarrr. □ Wien, 29. Dezember. Auf Einladung des Abgeordneten Breiter fand im Abgeordnetenhause eine Besprechung mehrerer freiheitlicher Abgeordneter statt, um über eine Aktion zugunsten des zu lebenslänglichem Kerker verurteilten Leopold Hilsner zu beraten. Die Diskussion währte anderthalb Stunden. Es wurde eine Reihe von Schritten erörtert, welche in dieser Richtung unternommen werden sollen. Trotzdem ist aber die Sache resultatlos verlaufen. — Fünfzigtausend Kronen wird das „Komitee der Baronin Hirsch Kaiser- Jubiläums-Wohltätigke.itsstiftung", anläßlich des begonnenen 60. Regierungsjahres des Kaisers, an Personen, insbesondere Familienväter, welche durch Krankheit oder Unglücksfall verhindert sind, ihrem Berufe nachzugehen, zur Verteilung bringen. — Der LandeSgerichtsrat Salomon Sachs wurde zum Oberlandesgerichtsrat ernannt.