Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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69. Jahrgang. No.51. /8!Tff/tAH1 Afll # Berlin, 22. Dezember 1905. Gin unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. L M. «edakteurr Susta» «arpele». Begründet von Rabbiner ©*• Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an dt» Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums'*, Berlin SW., Jerusalemer Strasse 46/4-, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Trübe Mtr. Berlin, 20. Dezember, ieder einmal naht das Chanukahfest und erinnert uns an aff die Kriege und Siege „in jenen Tagen um diese Zeit", die so verzweifelt viel Ähnlichkeit hat mit der unsrigen und die so viel Analogien bietet zu der Gegenwart, in der das Judentum einen harten Kampf um Leben und Tod zu bestehen hatte und als Sieger ans diesem Kampfe gegen eine Weltmacht hervorging. Wenn etwas geeignet ist, in diesen trüben Tagen unfern Geist zu stählen, unsere gefunkene Kraft neu zu beleben, den Mut in unserer Brust wieder zu erwecken, so ist es die Erinnerung an jene glorreiche Zeit der heldenmütigen Makkabäerkämpfe. Denn wahrlich, es gehört nicht viel Phantasie dazu, um in unfern um ihr Leben und um ihr Recht kämpfenden russischen Brüdern die Erben jenes Makkabäergeistes wieder zu erkennen, der einst in der Ebene von Emmaus mit 6000 Mann den Kampf aufnahm gegen ein Heer von 40 000 Mann Fußvolk und 6000 schwere Reiter, und diesen Kampf siegreich durchführte. "" Auch sie kämpfen um ihre Existenz gegen einen übermächtigen Feind. Auch ihnen droht der Untergang, wenn sie 'in diesem Kampfe auch nur einen Augenblick ermatten. Aber freilich, die Analogie hört auf, wenn man an den Preis des Sieges denkt. Denn wie sich die Verhältnisse entwickeln, so gewinnt es den Anschein, als ob an unfern Glaubensbrüdern inr Zarenreiche sich wieder einmal die alte talmudische Sentenz erfüllen sollte, die leider das Motto der ganzen jüdischen Geschichte ist: „Fällt der Stein auf den Krug, wehe dem Krug! Fällt der Krug auf den Stein, wehe dem Krug! Was auch geschehen möge, wehe dem Krug!" In einer solch verzweifelten Lage hat sich selten eine Gemeinschaft befunden. Denn was die Juden von der Reaktion, die, wie es scheint, unvermeidlich ist, zu erwarten haben, das weiß Jedermann. Aber auch wenn die Reaktion nicht kommen sollte, hat selbst ein Mann wie Graf Witte schon jetzt erklärt, daß an eine Gleichstellung der Juden nicht zu denken sei, da dies Ströme Blutes kosten würde. So wild und wüst hat die Reaktion in Rußland gehaust. Und so wild und wüst haust sie gerade jetzt wieder, indem sie dem armen, unwissenden Volke vorredet, die Juden trügen die Schuld an all dem Unglück, das über Rußland gekommen sei. .Aber nicht nur in Rußland wird so gesprochen. Gar viele Wohlmeinende werden schmerzlich., bewegt diesem Vorwürfe zustinunen und sogar , im deutschen Reichstag hat er ein Echo gefunden. „Sind > denn die russischen Juden nicht tatsächlich die Führer der revolutionären Bewegung in Rußland?" „Warum haben sie es nicht bedacht, daß es im Augenblicke des Losschlagens der Bureaukratie nicht schwer fallen wird, die Wut der Holigans gegen die Juden zu dirigieren? Warum haben sie nicht mit Ruhe und Geduld aus ihre Befreiung gewartet, warum den ungleichen Kanrpf anfgenommen mit der ungeheuren Uebermacht, die von der bestehenden staatlichen Gewalt beschützt und unterstützt wird?" - Es ist nicht zu leugnen, die Juden haben ihren Anteil an die -Erhebung ihres Vaterlandes. Aber ihnen allein die Revolution zuzuschreiben, das ist eine so unerhörte Geschichtsfälschung, daß schon heute mit aller Entschiedenheit dagegen protestiert werden muß. Die russische Revolution ist so ziemlich von der gesamten städtischen Bevölkerung, insbesondere von der Intelligenz,, von der Universität, von . den Studenten, später von den Soldaten, den Matrosen, den Arbeitern, den Fabrikanten und von Mitgliedern aller Stände gemacht worden. Das europäische Rußland hat mehr als hundert Millionen Einwohner. Wenn auch Rußland mehrere Millionen Juden zählt, so ist es doch der Gipfelpunkt der Torheit oder der Verdrehung, gerade angesichts, einer Massenbewegung, wie sie die Welt überhaupt noch nicht erlebt hat, eine verhältnismäßig geringe Schar herauszugreifen und ihr die Schuld an solchen Ereignissen zuzuschreiben. Selbst der schwärmerischste Uebertreiber der jüdischen Macht würde es als Widersinn empfinden, daß sie den Einfluß haben soll, so viele Millionen in Bewegung zu setzen und historische Tatsachen zu schaffen, deren Bedeutung wir jetzt kaum kennen, und die einen so tiefen Eindruck machen, daß wohl jeder, der die Zeitereignisse mit nur wenigem Verständnis begleitet, das Gefühl hat, . vor einem dunklen Tor zu stehen. Nichtsdestoweniger wird .von Herrn Kruschewan, der' sich gegenwärtig in Petersburg aufhält, wieder die Lage im Innern benutzt, um alle Schuld an dem. Aufruhr den Juden zuzuschreiben. Es wird deshalb darauf hingewiesen, daß die Organisation des „Bund" in Polen und Litauen sowie in; Kleinrußland ihre terrorisierende Tätigkeit eing estellt und wiederholt in Aufrufen, letztens noch in Wilua, dem Publikum mitgeteilt hat, daß von.ihr keinerlei Geldeintreibungen oder. - Zwangssammlungen veranstaltet oder empfohlen würden. Die heutigen blinden Zerstörer des Bestehenden sind, in erster : Linie die russischen Sozialisten. Diese Tatsache wollen wir Nicht unter den Tisch fallen lassen. Sie muß im- Auge behalten werden, da sicheine starke Reaktion vorbereitet,^die/stch leider nach alter Erfahrung in erster Linie auf die Juden' ffürzen-; wird. .. . Mer ihnen aber deshalb einen Vorwurf wegen ihrer- Be- : - Heiligung .an allgemeinen. Erhebung. machen würde,' der