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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-15 · Heft 50 (15.12.1905) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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WWW Reichshauptstadt: durch eine derartige Rede des Bürgermeisters erleiden müsse, auch durch die darin enthaltenen Drohungen eine begreifliche Beunruhigung in die Kreise der jüdischen Bevölkerung Wiens getragen werde. Die Interpellanten fragen, ob der Ministerpräsident diese Rede billige, und was für Vorkehrungen er zu treffen gedenke, um der jüdischen Bevölkerung Wiens Beruhigung gegenüber dieser Rede zu gewähren? Die Antwort war eine sehr lendenlahme. Der Ministerpräsident v. Gautsch sagte: Für die Negierung existiere nur ein unverrückbarer Standpunkt, das'sei der des Staatsgrundgesetzes, das jedem Staatsbürger ohne Ansehen der Nationalität oder des Bekenntnisses das volle Recht, sich einer beliebigen Partei anzuschließen, und den vollen Anspruch auf Achtung dieses Rechtes gewährleiste, solange der Boden der Gesetzlichkeit nicht verlasseil werde. Aus diesem Grunde stehe jeder, wenn auch nur in bedingter Form unternommene Versuch, aus die politischen Anschauungen irgend einer Klasse der Bevölkerung einen unzulässigen Zwang auszuüben, im Widerspruch mit dem Staatsgrnndgesetz. Die bezügliche Freiheit müsse für alle gleichmäßig und unterschiedslos gelten, und darum könne jedermann bei Betätigung der politischen Meinungsfreiheit des nachdrücklichsten Schutzes der Staatsgewalt gewiß sein. Zur Beunruhigung in diesem Sinne liege demnach kein Grund vor. Der Ministerpräsident hob bei diesem Anlaß unter Hinweis auf den sehr erregten Ton der politischen Erörterungen hervor, in politisch so erregten Zeiten sei alles zu vermeiden, was die Spannung steigern und die nationalen und konfessionellen Gegensätze verschärfen könnte. — Auch im Gemein derat brachte der jüdische Vertreter des zweiten Stadtbezirks Ellbogen eine Interpellation direkt an Lueger ein mit der Anfrage, wie er es als Bürgern,eister rechtfertigen könne, daß er den ihm gefügigen Pöbel der Stadt zu Mord und Totschlag aufgereizt und dadurch einen großen Teil der Bevölkerung Wiens am Leben bedroht habe. Lueger antwortete ausweichend, seine Aeußerung sei völlig korrekt gewesen; er habe gesagt, wenn die Juden sich mit Revolutionären und Sozialdemokraten verbinden, könne möglicherweise auch in Wien eintreten, was in Rußland geschehen sei. Daraus könne man nicht den geringsten Angriff gegen die Juden ableiten, denn diese würden das hoffentlich auch niemals tun. Raub, Mord und Totschlag habe er ausdrücklich verdammt. Der Bürgermeister wies dann auf die Gerechtigkeit der Gemeindeverwaltung den Juden gegenüber hin, die er selbst häufig gegen den Willen seiner Partei beschützt habe. Dr. Lueger bekommt es, wie man sieht, auch fertig, sich als Judenfreund und Judenbeschützer aufzuspielen, obwohl er seit zwanzig Jahren an der Spitze der Wiener kleinbürgerlichen Antisemitenpartei steht und sich nicht so sehr als Politiker wie als ausdauernder Hetzer einen Namen gemacht hat. - Frau Ernestine Thorsch hat anläßlich des Ablebens ihres Gatten, des Herr Philipp Thorsch, die Summe von 551 000 Kronen der israelitischen Kultusgemeinde Wien zu verschiedenen Zwecken übergeben. — Gestern fand hier eine große Volksversammlung statt, welche zu der letzten Rede des Dr. Lueger gegen die Juden Stellung nahm. Der erste Redner, der bekannte Schriftsteller Felix Salten, sagte: Dr. Lueger soll wissen, daß, wenn man unsangreift, in unserer Hand Waffen zu finden sein werden. ' (Tosender Beifall.) Der Herr Bürgermeister hat uns Dinge angedroht wie in Rußland, und er hat uns zugerufen, daß er keine Gnade kennen wird. Er soll aber wissen, daß er nicht nur in den Mob, den er gegen uns hetzen will, die Brandfackel geschleudert hat, sondern daß seine Worte auch bei uns gezündet haben. Wir brauchen seine Gnade nicht, wir stützen uns aus die Gesetze und auf unser Recht. Wenn der Staat es duldet, daß ein gewissenloser Mensch das Volk ausreizt, dann werden wir nicht Kritik üben, sondern wir werden antworten, daß der Staat uns bereit finden wird. — Rabbiner Dr. Morgenstern in Jämnitz hat einen Ruf nach Leitmeritz erhalten, um die durch die Berufung des dortigen Rabbiners nach Kopenhagen freigewordene Stelle zu besetzen. — In Prag wurde Rabbiner Dr. E. Schwartz aus Eger zum Prediger der Tempelgemeinde gewählt. Von Kah und Fern. zum ersten Rektor der neuen Handelshochschule von den Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin gewählt worden. — Geheimer Sanitätsrat Dr. Leopod Barschall ist am 11. d. M. hier im Alter von 82 Jahren gestorben. — In Rawitsch wurde an Stelle des verzogenen Kommerzienrats Braun der Bankier Georg H. Loewy zum Mitglied der Handelskammer für die Provinz Posen gewählt. — Zur Silberhochzeit des Kaiserpaares bewilligte die Shnagogengemeinde Breslau 10 000 Mark für die Errichtung einer Erziehungsanstalt für schwachsinnige israelitische Kinder. — Der Mit-Herausgeber von „Kunzes Kalender für das höhere Schulwesen Preußens", Professor Dr. Toeplitz in Breslau, hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — In Bernstadt feierte Herr I. Kartun, Mitglied des Gemeindevorstandes, seinen 70. Geburtstag unter allgemeiner Teilnahme in voller geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit. — Dein israelitischen Waisenhaus in Paderborn, welches im kommenden Frühjahr sein 50jähriges Bestehen feiern wird, sind aus diesem Anlaß von Frau Leopold Sonnemann in Franksurt a. M. 10 000 Mark gestiftet worden. — In München sind im Jahre 1903 42 rein jüdische Ehen und 10 Mischehen (5 mit jüdischem Bräutigam und 5 mit jüdischer Braut) geschlossen worden, d. h. unter je 100 heiratenden jüdischen Männern und Frauen heirateten je 10,6 einen nichtjüdischen Ehegatten. Im übrigen Bayern dagegen gingen im selben Jahre von je 100 heiratenden jüdischen Männern nur 1,3 und von je 100 heiratenden jüdischen Frauen 3,4 eine Mischehe ein-. — Der Bischof Dr. Fritzen und der Weihbischof Dr. Zorn v. Bulach in Straßburg haben der Expedition des „Elf. Volksboten" eine Spende zur Ueberweisung an das Hilfskomitee zur Unterstützung der notleidenden Juden in Rußland übergeben. — Dr. med. Louis Philippsou in Hamburg ist zum ordentlichen Professor der Dermatologie (Hautlehre) an der Universität Palermo ernannt worden. — Der Moskauer Verband der jüdischen Intelligenz hat soeben die Einberufung eines allrussischen Judenkongresses beschlossen. Dieser Tage bereits begeben sich mehrere Delegierte in die Provinzstädte, um dort für den Kongreß zu agitieren und das Publikum überdessen Bedeutung auszuklären. — In der Sitzung des Londoner Russo- Jawisl. Komitees vom 5. d. M. wurde mitgeteilt, daß die Sammlungen bis dahin 494 000 Pfund Sterling, gleich 10 077 600 Mark erbracht haben. Davon kamen aus Deutschland 2 121 600 Mark, aus England 1 754400 und aus Amerika 4 080 000. In Kiew wurden 332 553 Rubel gesammelt. Gleichzeitig wurde ein Schreiben Jakob H. Schiffs . verlesen, in welchem dieser sich im Namen des amerikanischen Judentums verpflichtet, 50 Prozent des Ergebnisses der Sammlungen aus Europa und zwar bis zu einem Betrage von 500 000 Pfund Sterling, (gleich 10 000 000 Mark) in Amerika aufznbringeu. Von dem gesammelten Gelde ist auf Antrag der gegenwärtig Rußland bereisenden Kommission 188 000 Pfund Sterling (gleich 3 835 200 Mark) nach Rußland überwiesen worden. — In Newyork veranstalteten die Juden im Osten der Stadt am23.v. M. wegen der Greuel in Rußland einen eindrucksvollen Trauerzug. Etwa 10 000 Personen nahmen daran teil. In seiner Botschaft regt der Präsident der Vereinigten Staaten eine.internationale Konferenz über die Einwanderungsfrage an, um eine gründliche Untersuchung der Einwanderer vor der Einschiffung nach fremden Ländern zu sichern. Diese Vorschläge des Präsidenten sind .veranlaßt worden durch die immer stärker werdende Opposition der nordöstlichen Staaten gegen weiteren Zuzug von Einwanderern, insbesondere gegen die Ueberfüllung der großen Städte, und andererseits durch den Wunsch der noch schwach bevölkerten Südstaaten nach stärkerem Zuzug von Arbeitskräften. Als Einwanderungshafen für die Südstaaten kommt in erster Linie Galveston in Betracht. — In Newyork haben 100000 Israeliten, darunter 30000 Frauen, eine äußerst eindrucksvolle Protestkundgebung gegen die Indolenz der Westmächte gegenüber den "russischen Judenmetzeleien veranstaltet. Eine Prozession mit 50 Musikbanden, amerikanischen Flaggen, Zionsbannern und Traueremblemen, zog in fünfstündigem Marsche nach dem Union-Square, wo Ansprachen gehalten wurden. Es ist beabsichtigt, eine zweite Million Dollar für die russischen Juden aufzubringen. — Nach der neuesten Volkszählung leben in Berlin unter 2 033 000 Seelen 92 206 (4,88 v. H.) Juden. — Professor Dr. I. Jastrow ist

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