Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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(Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. <**?*&&? ■M-x:- > 69. Jahrgang, No. 49. Berlin, 8. Dezember 1905. mm Diese Jettung erscheint Wöchentlich. Abonnements-Preise Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen oierteljähri. 2 XXI. B ebakt euer Gustav Barpele». Begründet von Rabbiner D»> Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse Verlag der. „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin - 8^., Jerusalemer Straße 40/49. zu richten »erlog von Rudolf rNosfe, Berlin. Die deutschen Untilemiten und die rullllchen Iudrnmrtzeleien. Berlin, 5. Dezember. ie ganze zivilisierte Welt hat einmütig und laut ihr Urteil über die Judenmetzeleien in Rußland ausgesprochen, und sie läßt es auch nicht bei bloßen Worten bewenden. In allen Kulturländern sind Juden — diese natürlich in erster Reihe — aber auch Christen bestrebt, die Not der verstümmelten und ihrer Habe beraubten russischen Juden nach Möglichkeit zu lindern. Nur die deutschen Antisemiten scheuen sich nicht, ihrer Sympathie für die Räuber und Mörder direkt oder indirekt Ausdruck zu geben und die verfolgten Juden sowohl wie die helfenden mit Schmähungen und Verleumdungen zu überhäufen. . Dieses Verhalten der Antisemiten könnte uns gegenüber dem Urteil aller Kulturvölker ganz gleichgültig sein, und wir würden ihm darum auch keine Beachtung weiter schenken, wenn es uns nicht auch Gelegenheit gäbe, sie einmal wieder auf der ganzen Linie ad absurdum zu führen. Nach wie vor bleiben sie dabei, daß die Juden die ganze Revolution in Rußland verschuldet haben. In einem früheren Artikel haben wir schon darauf hingewiesen, daß das die Macht der Juden unendlich überschätzen heißt. Jetzt aber gibt selbst Professor Schiemann, eine Autorität für die Antisemiten, sieben Revolutionsherde zu, und wer nur einigermaßen auf dem Laufenden ist, weiß auch, daß die Juden weder mit den rebellierenden Bauern noch mit den Aufständen der Mohamedaner, der Finnen, den Meutereien der Soldaten und der Matrosen überhaupt etwas zu tun und an den Aufständen der Arbeiter, der Intellektuellen, der Polen eben nur Anteil haben. - Die Antisemiten folgerten auf Grund ihrer, wie gesagt, falschen Voraussetzung, daß die Juden als die Hauptträger der Revolution die Greuel der Schwarzen Bande als wohlverdient hinnehmen müßten. Aber der Präsident des Moskauer Semstwokongresses, Petrunkewitsch, sah, wie'er in der Abendsitzung des Kongresses vom 22. November erklärte, in der Tatsache, daß Gutschkow politische Verbrecher mit Mitgliedern der Schwarzen Bande auf eine Stufe gestellt und selbst für Plünderer fremden Eigentums und für Mörder unschuldiger Kinder Amnestie verlangt hat. einen Grund, Witte, der diesen Mann aus die Ministerliste gesetzt hatte, zu mißtrauen und brachte ihm erst Vertrauen entgegen, als Gutschkow von der Liste gestrichen worden ist. Sonach macht man in Rußland selbst einen großen Unterschied zwischen Revolutionären, zu denen auch Juden gehören, und den Schützlingen der deutschen Antisemitenschaft, den vertierten Mördern der russischen Inden. Die Geldsammlungen der Juden für die jüdischen Opfer in einigen 90 russischen Städten gaben einem Antisemitenblatte Anlaß zu folgenden Mahnworten: „Das Judentum mag für seine Stammesgenossen sammelnsoviel ihm beliebt, uns aber> beweisen die hier geopferten. großen Summen nur,, daß die Redensart von den „guten deutschen Juden" keine Berechtigung hat. Niemals fließen aus jüdischen Kassen reiche Opfer für „deutsche" Zwecke, wohl aber stets, wenn es sich um „reinjüdische" Interessen handelt. Das Wort „Deutschtum" führt man wohl im Munde, aber als Volk fühlt man sich erst, wenn die Hohenpriester Israels auf dem Plan erscheinen. Sollten wir Deutschen uns diese Tatsache nicht zur Lehre dienen lassen und im gleichen Sinne handeln?" Es ist nun eine grobe Lüge, daß die Juden nur für reinjüdische Interessen Geld opfern. Es kommt äußerst selten vor, daß andere als Juden für jüdische Interessen Geld spenden; dagegen ist es verhältnismäßig sehr häufig, daß Juden Schenkungen, und Legate auch für durchaus nichtjüdische Zwecke machen. Es fügt sich aber so, daß den Juden gerade aus Anlaß der jetzigen Sammlungen für die russischen Juden dies ausdrücklich bezeugt wurde und zwar von keinem geringeren als von dem Erzbischof von Bamberg, Dr. Friedrich Philipp von Abert, dessen Brief die Runde durch die Presse der ganzen Welt macht und von allen Seiten als das Zeugnis edler Humanität aufgefaßt wird. . Ja noch mehr. Keine Sammlung für allgemeine Zwecke hat in den letzten Jahren in Deutschland stattgefunden, an der nicht Juden den hervorragendsten Anteil genommen hätten, einen Anteil, der den auf sie entfallenden Prozentsatz sicher weit übersteigt. Dies ist so allgemein bekannt,- daß wir. geglaubt hätten, es aus diesem Anlasse erst nicht noch einmal wiederholen zu müssen. Aber die Antisemiten leisten eben das Unglaubliche! Wem dies etwa zu scharf erscheint, der lese, den folgenden Aufruf an die „Volksgenossen": „Unsere Judenpresse bringt die schaurigsten Berichte / über Judenhetzen in Rußland und läßt den Klingelbeutel für die „armen russischen Juden" herumgehen. Hoffentlich sind die Christen und ■ Juden itn Deutschen Reiche nicht so albern, ihr gutes Geld den russischen Juden in den Rachen zu . werfen. Denn nicht die notleidenden Inden in Rußland sollen unterstützt werden, sondern die revolutionäre Bewegung, deren Hauptmacher Juden sind, soll durch Zufluß ausländischen Geldes verstärkt werden. Wenn das Judentum Rußlands aufs neue revolutionieren, die Romanows stürzen und lvieder Ströme Blutes vergießen lassen will, dann mögen die Rothschilds die Kosten zahlen." Zum Glück fließen, was wir dankbarst anerkennen, trotz alledem nicht nur aus jüdischen Kassen reiche Opfer für die jüdischen Notleidenden in Rußland. In. allen.Ländern, nicht zuletzt, apch