Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 508 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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;508 Motive für den Kenner der spanischen Verhältnisse existiert haben müssen, wenn er den religiösen Regungen, der Maranen indifferent oder gar ablehnend gegenüber gestanden haben soll. Seine Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" lassen viel eher auf warme Sympathie für die Sache schließen. Das Nichterwähnen Dr. Kayserlrngs übrigens in meinem Artikel beruht nicht auf Vergeßlichkeit, es sollte jedoch vorwiegend die politische Seite jener Frage dort erörtert werden — soweit von einer Erörterung bei der allgemein gehaltenen Arbeit überhaupt die Rede sein konnte. Dr. Kayserling, seligen Andenkens, hat aber seine eingehenden Studien über die Juden Spaniens nur als Gelehrter und nicht als Politiker betrieben. Seine zahlreichen Werke über diese Materie stempeln ihn ja allerdings zu einer Autorität ersten Ranges in der spanisch-jüdischen Frage, und sein Verdienst soll in keiner Weise irgendwie geschmälert werden. Auch Dr. Pulido fußt in gewissem Sinne auf Kayserling, der spanische Senator hat aber der spanischjüdischen Frage eine praktische und politische Seite abzugewinnen gewußt, und wir bezeichnen ihn deswegen als. den intellektuellen Urheber dieser neu auftauchenden philosemitischen Bewegung. Ueber die in genannter Zuschrift erwähnten weiteren Punkte bemerken wir, daß wir zu weit ausholen müßten, um die sehr oberflächlich gehaltenen Einwürfe gebührend zu entkräften. Wie behalten uns aber vor, im einzelnen und näher darauf zurückznkommen. Zudem lassen sich diese Behauptungen von hier aus nicht kontrollieren; \ ich habe daher dem Senator Dr. Pulido die Notiz brieflich übermittelt, zwecks einer genauen Prüfung, da ich fürchte, daß bis-'zu meiner Rückkehr nach Spanien zu viel Zeit vergehen wird. Die dort geäußerten Bedenken erheischen aber, daß man ihnen gar bald den Garaus macht, und die Wichtigkeit der spanisch-jüdischen Frage sorgfältige Prüfung jeder Einzelheit. Wir hoffen also baldigst darauf zurückkommen zu können. * Die Munizipalwahlen, welche am.1. d. M. in Oran stattfanden, haben dem Antisemitismus in Algier endgültig den Todesstoß versetzt. Im Jahre 1904 sind bei den allgemeinen Wahlen eine nationalistische und eine antisemitische Liste durchgedrungen. Allein eine große Anzahl von Wahlbeeinfluffungen führten zur Annullierung der Wahlen durch den Staatsrat und die Bürger von Oran wurden am 1. Oktober zum zweitenmal zur Wahlurne gerufen. Diesmal siegte die republikanische Liste mit einer Majorität von 1000 Stimmen über die antisemitische, so daß die republikanischen Kandidaten im ersten Wahlgang gewählt worden sind. Durch die Wahlen in Oran sind die Antisemiten hoffentlich endgültig aus Algier vertrieben worden. * Wir haben kürzlich über die von Herrn Jacob Feitlowitsch in Paris unternommene Forschungsreise zu den Falaschas in Abessinien berichtet und seinen Angaben gemäß mitgeteilt, daß der größte Teil dieses seit uralter Zeit um seinen Fortbestand ringenden Bruderstammes dem alten Väterglauben unverbrüchliche Treue bewahrt habe. Nun publiziert Herr Feitlowitsch ein von den Falaschas ihm eingehändigtes Schreiben mit der dringenden Bitte, dessen Inhalt allen Juden der Welt bekannt zu geben. Das Original dieses in der Geezsprache abgefaßten Briefes befindet sich beim Grand Rabbin Zadoc Kahn in Paris; hier folgt die wörtliche Uebersetzung: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels.! Folgenden Brief senden aus Abessinien die Kinder Israels, die Falaschas genannt werden, damit er gelange an unsere Brüder, an die Lehrer in Jerusalem und in alle Länder, die jüdische Gemeinden besitzen. Schalom! Friede! Geht es Euch gut?. Wir sind unglücklich. Der Negus Theodoros und der Negus Johannes wollten uns mit Gewalt unserem Glauben entreißen: Werdet Christen, sprachen sie. Wir aber zogen den Tod dem Abfall vor. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hals uns, und durch unser Gebet blieben wir noch eine geringe Zahl zurück. Früher waren wir zahlreich,- wir hatten 200 Gotteshäuser, jetzt besitzen wix nur noch dreißig. Als die Derwische über uns herfielen, kamen gar viele von uns durch Hunger um. Gott, hat Jure Gebete erhört, und wir haben jetzt einen gutherzigen Negus. Menelik spricht: Bleibet das, was Eure Väter waren. Gott gebe ihm dafür langes Leben. Nun aber kamen zu uns die Junger von Flad (Missionäre) und sprachen: Tauft Euch. Wer nicht Christ wird, muß untergehen, wer aber Christ werden will, dem. soll geholfen werden. Wir aber ringen für die Lehre Moses im Namen des Gottes Israels O, betet für uns! Dies schreiben Abba Arin und Abba Töin, die Hohepriester, und hoffen, daß der Inhalt gelangen wird au die Gemeinden Israels und ihre Lehrer und Führer durch Jacob ben Moses (Jacob Feitlowitsch), der her kam, um uns zu sehen, ..worüber wir uns sehr gefreut haben. Wenn ein Mann aus Israel uns'besucht, empfinden wir ungeheure Freude. Reicher Friede sei mit Euch, Ihr Kinder Israels, unsere Brüder in der Lehre Moses. Ach, Brüder! Wir bitten Euch, vergesset unser nicht, denn wir schweben in großer Gefahr. Unsere Bücher sind vernichtet, denn die Derwische haben sie verbrannt. Unsere Lehrhäuser sind zerstört und verwüstet. Betet, betet für uns zu Gott. Geschrieben im zwölften Monat, am achtzehnten des Monats in Gur-Abba in der Nähe von Gondar." Wie wir hören, ist der Hohepriester Abba Arm 85 Jahre alt und auch Abba Tom ist hochbetagt Beide unterhalten in dem Dorfe Gur-Abba,' wo 100 Familien der Falaschas. wohnen, ein Gotteshaus, das zugleich eine Art Lehrhaus ist. Drgsnilatilln der Milchen Akligjonsgemrinden in Kreutzen. Von Felix Mako wer. en Ausführungen, mit denen ich in Np. 38 dieser Zeitung einige Bedenken gegen wesentliche Punkte des von Herrn Professor Rosin entwickelten Planes für ein neues preußisches Judengesetz geltend gemacht hatte, ist zu meinem Bedauern Herr Rabbiner Dr. H. Vogelstein, und zwar in erregter Weise, entgegengetreten. Die Entgegnungen des Herrn Dr. Vogelstein sind jedoch ungerechtfertigt. Ich hatte geschrieben: „Der Rabbiner ist nicht Geistlicher, sondern ein in Kultusangelegenheiten und Religionsgeschichte sachverständiger Laie." Herr Vogelstein meint, hierdurch werde der Rabbiner in eine Reihe gestellt mit einem Winkeladvokaten oder einem Heilgehilfen. — Das Wort „Laie" hat zwei Bedeutungen: eine ursprüngliche, wonach als Laie jeder Nichtgeistliche bezeichnet wird, und eine übertragene, wonach Laie gleichbedeutend mit Nichtsachverständiger ist. Daß in meinem Satz die letztere Bedeutung nicht gemeint sein kann, ergibt der Zusatz „sachverständiger", der sonst einen Widerspruch im Beigefügten enthalten würde, und daß erstere Bedeutung gemeint ist, ergibt sich aus der Gegenüberstellung von „Geistlicher" und „Laie". Daher wiederhole ich: nach jüdischer Anschauung ist der Rabbiner nicht Geistlicher, sondern Laie, wenngleich ein aus gewissen Gebieten sachverständiger (fachmännisch gebildeter) Laie. Und zwar sachverständig auf den Gebieten der Kultusangclegenheiten und der Religionsgeschichte. Herr Dr. Vogelstein meint: „in allen religiösen Angelegenheiten". Da er nicht angibt, was er unter dem vieldeutigen Begriff „religiöse Angelegenheiten" versteht, so fehlt zunächst ein gemeinsamer Boden für eine weitere Erörterung dieser Streitfrage. Auch der von Herrn Dr. Vogelstein vorgeschlagene Ausweg, in einer Anmerkung zum Gesetz den Begriff der „religiösen Angelegenheiten" näher zu bestimmen, führt nicht weiter, so lange Herr