Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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487 Lande zu. In der Tat ist die Einwirkung der jüdischen Bevölkerung aus die äußere und innere Politik der Vereinigten Stautest, von Nordamerika unverkennbar. Man braucht nur an die Munizipalwahlen in Newyork einerseits und an den langjährigen Kampf der Vereinigten Staaten um Anerkennung der amerikanischen Pässe in Rußland andererseits zu denken. Von den 1 Vs Millionen in den Vereinigten Staaten lebenden Juden wohnen' 150 000 erst seit 40 Jahren und kaum 250 000 seit 25 Jahren im Lande. Ferner sprechen 40 Prozent der dortigen jüdischen Bevölkerung noch kein englisch, und endlich ist nahezu der vierte Teil der dortigen Juden, weil sie noch nicht die gesetzliche Zeit von fünf Jahren im Lande verweilen, noch mehr aber aus alter jüdischer Nachlässigkeit, nicht einmal naturalisiert. Welche Zukunft dem Judentum in Amerika bevorsteht, wenn .erst alle Einwanderer die englische Sprache erlernt, das Bürgerrecht erworben und überhaupt im Lande feste Wurzeln gefaßt haben, läßt sich noch kaum übersehen. In dem glücklichen Amerika, das keine Schlösser hat, weder „Ahnen" noch Vorurteile besitzt, wird noch der Mensch nach dem genommen, was er wirklich wert ist. In einem solchen Lande mit unbegrenzten Möglichkeiten, das keine Staatskirche besitzt und nach Abkunft und Nationalität seiner Bürger nicht fragt, muß ein so fleißiges, nüchternes, wiß- und lernbegieriges und vor allem unternehmungslustiges Volk es weit bringen können. Der jüdische Einfluß in Amerika ist übrigens keineswegs jüngeren Datums. Schon an der Entdeckung des Kontinents waren die Juden in hohem Grade beteiligt. Die Ausrüstung der Kolumbüsexpedition ist nicht von der Königin Jsabella, welche angeblich zu diesem Zwecke ihre Diamanten verpfändet habe, erfolgt Vielmehr haben die beiden Maranos, Louis de Santangel, Generalkontrolleur von Aragonien und Hofminister des Königs, sowie Gabriel Sanchez, Finanzminister von Aragonien, die zur Ausrüstung der Kolumbusschiffe nötigen Mittel der Königin vorgeschossen, und zwar ohne deren Diamanten als Unterpfand erhalten zu haben. Letztere hatte ihre in der Weltgeschichte berühmt gewordenen Diamanten schon längst vorher verkauft. Nicht die „katholische" Königin, sondern zwei spanische Juden haben die Entdeckung Amerikas finanziell ermöglicht. Außer dieser pekuniären Hilfe hat Kolumbus den Juden sehr bedeutende wissenschaftliche Vorbereitungen seiner Reise zu verdanken. Ferner haben Juden unter Einsetzung der eigenen Person zur Verwirklichung der hohen Kulturaufgabe das ihrige auch physisch beigetragen. Ein Bruder des Gabriel Sanchez, des Führers der Expedition, Rodrigo Sanchez, wurde, von der Königin Jsabella zum finanziellen Leiter derselben erkoren. Meister Bernal war der Arzt und Marco der Chirurg der Expedition. Ferner befand sich unter den einfachen Matrosen ein Jude namens Alfonso de la Calle. Ein fünfter Jude Rodrigo de Triana war es, der zuerst den Ruf: „Land, Land!" ausstieß. Endlich war der wegen seiner Kenntnisse der orientalischen Sprachen von Kolumbus als Dolmetscher mitgenommene Jude Louis de Torres der erste Weiße, der seinen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hat. Ihn schickte nämlich Kolumbus ans Land, um den „großen Khan von Indien", für den er irrtümlicherweise den Kazika von San Salvadore angesehen hatte, im Namen Spaniens zu begrüßen. Obwohl also zehn Juden sich an der ersten Kolumbusschen Expedition in hervorragender Weise beteiligt haben, so hätten diese historischen Verdienste doch nur den Wert einer geschichtlichen Reminiszenz und würden die Juden zu der von ihnen gegenwärtig in Amerika eingenommenen Stellung noch keineswegs berechtigen, wenn sie nicht auch nach erfolgter Entdeckung des Kontinents an der Entwicklung dieses Neulandes noch ferner in hohem Grade beteiligt wären. Bereits am Beginn des 16. Jahrhunderts haben Juden in dem damaligen Kulturzentrum der neuen Welt, dem von Romanen beherrschten - Südamerika, sich zahlreich niedergelassen. Allein der Süden Amerikas war von der Vorsehung nicht zum Kernpunkt der Zivilisation der neuen Welt bestimmt. Dieses war der von Germanen bevölkerten nördlichen Hälfte Amerikas Vorbehalten. Und so sehen wir die Juden schon frühzeitig nach diesem Teil des Kontinents ihre Schritte lenken. Das Jahr 1905 wird in Amerika als das 250. Jahr der ersten Ansiedlung von Juden > in Newyork angesehen und daher am 30. n. M. als Jubeljahr gefeiert werden. Die Feier kommt etwas verspätet.- Schon im Jahre 1652 sind von der Leitung der holländischen West-Jndia- Company jüdische Soldaten und Matrosen nach Neu-Amsterdam, dem gegenwärtigen Newyork, geschickt worden. Zwei Jahre später und zwar am 9. November 1654 kamen zwei Juden, Jacob -Barsimson und Jacob Aboab mit dem Schiffe „Pear Tree" nach Neu-Amsterdam, um sich daselbst dauernd niederzulassen. Ihnen folgten im selben Jahre weitere 23 jüdische Familien mit-dem Schiffe „St. Catarina" aus Brasilien, wo gerade eine heftige Judenverfolgung wütete. Da sie .nicht in der Läge waren, die. Ueberfahrtskosten zu bezahlen, so wurden zunächst ihre Habseligkeiten öffentlich versteigert, und als auch dieses nicht ausreichte, um die ganze Schuldenlast zu tilgen, zwei von ihnen, David Israel und Moses Ambrosius, in Schuldarrest genommen. Als die Austreibung der Juden aus diesem Lande von der portugiesischen Regierung beschlossen wurde, wanderte ein ganz großer Teil der dortigen jüdischen Einwohnerschaft nach dem unter dem Szepter des toleranten Holland stehenden Neu-Amsterdam aus. Die rapide Zunahme der jüdischen Bevölkerung hat vor 250 Jahren in Neu-Amsterdam die gleichen Folgen wie heutzutage. Mit den Juden kam auch der Antisemitismus ins Land. Zwar hatte die tolerante Direktion der holländischen West-Jndia-Company dem Gouverneur Stuyvesant auf dessen Antrag, die Juden aus Neu-Amsterdam auszuweisen, erklärt, „diese Forderung ist weder mit der Vernunft noch mit der Gerechtigkeit in Einklang zu bringen", und den Juden im Gegenteil das Recht erteilt, in ganz Neu-Niederland wohnen und daselbst ein Gewerbe treiben zu dürfen, solange sie selber für ihre Armen sorgen. Aber bereits elf Jahre später wurde Neu-Amsterdam von den Engländern erobert, und das Kolonialparlament nahm die Juden von der allen Ansiedlern und Bürgern gewährten religiösen Duldung ausdrücklich aus. Auch die Parlamente der einzelnen Staaten wetteiferten mit dem Kolonialparlament in der judenfeindlichen Gesetzgebung. So wurde im Jahre 1737 vom Parlament des Staates Newyork. den Juden das Wahlrecht genommen und ihnen das RechD als Zeugen zu fungieren abgesprochen. Selbst nach der Revolution wurden die Juden im Staate Maryland zu keinem öffentlichen Amte zugelässen und erst 1825 erhielten sie in sämtlichen Staaten Nordamerikas dje volle Gleichberechtigung. Trotz aller Schwierigkeiten gelang es ihnen dennoch, in der neuen Welt immer fester Wurzeln zu fassen, so daß wir im Jahre 1790 in Newyork einem gewissen Heyman Levh begegnen, den man als den ersten Großkaufmann Nordamerikas bezeichnen darf. Er unterhielt ausgedehnte Handelsbeziehungen zu den noch damals sehr zahlreich und dicht bei Newyork wohnenden Indianern und ward von diesen wegen seiner Ehrlichkeit „die redliche Blüßhaut" genannt. In dem Geschäft dieses Heyman Levy arbeitete John Jakob Astor, der