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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-06 · Heft 40 (6.10.1905) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 68. Jahrgang. No. 40. Berlin, 6. Oktober 1905. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Ab on nements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. R«b.af4ent: .fiustav Rarp«l«». Begründet von Rabbiner Ludwig Phklippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Ullgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Zerüsalemer Straße 46/49, Z» richten. Verlag von Rudolf Mofs«, Berlin. Kvm Verlohnungstsge. Berlin, 5. Oktober. So oft uns der Vorwurf nationalen Hochmuts auf die Auserwähltheit Israels gemacht wird, müssen wir auf den Versöhnungstag als auf eine Institution Hinweisen, die keine andere Religion kennt. Was haben wir auf dem Gebiete der vergleichenden Religionsgeschichte in den letzten Jahren nicht alles erlebt! Kaum ein Gedanke, kaum .ein Fest, kaum ein Gebrauch, dessen Originalität man nicht Israel absprechen und bei älteren Völkern vorfinden wollte. Zuletzt kam gar noch Professor Delitzsch uud hat Israel selbst die-Idee des Monotheismus streitig machen wollen, dessen Ursprung er in Babel gefunden zu haben meinte. Nur den Gedanken des Versöhnungstages hat man bis jetzt bei keiner Religion der Welt gefunden, und man wird ihn auch wohl nie finden, denn dieser Gedanke ist Israel eigentümlich. Er hängt mit seiner ganzen religiösen Eigenart innig und untrennbar zusammen. Es ist ''eine schöne Parabel, die unsere Alten erzählen. In der Zukunft wird Gott mit der Thora in der Hand über die Völker zu Gericht sitzen und sie alle vor seinen Thron rufen, damit sie den Lohn für ihr Erdenwallen empfangen. Da tritt zuerst Rom heran. Womit habt ihr euch in eurem. Geschichtsleben beschäftigt? wird die Frage lauten. Und sie werden antworten: Herr der Welt, viele große Plätze haben wir geschaffen, viele Bäder errichtet, viel Silber und Gold züsämmengerafft. Da wird ihnen der Herr antworten: Was ihr getan habt, war für euch. Oeffentliche Plätze für eure Lust, Bäder um euch zu.. vergnügen, Silber und Gold, um eurem Wohlleben zu frönend Hierauf treten die Völker Persiens vor: Womit habt ihr euch beschäftigt? Herr der Welt, äntworten diese, wir bauten viele Brücken, eroberten viele, große Städte, führten zahlreiche Kriege. Aber auch ihnen antwortet der Herr: Was ihr getan, war für euch selbst. Brücken, damit ihr Steuern einzieht, die Eroberung von Städten)? damit, ihr über sie herrschet, und die Kriege, um. euren Besitz zu' vergrößern. Zuletzt tritt Israel hervor und auf hie. Frage, womit habt ihr .euch beschäftigt, antworten sie, wie haben deine Thora erfüllt. Dieses Verdienst findet seinen ^gebührenden Lohn, .und) da die. anderen Völker dies sehen, sprechen sie: Herr gib auch uns das Gesetz, wir wollen es befolgen. Da gab ihnen der Herr ein Gebot, das. des Versöhnungstages. „Geht hin'und beobachtet es:" Aber kaum einmal haben sie es versucht, und..als die Sonne heiß an dem Tage brannte, da ) wurden sie unmutig und riefen: ' „Lasset uns die Bände Zerreißen und von.) uns 'werfen) alle Feffeln" Ein tiefer Sinn liegt in dieser naiven Erzählung. Im Lichte des Versöhnungstages zeigt sich uns so recht, wie Israel die große Aufgabe, die ihm zuteil geworden, erfaßt und erfüllt hat. Eine große deutsche Dichterin hat einmal eine Synagoge am Versöhnungstage besucht und dem Gefühl, das sie angesichts dieser Gemeinde frommer Beter erfüllte, poetischen Ausdruck verliehen in der Frage an Israel, warum es noch immer, dieses Sühnefest feiere, da ihm doch schon längst der letzte Jammerschrei von seinen Feinden erpreßt worden? Mögen diese ihre Opferflammen anzünden, und wie hoch diese auch gen Himmel lodern möchten, vor dem Geschick Israels, des Volkes, das sich selbst zum Opfer hat gebracht, müßten in Dunkel schwinden die Stürme, die an ihm vorüberzogen. Sie haben seine Heldentreue nicht gebrochen, aber ihre trüben Spuren liest die Dichterin auf den bleichen Gesichtern der frommen Beter. Dieser Anblick ergreift sie im tiefsten Herzen rmd sie vergleicht Israel mit der Rose von Jericho, mit jener Rose, die scheinbar welk und erstorben, schnell wieder die frische Farbenglut gewinnt, wenn fromme Hand sie in geweihte Fluten taucht. So wie jene Wunderblume scheine auch Israel verwelkt, erstorben und verdorrt, doch in den Tränen, die es am Versöhnungstage glühend weint, „o Israel, lebst Du unsterblich fort." Die moderne Bibelkritik hat den Nachweis zu führen versucht, daß das Gesetz über den Versöhnungstag in seiner jetzigen Form zu den jüngsten Teilen des Pentateuchs gehöre.. Sie ist aber nicht zu einer Erklärung der merkwürdigen Tatsache gekommen, daß der Versöhnungstag selbst rasch an die Spitze aller Feste als das heiligste von allen getreten ist. Sie hat eben mit Worten und Taten, nicht aber mit jenen Imponderabilien des Gemüts gerechnet, die weit schwerer wiegen. Wer die Geschichte Israels verstehen, wer seine religiöse Eigenart recht würdigen will, der muß die volle Bedeutung des Versöhnungstages zuerst kettnett lernen. Aber nicht zum Stolz und zur Ueberhebung auf diese Institution darf uns der Versöhnungstag führen. Gerade die tiefste Demut zu wecken, ist die besondere Ausgabe dieses Tages, der auch nicht in eine voll den Tochterreligionen übergegangen ist: -Inmitten des hastenden Getriebes der Zeit gibt uns der Versöhnungstag Gelegenheit, einmal wieder in Ruhe und in stiller Beschaulichkeit uns Rechenschaft abzulegen von unsetrn TuN ünd Lassen, unser Leben auf seinen inneren Gehalt zu prüfen, und neue bessere Vorsätze zu faßen; indem wir der Arbeit und den Bestrebungen des Alltags entsagen, können wir mit voller Freiheit des Geistes den Idealen uns hingeben, durch welche der Mensch, seine höchsten sittlichen Aufgaben zu erfüllen 'vermag. ' Es soll dieser Tag ein Tag der Versöhnung - / '." ~ ' ',■1111111111

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