Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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die gesamte Judenschast der Bukowina umfassenden einh e.itl ichen Ornahmen Delegierte aus allen jüdischen Kultrrsgemeinden der Bukowina teil; aus fast allen größeren Orten des Landes waren Vertreter erschienen. Im ganzen waren 70 Delegierte anwesend. Eine größere Anzahl eingeladener Vertrauensmänner war am 'Erscheinen verhindert,begrüßte aber mit vollster Wärme die Begründung einer solchen Organisation . u>ld schickte teils briefliche, telegraphische Znstimmungskundgebungeu.- Nach einem eingehenden Referat des Herrn Dr. Straucher und einer lebhaften Diskussion wurden die Anträge Dr. Strauchers einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Es wurde ein zwanziggliedriges Komitee zur Ueberreichung des von Dr. Straucher verfaßten und in der Versammlung angenommenen Organisationsstatuts eingesetzt. BMirn, 17. September. Herr Dr. Ludwig Levy vom Breslauer Seminar, der am 23. Oktober v. I. einstimmig zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewühlt wurde, trat am 17. d. M. sein Amt an. Die feierliche Installation fand am selben Tage statt. Zunächst fand eine Sitzung des verstärkten Vorstandes statt, in der Dr. Levh nach einer rück- und vorschauenden Ansprache des Präsidenten Dr. Fialla die Pflichten-Angelobung leistete. Um 11 Uhr begann der eigens hierzu veranstaltete Gottesdienst. Unter den Klängen eines Chorales auf den Text Uorueb habo zog der junge Rabbiner vom Vorstande geleitet in den Tempel, wo der Präsident ihn vor der Bundeslade mit einer wirkungsvollen Ansprache begrüßte, die reich war an biblischen Reminiszenzen und mit dem Vers schloß: „Gott sei mit dir, dem Geistesstarken, Tatkräftigen!" Der neue Rabbiner hielt hierauf seine Antrittspredigt über den Text Jesaia 55, 10. 11: „Denn wie der Regen vom Hinimel herniederfällt und dahin nicht zurückkehrt, bevor er die Erde getränkt und befruchtet, so soll mein Wort, das aus meinem Munde kommt, nicht leer zu mir zurückkehren, bevor es gewirkt, was ich begehrte, und ausgesührt, wozu ich es gesandt." .So passend dieser Text gewählt, so geist- und gemütvoll, war die Durchführung. Die Predigt, die mit warmer, echter Empfindung vorgetragen war, übte auf die das Gotteshaus! in allen Räumen füllende Gemeinde einen tiefen Eindruck, und alles ist voll froher Hoffnung 'für die?ünftige Wirksamkeit des jugendlichen Seelsorgers. Von Mh und Fern. — Dem Vorsteher der technischen Abteilung der Zentrale für Spiritusverwertung in Berlin, Professor Dr. Wittelshöser, ist das Offizierkreuz des österreichischen Franz Josef-Ordens verliehen. — Der Buchhalter Bernhard Aschkenasy, hier, hat am 30. Juni d. I. einen unbekannt gebliebenen,.etwa 12 Jahre alten Knaben, der beim Spielen in der Nähe der Gotzkowsky-Brücke in die Spree gefallen war, vom Tode des Ertrinkens gerettet. Der Polizeipräsident bringt jetzt die von Mut und Entschlossenheit zeugende. Tat belobigend zur öffentlichen Kenntnis. — Am 24. d. , M. feierte Oberrabbiner Dr. Feilckienfeld in Posen unter allgemeiner Teilnahme weiter Kreise sein 50jähriges Amtsjubiläum. — In Krotoschin ist am 22. d. M. der Kommerzienrat und Stadtälteste Marcus Hepner, Ehrenbürger von Jaraczewo, im 81. Lebensjahre gestorben. — In Tuchel ist am 18... d, M. im 79. Lebensjahre der Stadtälteste Ephraim Cohn gestorben. — Der Kaufmann Eugen Rothschild in Trier hat nicht, wie es in Nr. 38 heißt,"'den Kronenordem sondern den Roten Adlerorden IV. Klaffe erhalten.—Bei derReichstagsersatzwahl 'im Wahlkreise Essen (Rnhr> haben die Antisemiten trotz großer Agitation sehr schlecht abgeschnitten. Ihr Kandidat erhielt kaum 2000 Stimmen gegen 35 000 des Zentrums- und 28 000 des sozialdemokratischen Kandidaten. — Zu den Baukosten für die Straßburger neue israelitische Kunst- und Gewerbeschule hat auch der Bischof von Straßburg, Dr. Fritzen, sowie der Präsident des evangelischen Kons-istorinms Augsburger Konfession Beiträge gestiftet; der Bischof Dr. Fritzen begleitete den Beitrag mit einem sehr schmeichelhaften Anerkennungsschreiben. — In Paris ist Siegfried Bing, der bekannte-Kunsthändler und Schöpfer des Kunsthauses „Art Nouveau" in der Rue de Provence, 67 Jahre alt, gestorben. Bing war ein geborener Bayer. Er hat sich namentlich hohe Verdienste durch die Einführung chinesischer und japanischer Kunst auf dem europäischen Kunstmarkt erworben. Er selbst besaß köstliche,' auserwählte Sammlungen asiatischer Kunstwerke. — Eines der Hauptargumente der Verteidiger der englischen Einwanderungsgesetze war bekanntlich, daß die Einwanderer, zumeist Inden, den Lohn des einheimischen Arbeiters herabdrücken. Nun hat der Präsident des englischen Gewerkschaftskongresses, der fast die gesamte in den Trades Unions vereinigte Arbeiterschaft Großbritanniens .umfaßt, sich öffentlich gegen die Fremdengesetze ausgesprochen. — Der Kaufmann Lesser Levh in Warschau hinterlietz eine große Summe zum Zwecke der Förderung der jüdischen Emigration aus Rußland. Der „Fraind" selbst hebt hervor, daß es das erstemal ist, daß in Rußland ein derartiges Legat hinterlaffen wird. — Das -russische Ministerium des Innern beauftragte die höheren Behörden der Städte, wo die Munizipalitäten für die Zulassung der Juden zur Selbstverwaltung sich ausgesprochen, ihr Gutachten darüber einzusenden. Die Symferofoler Duma hat bereits ihre Mitteilung gemacht. — Ein Telegramm aus Petersburg bringt folgende Nachricht: Dem Rate des Professorenkollegiums wird die Frage der Aufnahme der Juden in den Lehranstalten anheim gestellt. — Eine Gruppe angesehener Glanbensgenoffen, die sich für die Vertretung der jüdischen Bevölkerung in der Gosudarstwenaja Duma (Volksvertretung) interessieren, hat an vielen Gemeinden zu diesem Zwecke Fragelisten gesendet, in denen darauf hingewiesen wird, daß vor allem auf Grund offizieller Statistik es notwendig fei, die genaue Zahl der Personen sestzusetzen, die das Recht besitzen, an der Mahl der Abgeordneten der Gosudarstwenaja Duma teilzunehmen. Zu gleicher Zeit müssen entsprechende Listen mit Namenangabe in den lokalen Anstalten angesertigt werden. Auf Grund der empfangenen Beweisstücke wird die Basis für die zukünftigen Wahlen bezeichnet werden. — Mit Bewilligung des Finanzministers wurden die Juden diesmal im Warschauer Polytechnikum ohne Prozentbeschränkung ausgenommen; es wurden alle ausgenommen (53), die rechtzeitig Bittschriften einreichten, und die Konkursprüfung bestanden. — Die neue Preßkommission unter Kobeko wird zunächst die Bedingungen prüfen, die zur Feststellung der polnischen, deutschen und im allgemeinen der nichtrussischen, folglich auch der jüdischen Presse notwendig sind. — Ans Swenigorodka telegraphiert man: Hier wurde eine Handelsschule des Finanzministeriums eröffnet. Es wurden 123 Schüler ausgenommen, wovon die Hälfte — jüdische. Mn Schritt vorwärts! — Das Ministerkomitee hat entschieden, daß diejenigen,- die von der orthodoxen Kirche (prawoslawny) zn anderen Glaubensbekenntnissen ü bertreten wollen, sich an den Gouverneur rni einer Anzeige darüber direkt, oder durch Vermittlung der.Kreisbehörden zu wenden haben. Der Gouverneur teilt dies der Exarochialbehörde mit, und nicht später als einen Monat darauf übermittelt diese die Anzeige der sremdgläubigen Behörde. — Der Akzisbeamte Kalinitschenko, der in Feodosia beschuldigt wurde, während der antisemitischen Unruhen zur Gewalttätigkeit aufgehetzt zu haben, wurde nach Berdjansk versetzt und ging bereits nach seinem Bestimmungsorte ab. „Wir gratulieren" — sagt der „Krim-Bote" — „den Einwohnern von Berdjansk zu dem wertvollen und seltenen Funde." — In Rostow am Don wurde der. Versuch gemacht, dem hetzerischen Antisemitenblatt „Djenj" („Der Tag") das Terrain abzugraben, indem man die liberalen Zeitungen gratis verbreiten wollte. Jedoch wurde der Kolporteur dieser Zeitungen von der Polizei arretiert. — Die Angelegenheit des jüdischen Pogrom in Smela (Kiewer Gouvernement) ist dem Kriminaldepartement des Kiewer Gerichtshofes übergeben wnrden. Die Akten dieses Prozesses bestehen aus 178 Bänden. — — Im Ministerium des Innern wurden Beratungen über den Zensus der Kronrabbiner gepflogen. — Die Verwaltungskommission über die jüdischen Fragen beginnt ihre Arbeiten in den ersten Tagen des Oktobers. — — In Newyork ist der jüdische Dichter und Journalist Isaak I. Mi ln er, eine bekannte Figur des Ostends, am Sabbatabend, während er an einem neuen Buche arbeitete, von einem Herzschlag getroffen worden. Milner kam vor sieben Jahren von Grodnv (Rußland) nach Amerika; er beherrschte die englische Sprache und war ein gewandter Stenograph. Er war auch Korrespondent des St. Petersburger „Fraind".