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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-09-01 · Heft 35 (1.9.1905) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
Seite 415 (sequence 7)
Language
German
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an dessen Schachpartner schicken lassen" Wie nun diese Leute in der Audienz erschienen, warf der Gefürchtete einen Blick auf , sie-- der jeden einzelnen durchbohrte. Auch den Fabrikanten Bondh, trotz des Briefes in seiner Brusttasche: > Doch siehe da, das scharfe Auge des Gouverneurs bleibt auf ihn hasten, unter sv vielen Leidensgefährten.. „Was ist das?"' sagte er, „Sie kommen -mirso bekannt vor. Wer sind: Sie? Wie heißen Sie?". Er .sagte es so barsch, daß der Angeredete auf die Knie fiel'und zitternd in die Brusttasche langte. Immerhin-beeilte er sich seinen Namen zu nennen. „Bondh . . ' Bondy . . . Sie.sind doch nicht verwandt mit dem Bondh in Lichtenstadt bei Karlsbad?" — „Gewiß, Exzellenz, das ist mein Bruder, ich habe auch einen Brief von ihm an Ew. Exzellenz bei mir.'" —. „So, sein Bruder! . . . Brief unnötig, alles bewilligt. Haben nichts zu zahlen." Einer der denkwürdigsten Partner Bondys .war der britische Botschafter in Berlin , Odo Ruffel, ^später Lord Ampthill. Eigentlich hatte.er das Schach von ihm gelernt, als er 1838,. acht Jahre alt, zum erstenmal mit Mama und Brüdern nach Karlsbad kam. Die ganze Familie Russell lernte da Schach, und. die sehr gelehrte Mama, Lady William Ruffel, nebenbei Hebräisch, dies aber vom. alten Saphir, dem Edelsteingraveur. Damals lag auf Bondys Laden noch gewissermaßen ein Nachglanz des Wiener Kongresses. Im Hinterstübchen spielte Papa Bondh mit dem Grafen Tatischtscheff, russischen Gesandten in Wien, und dem General Grafen Balmain, der als russischer Kommissär mit Napoleon auf St. Helena geweilt. .Der -gelehrte Graf Kaspau v. Sternberg, Goetheschen Angedenkens, der berühmte Geologe Leopold U Buch, ber Komponist Ludwig Spohr, der russische General der Kavallerie De Witt, ein Nachkomme des ermordeten -,Großpensionärs" von Holland, einst Teilnehmer des Wiener Kongresses, der prächtige Fürst Paul Esterhazy, auch der Sohn Mozarts und so noch andere Remarkable der Zeit saßen bei Papa Bondh im. Hinterstübchen und spielten um die Wette Schach. Selbst der Orient fand sich .ein.. Unter anderen ein hoher türkischer Würdenträger, der sich auf sein Schachspiel viel zugute tat und: einmal drei Tage lang mit Bondy . rang, aber täglich unterlag.' Da - sagte er: ,-;Vous*etes extremement fort, vous-etes mon martre,“ und spielte nie mehr mit ihm. Isaak Bondh war ohne Frage eine Erscheinung des Tages, eine charakteristische LokalsigUr, ja Figur überhaupt, jener weniger zerwühlten Zeit. Er sah auch danach aus. Groß und schlank, die. Adlernase ohne jüdischen Charakter, Lippen und Kinn rasiert, besonders auffallend die buschigen, weithinschattenden Augenbrauen, Haltung und Kleidung die des Weltmannes. Er war 1785 in Lichtenstadt geboren und starb 1873 in Marienbad, wo er seit einigen Monaten wohnte, nachdem das Vaterhaus daheim eines Nachts abgebrannt wax. Es war gerade die jüdische Neujahrsnacht, September 1873, und die Familie brachte sie aus freiem Felde zu, dem brennenden Hause gegenüber, in dem massenhafte Andenken zugrunde gingen. Ein einziger alter' Schrank' wurde gerettet. Fünfunddreißig Häuser. gingen damals im Flammen auf. Das Bondhsche stand am Markte, auf einem Eckplätze, und sah mit der makellos Weißen Tünche seiner festungsmäßigen Mauern und dem ungewöhnlich hohen deutschen Dach sehr stattlich aus. Es war ursprünglich als herzoglich, badisches Jagdhaus erbaut und später ein sogenanntes Freihaus. Der Freibrief,- eine Pergamentrolle mit zwei, mächtigen Siegeln, deren eines in der Holzkapstl niederhing, war eine Familienreliquie,' dieses Dokument' verlor aber , mit' dem Jahre 1848 seine privilegiale Zauberkraft. Die Familie Bondh hatte an die zweihundert Jahre - in diesem Hause gesessen, unberührt von der Unstetigkeit der damaligen Judeüschäft. Auch' sagte' sie sich bald vom - herkömmlichen Handel -der Handelsleute los und neigte dem Fabrikswesen zu. Schon Isaaks Vater gründete in Lichtenstadt eine Strumpfwirkerei mit- Handbetrieb.; eine der ersteN'fin Böhmen, wohin , dieses sächsische Gewerbe aus Annaberg und Eibenschütz eindrang. Isaak selbst war zum Studieren bestimmt und bezog das Polytechnikum in Prag. Sein- Busenfreund und Mitschüler daselbst war Emanuel Veith. der spätere berühmte Domprediger bei St. Stefan in Wien und Beichtvater , her Kaiserin Maria Anna, Er war in Kuttenplan, nahe bei Lichtenstadt, geboren. Alle diese Dinge sind bezeichnend für die geistige Atmosphäre, in der Bondy auswuchs. Er ist ein richtiger Vertreter jenes fortschrittlichen Judentums, dem ein großer Teil des .Sauerteigs für den ganzen österreichischen Vormärz entstammtes Ein Menschenschlag, der schon deshalb' für den ganzen Staat schätzbar wurde; Rasse von der Rasse, die den Keim der Zukunft in sich trug. ' In Marienbad ließ sich Bondh in dem Hause „Stadt Hannover" nieder. Er war 88 Jahre alt geworden, er hatte : nur noch wenige Monate zu leben./ Aber von seinen Nachkommen leben noch jetzt drei Familien in Marienbad. Eine derselben ist die Familie Fischl, deren altberühmtes Spitzengeschäst an der Ecke des Hotel Klinger, dicht am Kreuzbrunnkorso, auch einer der internationalen Punkte in der böhmischen Bäderwelt war. Ich sage „war", denn die Firma besteht zwar fort, ihre Gründer haben sich jedoch vor einigen Jahren.zur Ruhe gesetzt. Diesen Winter ist leider auch Frau Fischl gestorben, vielverehrt zu ihren Lebzeiten und vielbetrauert nach ihrem- Tode. Sie war eine ganz hervorragende Dame,.- eine echte Enkelin des alten Bondlp und genoß ebenso internationale Geltung wie er. Es entwickelte sich da eine förmliche gesellschaftliche Merkwürdigkeit. Bei ihr, im eleganten Spitzenladen, versammelte sich Jahr um Jahr 'die Creme, der Marienbader Kurgesellschaft. Hohe Intelligenz, feinster'Takt und gesellige Anmut waren ihre Anziehungskräfte.- Stundenlang faßen die Träger von Pariser und Londoner Namen, die alle Zeitungen füllten, bei ihr und schütteten ihr Herz ausbesprächen ihre privaten und öffentlichen Schmerzen^ für die sie bei diesem feingeistigen Wesen das vollste Verständnis fänden. Männer, wie Leon Sah und der General Marquis de Gallifet, die englischen Parlamentarier Läbouchere und CaMPbell-Bannermann, auch General Totleben, der Held' von Sebastopol und Plewna, waren tägliche Stammgäste. Exzellenz Gras Max Montecuecoli war eine der ständigsten und willkommensten Erscheinungen. Der einarmige Admiral Skolkow kam häufig. Auch Herr v. Kotze, der einst viel durch - die Zeitungen Geschleifte (Kotze-Affäre!) klagte immerzu sein Leid der Frau, die so gescheidt zu trösten wußte. . „La providence de Nariendaä/' nannten sie die Franzosen. Und die Gräfin von Paris war lange Zeit, eine Zierde dieses Zirkels. Auch Prinzessin Luise, Schwester des Deutschen Kaisers, kam viele Jahre. Und Großfürst Wladimirder nie die Grüße an seine Frau und der Zarin'vergaßt Und König Eduard VII., noch als Prinz von Wales, verbrachte manches Viertelstündchen m dem „Geschäft an der Ecke", wie es von.vielen einfach genannt wurde. Das Stammbuch des Hauses ist eine ganze Sammlung interessanter Autographen. Vervollständigt wird es durch die verschiedensten Photographien mit Widmungen. Und eine solche Photographie ist auch die der eingangs geschilderten Schachszene. 'Sie : hängt ganz schlicht und unauffällig aN der Wand im Bureau des Herrn Fischl, meines liebenswürdigen Hausherrn. Und ,da ich solche Dinge immer' bemerke- und das mitunter: seine schriftlichen Folgen hah so-ästdäs-voMegende-

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