Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
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halten wenn „bei uns, wie bei Ihnen" das Reisen vollständig frei gegeben wurde, aber es sei seine Pflichtsich - zu vergewissern, ob ich nicht wahrend meines Aufenthaltes im russischen Reiche gefährliche Anschläge auf Thron und Altar gemacht habe. Ich beteuerte meine Unschuld in letzterer Hinsicht und erklärte mit kaum mißzuverstehender Suggestion mich bereit, für meine Nichtbeachtung der. russischen Paßgesetze eine Strafe von fünf Rubeln erlegen zu wollen, aber der Wächter der Sicherheit an der russischen Grenze verstand mein schlichtes Deutsch offenbar nicht, denn er erwiderte, das Beste, was er für mich tun könnesei die Absendung einer Depesche nach Warschau, die ich bezahlen und deren Antwort ich in Granica abwarten müsse. Ein Mensch ohne Seele kann in Rußland existieren, aber ein Mensch ohne Paß ist ein Monstrum, und ich mußte unter diesen Umstanden von Herzen froh sein, daß es mir gestattet war, in dem einzigen sehr bescheidenen Hotel Granicas zu übernachten. Ein polnischer Jude, der mir, wie üblich, den Friedensgruß gab und sich nach meinen Geschäften erkundigte, erwiderte, als ich ihm meine Aussichten, am nächsten Morgen mit dem Frühzug abzureisen, eröffnete: „Wenn man mit „Fonje Ganew" zu tun hat, wird man nicht so schnell fertig." Er sollte Recht haben. Als ich mich vor dem Abgang des ersten Zuges am 28. Juni im Bureau der Gendarmerie präsentierte, sagte mir der diensthabende Offizier, der ein Englisch sprach, welches einen Gladstone in Erstaunen versetzt hätte: „Sie müssen warten/ die Antwort ist noch nicht gekommen." Ich begann ein neues Argument über russische Polizeirechte, indem ich sagte : „Mein Paß, für dessen Visierung ich dem russischen Konsul in Chicago 1,25 Dollars und jeder Polizeibehörde in den Städten meines Aufenthalts eine entsprechende Summe bezahlt habe, berechtigt mich, in ganz Rußland zu reisen. So bin ich nach Granica gekommen, magnetisch angezogen von dem Reiz dieser sandigen Ebene mit ihren dünnen Beständen von Kiefern, und nachdem ich diese Reize voll und ganz genossen habe, möchte ich diese Stadt und zugleich das russische Reich ganz verlassen; ich melde mich daher bei Ihnen, Herr Kapitän, zur Abreise mit tiefem Dank für die mir von den hohen Behörden Seiner Majestät erwiesene Aufmerksamkeit." Der Herr Kapitän schien sichtlich gerührt und erwiderte in seinem antigladstonischen Englisch, allerdings in etwas gekränktem Tone, daß er nicht zur Polizei, sondern zur Gendarmerie gehöre, und daß nur die erstere Behörde das Recht habe, meinen Abschiedsgruß entgegenzunehmen. Die Reihe des Erstaunens war an mir, denn ich konnte mir unmöglich vorstellen, daß -irgendwo in Rußland die Regierung das Wohl ihrer Untertanen so vernachlässigt haben sollte, daß sie ihnen keinen Polizeischutz gewähren würde. Der Herr Kapitän belehrte mich lächelnd, daß meine Zweifel ganz unberechtigt seien. Gewiß gebe es eine Polizei in Granica, die aber nur das Wohl russischer Untertanen im Auge habe; die wichtigere Sorge um die Wohlfahrt von Ausländern sei der Behörde ln der Kreisstadt überantwortet. Es wurde mir dennoch anheimgestellt, zu dem Natschelnik in Bendzin zu wallfahren und dort mein Glück zu versuchen. Ich tat es, jedoch nicht ohne die Vorsicht zu gebrauchen, ein Telegramm an die Botschaft der Vereinigten .Staaten in St.. Petersburg abzusenden. Natürlich brauchte ich zu, dieser Reise auch. meinen Paß, der mir zum besseren Schutz der Interessen des russischen Reiches erst dann eingehändigt wurde, als ich im Eisenbahnwagen saß. So mit den drei Erfordernissen eines Menschen in Rußland, mit Leib, Seele und Paß ausgerüstet, kam ich in Bendzin an, wo ich nach nur einstündigem Warten mein Visum kostenfrei erhielt. Natürlich beeilte ich michmit. dem ersten Zug Granica zu Verlassen und war herzlich. froh, in Szczakowa, der er sten öfter reichischen Grenzstation - -die langentbehrte Virginia-Zigarre und den Schutz der Staatsgrundgesetze vom 2.0. Dezember 1864 genießen zu können. . .. Dieser .Vorfall war meiu einziger Konflikt mit der russischen Sicherheitsbehörde. Ob dieselbe sich sonst, ohne sich mit mir in direkte Verbindung, zu setzen, um mein Wohl bekümmerte, . weiß ich nicht, doch, hat , es . den Anschein. Am 1.8. Juni traf ich in dem durch seine ehemalige Rabbinerschule, den Druck des jerusalemischen Talmud, .und seine Judenschlacht herühmt gewordenen Zitomir/. ein.9016 ich meinen mit russischen, türkischen Und. französischen Schristzeichen bedeckten Paß ab und.würde.. im Hotel äe Rome freundlich willkommen geheißen. . Aml nMstest Morgen erhielt ich. den Besuch eines Freundes, der mir erz'ählte,. er. hätte, das Glück gehabtem einem Straßenbahnwagen. — Zitomir hat nämlich ün Gegensätze zu den .viel größeren Städten Warschau und Odessa eine elektrische. Mraßenbahn' -'^7.•. mit.einem Polizeipristav zu fahren, den gerade ein Freu.nd aufforderte, ihminsTheater zu begleiten. Der Polizist antwortete' ablehnend, indem er mit vielseitigem Lächeln sagte, er habe^ ein- Geschäst in. der Rymska Gostinitza. Freilich konnte mein Freund nicht wissen, ob dieses Geschäft auf mich Beziehung, hatte,, denn chie Polizei hat oft Geschäfte in denHotels- . Und-' gerade ist. diesem Hotel war'kurz zuvor ein mißliebiger Pyljzeippiffav . erfchoMn worden. Eigentümlich war es jedoch, daß bald daraus. der Geschäftsführer des. Hotels zu mir kam,, der fichifxastzöstsch als Gersnt vorstellte und den Namen meines Vaters erfahren wollte, der für die Polizei von besonderem Interesse sei.' "Ich gab die gewünschte Auskunft und fügte hinzu, daß ich Lank des Umstandes, daß meine Familie durch zwei Jahrhunderte' in einern kleinen Städtchen gewohnt hatte, in der Lage sei, meine Genealogie durch sechs Geschlechter verfolgen zu können und daß ich der Polizei sehr gerne die Namen aller mir bekannten Vorfahren bis auf einen im Jahre 1707 verstorbenen Ahnen zur Verfügung stellen wollch darüber - hinaus könnteich fürden Augenblick nicht gehen, sei aber bereit, auf Wunsch der hohen Polizei weitere Nachforschungen anzustellen. Der Herr Garant meinte, daß es für den Augenblick genüge, wenn er mir einen Mittelnamen mit dem nötigen „owicz" oder „ewicz" beilegen könne. Da wir aber. NM -,fchon^LWmah7.ü.ber intime Verhältnisse Gedanken ausgetaüscht hätten; wolle er mir anvertrauen, daß er seit 35 Jahren-Än den Folgen 'einer Krankheit leide, die sich bei Leuten, welche von ' Kindheit an nach der Regel des heiligen Benedikt leben, nur selten findet... Er meinte nun, daß ein Doktor, der noch dazu Profeffor . sei, . und...aus dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten .komme,.-gewiß auch ihm helfen könne. Ich erwiderte: wahrheitsgetreu,-, daß ich biH jetzt vergeblich versucht hätte,mich;- vonden Hühneraugen zu befreien, welche ich mir voü meinen-Märschen auf dem Pflaster türkischer und russischer Städte geholt hatte, und. darum. es doch nicht wagen will/ auf eigene.7Faust Wunderkuren .. in, so delikaten. Fästen zu verrichten. Mein: Gdrant war ein. wenig erstaunt und bat mich um Vergebung für die Frage, was für ein .Professor ich eigentlich sei und welches. Hell ich. den Bewohnern:- des. Zarenreiches. bringen wolle, wenn ich nicht in der Lage. sei,, die.35jährigen,.Folgen seiner Jugendsünden aus der. Welt zn Haffen. Ich erwiderte, daß ich bloß gekommen sei,, um. die . herrlichen Wohlfahrtseinrichtungen deA Zarenreiches zu studieren, und - diese Antwort schien meinen Interviewer zu befriedigen.. Wester .chahe -ich. von "der Sache nichts gehört und weiß dahernjchst ollster Herr tatsächlich in mir einen providentiellen Gast sah, oder ob die löbliche Polizei außer dem Namen meinesHaters-stoch andere Dinge - erfahren wollte.