Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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suchen. Sechs meteorologische Stationen sind begründet worden, um die klimatischen Verhältnisse systematisch zn beobachten. Baumwollbau ist in kleinem Maßstab angefangen worden. In Europa hat die Palästinakommission möglich -viel authentische Informationen über Palästina durch Vorträge und Flugschriften verbreitet. Der Kongreß genehmigte den Bericht der Kommission und drückte dem Berliner Delegierten, Professor Marburg, seinen Dank aus. Es wurde beschlossen, einen Olivenwald in Palästina zur Erinnerung an Theodor Herzl zu pflanzen. Dieser Wald soll im Anfänge aus 1000 Bäumen bestehen. Die Kosten beziffern sich auf ungefähr 60000 Mark. Die Sammlung dieser Summe wurde sofort eingeleitet und man hofft, im Laufe des Winters mit der Pflanzung anzufangeu. G. Kremenetzky berichtete über den sehr ungünstigen Stand des sogenannten Nationalfonds. Vorläufig besteht dieser Fonds aus- 840 000 Mark, wovon 540000 Mark während der letzten zwei Jahre gesammelt wurden. Der Kongreß genehmigte ^im weiteren Verlaufe eine jährliche Ausgabe von 8000 Kronen während der nächsten zehn Jahre für die Erziehung der Kinder Theodor Herzls. Der Kongreß genehmigte auch die sofortige Anlegung eines Kapitals von 200000 Kronen, um Herzls Kinder sicherzustellen. Ferner beschloß der Kongreß die Begründung einer National-Jüdischen Bibliothek durchzuführen. Ein russischer Zionist, Dr. Chasanowitsch, schenkte 10000 hebräischer Bücher m3> Manuskripte zu diesem Zweck. — Die Jahresversammlung bes zionistischen Finanzinstituts, der Jüdisch-Kolonialbank, wurde ebenfalls hier abgehalten und die Direktoren erklärten, eine Dividende von 2^/2 Prozent zur Auszahlung zu bringen. — Am Mittwoch Nachmittag fand die Schlußsitzung statt, in der die sieben Mitglieder. t>e| engeren Aktionskomitees gewählt wurden, nämlich die Herren Pr^i fessor Marburg, Molffsohn, Kann (Haag), llssischkin, KohaN-BernfteiH Dr. Alexander Marmorek, Greenberg. .Das Große Aktionskomitee besteht aus den Herren Dr. Leopold Kahn, Dr. Kokesch, Kremnetzky, Oskar Marmorek (als früheren Mitarbeitern Herzls), ferner aus den Herren Dr. Bodenheimer, Dr. Friedemann, Dr. A. Hantke, Feiwel (Deutschland), Schnierer, Temkin, Tschlenow, Schmarja, Levin, Dr. Sapir, Rosenbaum, Goldberg, Sokolow, Cowen, Sir Franejs Montefiore, Dr. Meitzmann. Dr. Bodenheimer ist Kongreßanwalt. Die Palästinakommission bleibt wie bisher bestehen, außerdem wurde eine Bibliothekskommission gewühlt, der die Herren Dr. Loewe-Berlin und Rosenbaum-Newyork angehören, und eine Propagandakommission von 25 Mitgliedern. D. Molffsohn hielt die Schlußrede, da Nordäu erkrankt ist. Molffsohn wandte sich gegen den Bruderkrieg und mahnte zur Einigkeit. „Zions und Herzls werden wir nie vergessen. Wir wiederholen unseren Schwur am Grabe Herzls, Zions nie zu vergessen. Die Arbeit beginne von neuem." In einer hierauf abgehaltenen Komiteesitzung wurde Wolfsohn (Köln) znm Präsidenten gewählt, und der Sitz des großen Aktionskomitees von Wien nach Berlin verlegt. — Die deutschen Zionisten haben folgendes Telegramm an den Kaiser abgesandt: „An des Kaisers Majestät, Berlin, Schloß. Die in Basel versammelten deutschen Zionisten senden Seiner Majestät ihren untertänigsten Huldigungsgruß mit der Versicherung ihrer unverbrüchlichen Treue zu Kaiser und Reich. Dr. Bodenheimer." Darauf lief folgendes Antworttelegramm ein: Kabinen, Schloß. „An den Vorsitzenden des Zionistenkongresses, Herrn Dr. Bodenheimer, Hotel llnivers., Basel. Seine Majestät der Kaiser haben den Huldigungsgruß der Delegierten der deutschen Zionisten gern entgegengenommen und lasten dafür danken. Im Allerhöchsten Aufträge von Tschirschky, Königlicher Gesandter." — Dagegen hat der Führer der Territorialisten-Kongresses Zangwilh, an den englischen Premierminister Balfour wegen Landabtretung telegraphiert. Die Antwort soll günstig lauten. — Innerhalb der Kongreßopposition hat sich ein Herzlklub gebildet. Die Opposition will auch durch Schaffung einer nationalen Autonomie außerhalb Palästinas das Basler Programm durchfuhren und auf dem nächsten Kongreß ihrem Programm mit allen parlamentarischen Mitteln zum Durchbruch verhelfen. Von Osh und Fern. — Der Privatdozent der Chemie Dr. Rosenheim hat den Professortitel erhalten. — Gegen den Grafen Pückler war ein Steckbrief und von der Glogauer Staatsanwaltschaft ein Haftbefehl erlassen wordeA Graf Pückler entzog ftch der Festnahme aber durch die Flucht, wie es hieß, nach England. Vor einiger Zeit hieß es, daß er sich im Hotel Waldfrieden in Schierke aufhalte. Nach" drei Tagen reiste der Graf ab. Am anderen Tage vormittag erschienen, der Gendarm und der Ortsdiener, um den Grafen Pückler zu verhaften. Aber sie fanden das Nest natürlich leer.' — Nach einer amtlichen Meldung ist Graf Pückler-Kl.-Tschirne am 3. d. M. abends, als er mit dem Schnellzuge 7,43 Uhr aus dem Görlitzer Bahnhof ans Kottbus hierankam, in unauffälliger Weise von Kriminalbeamten sestgenommen worden. Er wurde der Kriminalpolizei zugeführt und mußte bald daraus in Begleitung eines Kriminalbeamten die Weiterreise nach Glogau angetreten. Im 77. Lebensjahre ist in Leobschütz am 27. v. M. der Rentier Siegmund Luft, langjähriger Vorsteher der jüdischen Gemeinde, gestorben. — In Offenbach am Main ist am 27» v. M. im 57. Lebensjahr nach schweren Leiden Herr Max Heß gestorben. Der Verblichene war seit einer Reihe von Jahren Stadtverordneter und Mitglied des israelitischen Gemeindevorstandes, sowie vieler wohltätiger Institute der israelischen Gemeinde. In allen diesen Körperschaften entwickelte der Entschlafene eine ersprießliche Tätigkeit. —In Bamberg soll eine neue Synagoge erbaut werden, wozu der Bankier Wassermann einen Beitrag von 100 000 Mark leisten will. — Der Bildhauer Henrik Glycensteinhafi auf der Kunstausstellung in Münchendie kleine goldene Medaille erhalten. Derselbe hat dem Zionistenkongreß in Basel eine Allegorie in Marmor „Der Genius des jüdischen Volkes" zum Geschenk gemacht. — In Mailand ist am 3. d. M. im Alter von 79 Jahren Senator Tnllo M assarini gestorben, der sich als Vorkämpfer der italienischen Unabhängigkeit große Verdienste erworben hat. Er war als Schriftsteller und auch als Maler hochgeschätzt und wird von allen Parteien tief betrauert. — In Canterets ist der Divisionsgeneral Hinstin im 74. Lebensjahre gestorben. Er begann 1878 als Leutnant seine militärische Karriere. — In Brüssel ist am 2. d. M. Professor- Leo Errera, der bedeutendste Botaniker Belgiens, im Alter von 47 Jahren infolge eines Schlaganfalls gestorben. Mit ihm verliert die botanische Wissenschaft einen ihrer Hanptgelehrten. Für unsere unterdrückten Brüder in Rußland ist er öfters in Wort und Schrift energisch eingetreten. Ehre seinem Andenken! —- JnRischkano w ka bei Kischinew hat eine Judenhetze stattgefunden, bei der acht Juden und zwei Christen getötet und viele verwundet wurden. Das Gut eines der größten Gutsbesitzer der Gegend wurde geplündert. — Dem im Hospital von Irkutsk befindlichen jüdischen Gefreiten der 31. Artillerie-Brigade, Lasar Licht mach er, der für seine Tapferkeit mit vier Georgskreuzerl dekoriert wurde, mußte unlängst die linke Hand amputiert werden. Trotz der Verstümmelung wandte sich der Gefreite an General Trepow um die Erlaubnis, in die Reihe der kämpfenden Soldaten zurückkehren zu dürfen. Trepow unterbreitete das Gesuch dem Höchstkommandierenden, General Linewitsch, der den Wunsch des Veteranen erfüllte. — Wie „Beloruski Westnik" erfährt, geht man im russischen Ministerium für Volksaufklärung mit dem Plane um, die berüchtigte prozentuale Norm bei der Aufnahme von Juden in allen Mittelschulen entweder ganz abzuschaffen oder doch sehr wesentlich zu erhöhen. Selbstredend wird dieser Plan das genannte Ministerium solange „beschäftigen", bis das russische Tschinowniktum und mit ihm die Jgnatiewschen Maigesetze zusammengebrochen sein werden. — Sämtliche jüdischen Stadtverordneten von Wilna haben nunmehr ihr Mandat niedergelegt, da dasselbe nicht durch Wahlen, sondern durch die Ernennurrg seitens des Gouverneurs erworben wurde. Gleichzeitig mehren sich die Nachrichten von gleichen Mandatniederlegungen jüdischer Stadtverordneter aus allen größeren und mittleren Städten des Ansiedlungsrayons. Bis jetzt haben gegen 150 jüdische Stadtverordnete auf ihre Aemter verzichtet. — Nach den Mitteilungen des „Medical-Necord" befinden sich in Newyork 1100 jüdische Aerzte. Die Gesamtzahl der Aerzte in dieser Millionenstadt beläuft sich auf ca. 5000. Die jüdischen Aerzte gehören zn den berühmtesten in diesem Fache und besitzen zumeisteine ausgebreitete Praxis. Einige von ihnen haben auf medizinischem Gebiete hervorragendes geleistet. HÜÜ