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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-07-21 · Heft 29 (21.7.1905) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 69. Jahrgang. No. 29. Berlin, 21. Juli 1905. Begründet von Rabbiner Ludwig Philippson. . Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen fär Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Ierusalemer Straße $6/4:9, zu richten. Nerlag von Rudolf rNosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljähri. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeler. „Gelchstt und Judentum." Be.rlin, 18. Juli. mit dieser Ueberschrift erhalten wir von einem Freunde unseres Blattes aus den Kreisen des deutschen Buchhandels die folgenden bemerkenswerten Ausführungen: Der Zusammenhang zwischen „Geschäft und Judentum" wird nicht jedem klar sein. Am allerwenigsten in dem Sinne, in dem es an dieser Stelle gemeint ist. Aber es ist unbedingt richtig, daß in Rücksicht aus die Sensibilität der Juden auch von „vornehmer" — ja nicht selten einmal von antisemitischer Seite — Unternehmungen arrangiert werden, mit dem geschäftlichen Ausblick nach dem Juden hin, von dem das Gedeihen des gegen ihn gerichteten „Geschäftes" erwartet wird. Das klingt paradox, ist es aber, wie gesagt, durchaus nichts Man frage bei den Fabrikanten antisemitischer Literatur, wo sie ihren Absatz in der Hauptsache erwarten, und wenn es noch ehrliche Antworten gibt, so werden wir hören, bei den Juden. In. einer ganzen Anzahl von Buchhändler-Prospekten über „Werke" antisemitischer Tendenz findet sich der klassische Satz: „Jeder Jude ist ein sicherer Abnehmer". Unendlich oft habe ich in solchen. Zirkularen den lapidaren Rat gefunden: „Senden Sie das Werk Israeliten zur Ansicht und der Erfolg wird nicht ausbleiben." Also immer der Reflex auf den Juden, der zugleich verbrannt wird und der dabei aber noch das Holz zu einem eigenen Scheiterhaufen selbst herbeitragen muß. Aber — ich weiß auch, daß diese Reflexionen vom Standpunkte des Geschäftes aus ganz richtig find, mit anderen Worten, daß die Juden in nicht seltenen Fällen die antisemitische Literatur großziehen. Indessen hat dieser Zweig einer — man verzeihe das Wort — weit entwickelten Literatur nur sekundäre Bedeutung neben der neuzeitlichen „konfessionellen Memoiren-Literatur". Und wieder ist es das Judentum, auf das man seine Hoffnung in bezug auf ein „gutes Geschäft" setzt. Erst kamen „Menschliche Bekenntnisse", die von einem Buddhisten, Mormonen oder Türken ebensogut hätten herstammen können als von einem Juden. Sie wurden anziehender gemacht durch die Note „Von einem Juden". Und an alle Buchhändler im Lande erging der Ruf: „Hier ist ein großes Geschäft mit den Juden zu machen, laßt Euch die Gelegenheit nicht entgehen". Dann kamen die „Persönlichen Angelegenheiten", diktiert von dem gleichen Gedanken. Schließlich aber die gegenwärtig höchste Entwicklung: „Für das Unglück eines natürlich ideal veranlagten Juden, die Gesamtheit der Juden verantwortlich zu machen." Im großen und ganzen sind die Autoren der letztgenannten Spezies nicht gerade bescheiden. Das mindeste, was sie tun, ist, sich mit Gutzkow zu vergleichen, wenigstens aber doch mit Heijermans. Und ihre Arbeit ist in der Zeit der Elektrizität und der Dampfes ja so furchtbar einfach. Man braut nur einen schwärmerischen religiös begeisterten Aestheten zusammen, setzt ihn in eine Familie jüdischer Kaufleute, läßt ihn sich dann in ein armes Mädchen verlieben und der notwendige Konflikt ergibt sich. Natürlich haben die Kaufleute keinen Sinn fürideelle Schwärmerei, natürlich wird der Aesthet aus der Familie ausgestoßen, geht unter mit einem Fluche auf seine Religion — die — man kanrüs tausendmal lesen — ihre Anhänger zu Geschäftsleuten stempelt. Oder aber es kommen wahre Begebenheiten aus „jüdischen Kreisen", als da sind Ehescheidungen, Entmündigungen eines jüdischen Ideologen durch die Gesamtheit der Juden. Es prallen in Form „wahrer" Begebenheiten reelle Geschäftsgrundsätze mit unehrlichen Tendenzen zusammen. Die Hauptsache bleibt jedenfalls, daß das Judentum die Zeche bezahlt. Dann reflektiert man auf die Juden als Abnehmer. Wir sagten vorhin schon, daß in allen diesen Ausführungen keine Spur einer Uebertreibung läge, eher das direkte Gegenteil einer solchen. Nur ist die kühle Feststellung nüchtern gegenüber der tönenden lebendigen Agitation. Da wird z. B. gegenwärtig ein Prospekt verbreitet, in dem es heißt: „Der jüdische Verfasser schildert in diesem Buche in packender Ausführung seine Leiden in einer unglücklichen Ehe. Die,Einzelheiten der Handlung spitzen sich oft in hochdramalischer Weise zu. Von Anbeginn seiner Ehe an hatte er mit seinen Schwägern zu kämpfen, weil er sich auf deren Manipulationen nicht einlassen und sich seine durch die eingegangene Ehe erworbenen Rechte nicht nehmen lassen wollte. Die Ehefrau wandte sich schließlich ihren Brüdern zu und ivurde zum größten und gefährlichsten Widersacher ihres Mannes. Das eheliche Zusammenleben wurde aufgehoben. Mit einer furchtbaren Waffe, nämlich dem anfechtbaren Attest eines Arztes, wonach der Verfasser des Buches an Gehirnerweichung leiden und gemeingefährlich sein sollte, wurde der Unglückliche nun verfolgt. So mußte er, für verrückt angesehen, unter anderem 30 Tage in einer Isolierzelle zubringen, um als Irrsinniger behandelt zu werden." .Und der Prospekt schließt: , „Voraussichtlich wird sich mit dem Werke ein Massengeschäft machen lassen, zumal der billige Preis, 1 Mark ord. es ermöglicht, daß auch minderbegüterte Kreise Käufer des Buches sein werden. Es dürfte auch wohl kaum einen Israeliten geben, der das Buch nicht kaufen wird." Die Erfahrung hat ergeben, daß es unmöglich ist, alle diese „Erscheinungen" in ihren Nutzanwendungen auf das

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